Türkischstämmige SPÖ-Bezirksrätin will gegen Geheimlisten vorgehen

28. April 2017, 07:00
1851 Postings

Ilkim Erdost steht auf einer Liste der FPÖ mit angeblich 62.000 illegalen Doppelstaatsbürgern. Zu Unrecht. Sie wehrt sich gegen "gezielte Denunziation"

Wien – Sie sei aus allen Wolken gefallen, erzählt Ilkim Erdost dem STANDARD. Am Mittwoch wurde die 37-Jährige von der Kronen Zeitung, von Online-Chefredakteur Richard Schmitt höchstpersönlich, kontaktiert. Der habe sie gefragt, ob sie, österreichische Staatsbürgerin, SPÖ-Bezirksrätin in Wien-Ottakring und Leiterin der dortigen Volkshochschule (VHS), etwa illegalerweise auch die türkische Staatsbürgerschaft besitze. Denn: Sie stehe auf einer diesbezüglichen Liste. In der Abendausgabe las sie dann, dass FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache diese Liste "zugespielt" worden sein soll.

Erdost: "Ich bin keine türkische Staatsbürgerin. Als Neunjährige wurde ich österreichische Staatsbürgerin, damals haben meine Eltern und ich die türkische Staatsbürgerschaft zurückgelegt." Die Austrittsbestätigung aus der Türkei aus dem Jahr 1989, die dem STANDARD vorliegt, bestätigt Erdosts Aussage. Zudem, sagt die SPÖ-Funktionärin, sei sie im Besitz zahlreicher Visa aus den vergangenen Jahren, die sie als Österreicherin bei Türkei-Besuchen lösen habe müssen.

Machtlos gegen Verdächtigungen

Sie sei auch nie von offizieller türkischer Seite, quasi als Staatsbürgerin, angeschrieben worden, um etwa an einer Wahl oder zuletzt an dem umstrittenen Referendum des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan teilzunehmen.

Was die Politikerin Erdost umtreibt, ist, "dass es sich hier um eine großflächige, gezielte Denunziation von politischen Gegnern durch die FPÖ via Kronen Zeitung" handle. Erdost: "Man erfährt von irgendwelchen Geheimlisten, wird bedroht, das könnte veröffentlicht werden – und kann nicht einmal etwas dagegen tun, weil man die Liste ja nicht von der FPÖ bekommt."

Listen-Wildwuchs

Allerdings: Die Krone hat Erdost in der Geschichte nicht namentlich genannt, sondern unbestimmt zu jenen acht österreichischen Politikern gezählt, die laut FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache österreichisch-türkische Doppelstaatsbürger sein sollen. Insgesamt sollen auf dieser Liste 62.000 Personen stehen – und die Zeitung schreibt von einer "großen Problematik", da sich alle geouteten Politiker vehement gegen die Verdächtigungen verwehrten.

Es ist nicht die einzige Liste, auch das ORF-Landesstudio Oberösterreich soll im Besitz einer solchen Liste sein, der Grünen-Abgeordnete Peter Pilz will gar das gesamte Wählerverzeichnis aus der Türkei über in Österreich lebende türkische Staatsbürger haben. Pilz selbst warnte freilich wiederholt vor "Denunziationen", wenn man dieses Verzeichnis offenlege.

Erdost: "Ich bezweifle, dass auf diesen Listen überhaupt Relevantes steht." Dagegen vermute sie ein gezieltes Vorgehen: "Dass die FPÖ aus 62.000 Namen sofort acht Politiker gegnerischer Parteien her auspickt, kann kein Zufall sein."

Verfolgt in der Türkei

Sie kenne diese Methoden, sagt Erdost – allerdings aus der Türkei, Ende der 1970er-Jahre. Damals suchten die türkischen Behörden jemanden namens Erdost, ihren Vater. Er war denunziert worden und stand auf einer ominösen Liste von "Staatsfeinden". Durch Emigration nach Österreich konnte er sich retten. Die Erdosts waren eine politisch aktive Familie, sie besaßen einen Verlag, der die Schriften linker Autoren publizierte. Erdosts Onkel wurde in türkischer Haft zu Tode geprügelt. Seine Nichte sagt: "Daran wäre meine Familie fast zerbrochen."

Es könne nicht sein, sagt die SPÖ-Bezirksrätin, "dass man zulässt, dass die FPÖ diese Methoden nach Österreich importiert". Sie verlange eine Offenlegung, "damit ich juristisch dagegen vorgehen kann".

Ob der Staat Österreich überhaupt gegen vermeintlich "illegale" Doppelstaatsbürger vorgehen solle, könne sie nicht sagen: "Ich kann nicht beurteilen, wie großflächig dieses Problem ist. Derzeit wirft man einander nur Gerüchte zu. Das muss aufhören." (Petra Stuiber, 28.4.2017)

  • Ilkim Erdost: "Diese Gerüchte müssen aufhören."
    foto: müller

    Ilkim Erdost: "Diese Gerüchte müssen aufhören."

  • 62.000 Namen soll die Liste angeblich illegaler österreichisch-türkischer Doppelstaatsbürger enthalten, die der FPÖ zugespielt wurde.
    foto: apa / hochmuth

    62.000 Namen soll die Liste angeblich illegaler österreichisch-türkischer Doppelstaatsbürger enthalten, die der FPÖ zugespielt wurde.

Share if you care.