Besuch bei einem der letzten Schiffstischler Portugals

    3. Mai 2017, 06:00
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    Carlos Santos ist ein Anker für alle Weltumsegler. Der Tischler an der portugiesischen Atlantikküste repariert Schiffe aus Holz und gilt als einer der letzten seiner Zunft. Bald übergibt er seine Werkstatt an ein Museum in Peniche

    Wie gut, wenn man weiß, wie es mit der eigenen Werkstatt eines Tages weitergehen wird. Gerade in der Wirtschaftskrise, erst recht in einer aussterbenden Branche. Wie schön, dass sich endlich einer gemeldet hat, der die Schiffstischlerei von Carlos Santos in Peniche an der portugiesischen Atlantikküste übernehmen wird, wenn der 67-Jährige keine Lust mehr haben und Hammer, Hobel und Sandpapier endgültig zur Seite legen wird. Das Ortsmuseum übernimmt seine Carpintaria Naval und demontiert alles: die Werkbank, die über ein halbes Jahrhundert alten Maschinen, die Hobel, die Fußballfotos und Konzertplakate, die Postkarten von Weltumseglern. Und sogar den Playmate-Kalender von 2016, den Carlos ab "Miss Januar-Februar" nicht mehr umgeblättert hat.

    All die Monate, die Tage, ihre Daten – das ist egal geworden, seit er vor inzwischen fast zwei Jahren offiziell in Pension gegangen ist und inoffiziell genauso weitermacht wie zuvor. Jeden Tag geht er durch die Rua das Arribas do Mar in die Arbeit, öffnet die beiden großen Tore, damit frischer Wind durch die Werkstatt weht. Dann legt er los. Mit Blick auf den Atlantik. Und auf die blonde Miss Januar-Februar 2016.

    Reparieren und ausrangieren

    Früher, da hat Carlos Santos hier ganze Fischerboote gebaut. Noch heute repariert er die älteren von ihnen. Es werden immer weniger, weil Fiberglas und Metall sich durchgesetzt haben, und kaum einer noch viel Geld in den Erhalt seines alten Holzbootes investiert. Eher wird es ausrangiert und ein modernes angeschafft – wenn genügend Geld dafür da ist.

    Ersatzweise ist seit einigen Jahren neue Kundschaft hinzugekommen: Es sind die Freizeitsegler mit ihren liebevoll gepflegten Holzschiffen, ein paar Einheimische und mehr noch welche auf Durchreise entlang der Atlantikküste, die zu den Kanaren, nach Madeira und Porto Santo wollen oder von hier aus mit den Inseln als Zwischenstationen über den Atlantik segeln wollen.

    Passgenauer Ersatz

    Oft rufen welche von ihnen ganz hektisch aus dem Hafen an, weil sie auf die Künste eines Handwerkers wie Carlos Santos angewiesen sind. Auf den Kennerblick, sein Händchen für Holz, sein Knowhow über Bootsbau. Und manchmal auch auf sein Improvisationstalent, wenn es darum geht, über Nacht passgenauen Ersatz zu fertigen und einen kleinen Schaden zu beheben. Eine Reparatur am Ruder für die Yacht mit Heimathafen Bregenz? Ein Schaden an der Pinne bei einem Boot aus Hamburg? Alles kein Problem.

    Drei Schiffstischler leben noch in Peniche, dieser 26.500-Einwohner-Stadt rund hundert Kilometer nördlich der Hauptstadt Lissabon, die irgendwann zum Surfer-Hotspot wurde, als sich herumsprach, was für Wellen der Ozean hier auf die Strände vor allem am südlichen Ortsrand schiebt. Die beiden anderen arbeiten fast ausschließlich im sechzig Kilometern entfernten Nazaré, nur Carlos Santos hält vor Ort die Stellung. Nachfolger hat keiner von ihnen.

    Skizzen auf der Planke

    Wie das mit dem Aufhören ist? "Ganz entspannt", sagt der hagere Mann mit Hornbrille. "Es macht mir noch immer Spaß, seit ich mit sechzehn damit angefangen habe. Ein Kunstmaler", setzt er noch wie zur Rechtfertigung nach, "legt die Pinsel ja auch nicht aus der Hand, sobald er in Pension ist. Er malt einfach weiter." Er greift nach seinem Bleistift und kritzelt eine Skizze auf eine Planke.

    Tatsächlich ist er erleichtert, dass das Stadtmuseum im alten Fort in nur 500 Metern Entfernung alles übernehmen und ausstellen wird: "Es hätte mir das Herz gebrochen, hier einfach nur zu entrümpeln. Meine Werkzeuge, all diese Begleiter durch 50 Jahre Berufsleben wegzuschmeißen, die Tür hinter mir zuzuziehen und für immer zuzusperren." Die Finger der rechten Hand spielen mit einem Bleistiftstummel, während er spricht. Seine Brille liegt derweil auf der Werkbank. Seine Gesichtszüge, der Augenausdruck – all das signalisiert: Dieser freundliche alte Mann in Polohemd, Pulli und Jeans, mit der wettergegerbten Haut und den Fältchen im Gesicht ist mit sich im Reinen.

    Neuer Monat im Playmate-Kalender

    Was er als Bootsbauer am liebsten getan hat? "Mit Pinie arbeiten", sagt er. "Sie fügt sich, ist kooperativ. Sie macht mit bei dem, was man als Tischler mit ihr anstellen will." Früher hat er in dieser Werkstatt, die er bereits von seinem Vater übernommen hat, ganze Rümpfe gebaut. Kleinere Fischerboote und Segelschiffe hat er durchs Tor ins Freie geschoben und über den Sand der Straße hangabwärts in Richtung Ozean gezogen, sie zu Wasser gelassen und dort weiter ausgebaut.

    Vor ein paar Jahren haben sie ihm die Straße asphaltiert. "Das Verkehrsaufkommen" sagten sie nur, "Notwendigkeit" und "geht nicht anders", obwohl hier an verkehrsreichen Tagen alle zehn Minuten ein Auto vorbeikommt. Und spätestens als an der nächsten Kreuzung zwei neue Häuser hochgezogen wurden, ging wirklich nichts mehr: zu eng für ein Boot. Die neue Zeit und sein altes Gewerk passten nicht mehr zusammen. Er blieb trotzdem, hat damals einfach einen neuen Monat in seinem Playmate-Kalender aufgeschlagen und weitergemacht. Boote hat er seitdem keine mehr gebaut. Aber passgenauen Ersatz gefertigt, ausgebaute Teile repariert, sogar Schiffsmöbel konstruiert. Aus der Mini-Werft am falschen Platz ist ein reiner Reparaturbetrieb geworden. Die Weltumsegler konnten auf ihn zählen – sie können es auch weiterhin.

    Ein Leben spielt an Land

    Ein eigenes Boot hat sich Carlos Santos nie gebaut: "Ich hätte es natürlich gekonnt. Aber ich kann ja mit anderen rausfahren. Ich habe nie ein eigenes gebraucht. Und ehrlich gesagt, ich bin gar nicht so gerne da draußen auf dem Meer. Es ist das Reich der Fischer und der Seefahrer. Mein Leben spielt an Land." In dieser Werkstatt von vielleicht siebzig Quadratmetern – und im Stadion von Sporting Lissabon, seinem Lieblingsverein.

    Früher ist Santos regelmäßig mit dem Auto zu den Heimspielen in die Hauptstadt gefahren. Seit die Autobahn mautpflichtig wurde, ist es ihm zu teuer geworden – und über die Landstraße zieht sich die Fahrt ewig hin. Er verfolgt die Spiele jetzt zusammen mit Freunden vor dem Fernseher in der Bar. Ihre Stadionatmosphäre schaffen sie sich auch dort, dafür müssen sie Peniche nicht verlassen.

    Leidenschaftlicher Cineast

    Wenn es Santos doch einmal nach Lissabon zieht, dann des Kinos wegen. Das in Peniche hat vor Jahren zugemacht – ganz ohne im Stadtmuseum wieder aufgebaut zu werden. Santos ist nicht nur belesen, sondern auch leidenschaftlicher Cineast. Während der Salazar-Diktatur bis 1974, als ausländische Filme in Portugal weitgehend verboten waren, hat er heimlich geschaut, liebt seitdem Charlie Chaplin und Marylin Monroe.

    Wenn er in derselben Sekunde nocheinmal zwanzig wäre und über einen Neustart entscheiden könnte: Was würde er dann machen? Er legt den Bleistiftstummel zur Seite, ist kurz konzentriert, sagt schließlich lächelnd: "Dasselbe nocheinmal. Wieder Bootstischler. Wieder hier. Oder etwas mit Film. Am besten auch hier."

    Was aus der blonden Miss Januar-Februar 2016 wird? Nimmt er sie mit nach Hause, wenn er hier eines Tages ganz aufhört? Jetzt lächelt er ein wenig verlegen. "Sie gehört zur Werkstatt und kommt ins Museum. Zuhause hat sie nichts zu suchen." (Helge Sobik, 3.5.2017)

    Service & Anreise

    Anreise: Flug z.B. mit TAP Portugal von Wien nach Lissabon realistisch ab € 120 pro Strecke. Peniche ist 102 Kilometer von Lissabon entfernt, die Fahrzeit im Auto beträgt etwa 80 Minuten. Leihwagen z.B. über Sunnycars (www.sunnycars.at) ab rund € 130 pro Woche.

    Übernachtung: z.B. im Drei-Sterne-Hotel Soleil Peniche ab € 58 (www.soleilpeniche.com), im Vier-Sterne-Hotel MH Peniche ab € 99 (www.mh-hotels.pt) jeweils pro Doppelzimmer mit Frühstück.

    Touristische Infos: Turismo do Portugal, www.visitportugal.com oder speziell über die Region: www.visitcentro.com

    • Die im 16. Jahrhundert errichtete Festung von Peniche diente während der Salazar-Diktatur als Gefängnis für politische Häftlinge.Heute beherbergt ein Teil des Forts das Regional-museum, in dem unter anderem das Handwerk der portugiesischen Schiffstischlerei thematisiert wird.
      foto: helge sobik

      Die im 16. Jahrhundert errichtete Festung von Peniche diente während der Salazar-Diktatur als Gefängnis für politische Häftlinge.Heute beherbergt ein Teil des Forts das Regional-museum, in dem unter anderem das Handwerk der portugiesischen Schiffstischlerei thematisiert wird.

    • Schiffstischler Carlos Santos  in seiner Werkstatt in Peniche.
      foto: helge sobik

      Schiffstischler Carlos Santos in seiner Werkstatt in Peniche.

    • Alte, hölzerne Segelboote
      foto: getty images/istockphoto/guy-ozenne

      Alte, hölzerne Segelboote

    • Artikelbild
      foto: getty images/istockphoto/alan_p
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