Das Rennen um den ersten Sexroboter geht in die Zielgerade

    1. Mai 2017, 10:22
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    Mehrere Firmen vor dem Marktstart – Maschinen sollen mehr als bloß ein Lustobjekt sein

    Der Wunsch nach Lusterfüllung war immer schon auch eine Triebfeder für den menschlichen Erfindungsgeist. Unzählige Apparate zum Zwecke der Befriedigung wurden im Laufe der Geschichte entwickelt. Auch der Traum vom perfekten, künstlichen Sexualpartner ist älter, als die Vision humanoider Maschinen und lässt sich bis in die griechische Mythologie nachvollziehen. Filme wie "Ex Machina" erzählen von Beziehungen zwischen Menschen und ihren Kreationen.

    Die technologischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte lassen die Erfüllung dieser Vision nun immer näher rücken. Auch der Markt scheint bereit, die Sextechnologie-Industrie setzt jährlich mittlerweile 30 Milliarden Dollar um. Mehrere Erfinder und Unternehmen arbeiten seit Jahren an der Umsetzung von Sexrobotern. Das Rennen biegt nun in die Zielgerade, wie der Guardian in einer ausführlichen Reportage berichtet.

    Speerspitze

    Die Journalistin Jenny Kleeman ist für ihren Bericht über den Atlantik geflogen. Die USA, das Land in dem religiöser Konservatismus auf die größte Pornobranche der Welt trifft, beherbergt die Speerspitze der Entwicklung.

    Im kalifornischen San Marcos entwickelt etwa Abyss Creations eine robotische Partnerin namens "Harmony". Lange war das Unternehmen auf extrem realistisch wirkende, bewegliche Sexpuppen aus Silikon – genannt "RealDoll" – spezialisiert. Der nächste Schritt heißt nun Realbotix. Man hat eine Virtual-Reality-Erfahrung entwickelt und möchte nun auch die künstlichen Körper zum Leben erwecken.

    Bauteile aus dem 3D-Drucker, unzählige Sensoren, Spracheingabe, künstliche Intelligenz: Harmony soll laut ihren Erfindern längst nicht nur allzeit für den Akt bereit stehen, sondern auch als Gesprächspartnerin fungieren. Ihre Persönlichkeit lässt sich konfigurieren, sie lernt die Vorlieben des Nutzers und merkt sich auch die Namen von Verwandten oder sein Lieblingsessen für die Konversationen.

    Sie verfügt über Sprachausgabe, Augenbewegungen und Mimik. Gehen kann sie allerdings nicht. Die dafür notwendige Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, erklärt Harmonys Erfinder Matt McMullen. Man erkenne das auch daran, dass die meisten gehfähigen Roboter von heute aussehen wie "Kühlschränke mit Beinen". Harmony soll Ende des Jahres in einer ersten, auf 1.000 Stück limitierten Serie auf den Markt kommen, für 15.000 Dollar pro Stück.

    Mehr als ein Lustobjekt

    Man sollte kluge Sexroboter allerdings nicht nur als reine Lustmaschinen begreifen. David Levy, ein bekannter KI-Entwickler, prognostizierte 2007 in seinem Buch "Love and Sex with Robots", dass die Maschinen künftig einmal auch therapeutische Zwecke haben werden. Personen, die sozial ausgeschlossen sind oder sich damit schwer tun, sich in die Gesellschaft zu integrieren, könnten durch sie einen wichtigen Ausgleich erfahren. Eines der Themen, mit welchen sich mittlerweile eine nach dem Buch benannte, wissenschaftliche Konferenz befasst, die 2016 zum zweiten Mal stattfand.

    Außenseiter sind nicht die einzige Zielgruppe der Entwicklung, auch Massenmarktpotenzial steht in Aussicht. In einer Umfrage der Universität Duisburg-Essen unter 263 heterosexuellen Männern äußerten 40 Prozent, dass sie sich den Kauf eines Sexroboters in den nächsten fünf Jahren vorstellen könnten.

    Vom künstlichen Freund zum Sexroboter

    Auch andernorts wird an Sexrobotern gearbeitet. Der Entwickler David Hines erarbeitete über Jahre eine künstliche Intelligenz, die zuerst dazu diente, einen verstorbenen Freund zu imitieren. Später programmierte er sie um und verfrachtete sie in einen Roboter, der sich mit seinem Vater unterhielt, der nach einem Schlaganfall zwar körperlich eingeschränkt, aber geistig immer noch fit war.

    Überzeugt vom Potenzial künstlicher Partner gründete er schließlich das Unternehmen True Companion. Mit Roxxxy werkt man auch hier an einem Roboter, der den Nutzern soziale Interaktion bieten soll. Der Sex, so Hines, sei nur ein oberflächlicher Bestandteil der Erfindung. Vorgestellt wurde sie 2010 auf einer Pornomesse, mittlerweile ist die sechzehnte Version in Arbeit. Für 10.000 Dollar kann man die Maschine vorbestellen, das Fertigstellungsdatum ist aber unklar. Unter dem Namen Rocky ist auch eine männliche Version in Arbeit.

    Erstes Ziel auf einem langen Weg

    Ein weiteres Projekt ist "Android Love Dolls". Dort arbeitet Roberto Cardenas an realistischen Sexrobotern. Für deren Körper stehen reale Frauen Modell, die neben einer Modelgage auch am Verkauf der Roboter beteiligt werden sollen. Das derzeitige Entwicklungsziel: 20 Positionen und die Fähigkeit zum Sitzen und Kriechen. Inspiration für weitere Features holt sich Cardenas von Gleichgesinnten aus einem Onlineforum.

    Langfristig soll der Sexroboter nur der erste Schritt. Cardenas will humanoide Roboter bauen, die an Supermarktkassen arbeiten, Hausarbeiten erledigen oder ältere Menschen unterstützen. Bis dahin dürften noch einige Jahre vergehen. Ein Sexroboter hingegen sei das schnellstmöglich erreichbare Ziel auf diesem Weg, erklärt er gegenüber dem Guardian.

    Kritik

    Es gibt allerdings auch Kritik an der Entwicklung. Sexroboter basierten auf der Idee, dass Frauen Eigentum seien, kritisiert die Anthropologin und Ethikforscherin Kathleen Richardson. Das Verhältnis sei sklavenähnlich, Sex mit Robotern basiere nicht auf gegenseitiger Einwilligung. Sex sei mehr als nur die Vereinigung zweier Körper, argumentiert sie. Sie sieht auch eine gegenseitig verstärkende Wirkung zwischen Online-Pornografie und sexueller Ausbeutung.

    Auf der "Love and Sex with Robots"-Konferenz traten dem andere Forscher entgegen. Computerwissenschaftlerin Kate Devlin etwa erklärte, man solle neue Formen von Partnerschaft und Sex erforschen, statt dagegen mobil zu machen. Sie verwies etwa auf Japan und die Niederlande, wo Pflegeroboter bereits experimentell eingesetzt werden, um Menschen mit Demenz etwas Nähe zu bieten. "Das therapeutische Potenzial ist sehr gut", sagte sie in ihrem Vortrag. "[Die künftige Entwicklung] muss nicht unbedingt etwas Schreckliches sein." (red, 01.052017)

    • Abyss Creations will seinen realistischen Sexpuppen mit Sensoren und künstlicher Intelligenz Leben einhauchen.
      foto: abyss creations

      Abyss Creations will seinen realistischen Sexpuppen mit Sensoren und künstlicher Intelligenz Leben einhauchen.

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