Freiwilligendienst: Nur mal kurz die Welt retten

    29. April 2017, 09:00
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    Gutes tun und Lebenslauf aufbessern: Internationale Freiwilligendienste sind beliebt bei Studierenden

    Wien – Bloß keine Zeit verschwenden: Für viele junge Menschen zieht der Wettbewerb um den besten Lebenslauf einen strengen Zeitplan nach sich. Sich im Sommer auf ausgedehnte Reisen zu begeben, bedeutet für viele ein schlechtes Gewissen und Praktika zu verpassen. Diese Zwickmühle, in der sich viele Studierende gerade im Sommersemester – wenn es gilt den Sommer zu planen – befinden, haben einige Reiseveranstalter erkannt. "Auslandserfahrung ist heute eine Schlüsselqualifikation, die nicht im Lebenslauf fehlen sollte", heißt es etwa beim Reiseveranstalter Rainbow Garden Village (RGV), der Freiwilligendienste und Praktikaplätze in Afrika und Asien betreut.

    Anna Lindorfer war immer schon interessiert an Entwicklungshilfe, Zeit dafür, neben dem Studium reinzuschnuppern, hatte sie aber nie. "Ich hatte nur einen Monat Zeit im Sommer", erzählt die Architekturstudentin, die vor drei Jahren über die Organisation RGV im Rahmen eines Freiwilligendienstes in Ghana war und dort in einem Waisenhaus gearbeitet hat.

    Ihre Erfahrung möchte sie nicht missen, jedoch sieht sie ihren Einsatz rückblickend sehr kritisch: "Die Kinder tun sich sehr schwer, weil sie keine stetige Bezugsperson haben, sie müssen sich immer umgewöhnen. Das gilt für alle Arbeiten mit Kindern", sagt Lindorfer. Die von RGV festgelegte Mindestdauer von vier Wochen findet sie nicht ausreichend: "Oft werden einem Zusammenhänge erst bewusst, wenn man sie sieht."

    Ambivalente Aufenthalte

    Projekte mit Waisenhäusern werden jedenfalls seit Juni 2016 nicht mehr angeboten, sagt Steffen Mayer, Geschäftsführer von Rainbow Garden Village, dem STANDARD. Denn es wurden Fälle publik, bei denen Waisenhäuser künstlich am Leben erhalten wurden, indem Kinder von der Landbevölkerung dorthin verschleppt wurden. "Es gibt Projekte, die extra dafür geschaffen wurden, damit Freiwillige kommen können", sagt die Anthropologin Maria Dabringer, die an der Universität Wien lehrt.

    Der Freiwilligendienst werde oft zu einer Art touristischer Reise in den Süden, um den eigenen Lebenslauf interessanter zu gestalten. Wiewohl man nicht alle Projekte über einen Kamm scheren könne: Denn grundsätzlich sei ein Auslandsaufenthalt etwas Positives. Problematisch werde es aber dann, wenn die Erfahrung auf Kosten der als unterlegen geltenden Gruppe geht.

    Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Lindorfer, wenn sie auf ihre Zeit in Ghana zurückblickt: "Man hinterlässt nichts Hilfreiches für die Region. Bloß für einen selbst ist es eine Bereicherung."

    Nach Mayers Erfahrung würden die Probleme oft mit falschen Erwartungshalten der Teilnehmer zusammenhängen. Klar sei, dass die persönliche Erfahrung der Teilnehmer im Vordergrund stehe. "Wir erzählen den Teilnehmern nicht: Ihr werdet vor Ort die Welt retten!", sagt Mayer.

    Begegnung auf Augenhöhe

    "Es kann schon sinnvoll sein, mit dem globalen Süden zusammenzuarbeiten" , sagt Dabringer, aber es gehe um eine größere Perspektive, darum, Beziehungen auf Augenhöhe zu ermöglichen: "Wir steuern auf die nächste Hungerkatastrophe in Afrika zu, und die Leute fahren runter und machen ein Praktikum." (Vanessa Gaigg, 29.4.2017)

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