ORF-Chef: Wie Wrabetz GIS-Gebühren für Streaming einbegleitet

27. April 2017, 09:00
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Über Gebühren, Medienpolitik, Sportrechte, ProSiebenSat1 und eine vierte Amtszeit

Wien – ORF-Chef Alexander Wrabetz will mit mit mehr Sendungen aus den Regionen – "Guten Morgen" auch am Abend – "eine gute Basis bei großen Teilen der Bevölkerung aufbauen, um unsere sachlichen Argumente in diese Debatte einzubringen und zu gewinnen – und damit die Streaminglücke schließen". Bisher sagen Gesetz und Höchstgerichte: keine Gebühren für Streaming – jedenfalls im Radio ist das seit 2015 vom Verwaltungsgerichshof klargestellt.

STANDARD: In Wien hat die Zahlungsbereitschaft für den ORF deutlich abgenommen. Das mag an der Gebührenerhöhung liegen, vielleicht auch an Kritik oder gar Kampagnen von anderen Medien, aber vielleicht auch am Bild, das der ORF selbst bietet – lange sich ziehende Projekte, ein nicht rund laufendes 300-Millionen-Bauprojekt, lange, auch öffentliche Diskussionen.

Wrabetz: Wir haben Maßnahmen gesetzt und gesehen, dass man gegen solche Entwicklungen der Zahlungsbereitschaft etwas tun kann. Wenn mehr als 95 Prozent der Haushalte Gebühren zahlen, kann man ohnehin nicht von einer grundsätzlichen inhaltlichen Problematik sprechen. Eine Gebührendiskussion ist da nie hilfreich, aber im zweiten Halbjahr des Vorjahres haben wir das eigentlich ohne gröbere Debatten ganz gut hingekriegt – auch im Vergleich zu den Dauerdiskussionen etwa über die SRG oder die BBC. Und die internen Diskussionen – die betrachten wir schon mehr als die Bevölkerung.

STANDARD: 2016 führte das ORF-Management Rückgänge in Wien noch auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs von 2015 zurück, dass Radio-Streaming nicht gebührenpflichtig ist. Da wäre vom Gesetzgeber eine Lücke zu schließen, hieß es damals. Wie sehr drängt das Problem aus Ihrer Sicht – oder fürchten Sie Kollateralschäden, wenn das Gesetz geändert wird – neue Gremien, die dann wieder ein ORF-Management bestellen müssen?

Wrabetz: Das ist kein Thema, das in den nächsten ein, zwei Jahren virulent wird. Aber auf mittlere Sicht gehört das gelöst. Einmal müssen wir uns der Debatte über Streaming stellen.

STANDARD: In dieser Legislaturperiode wird es schon knapp. Und Medienminister Thomas Drozda hat seine ORF-Enquete über Finanzierung, Aufsicht und Auftrag des Rundfunks vorerst vertagt.

Wrabetz: Wir wissen nicht einmal, wie lange die Regierung noch werkt, also ist schwer einzuschätzen, ob in dieser Legislaturperiode noch etwas kommt. Wir tun, was wir tun können: Im zweiten Halbjahr haben wir die Gebührenanpassung letztlich gut über die Bühne gebracht. Im ersten Halbjahr 2017 ist die neue Struktur und was damit verbunden ist das Thema. Und im nächsten Jahr müssen wir unsere Nähe und Unverzichtbarkeit weiter stärken. Das ist einer der Gründe für die Erweiterung von "Guten Morgen Österreich" in den Vorabend – wir müssen noch viel mehr hinaus zu den Menschen gehen. Damit können wir eine gute Basis bei großen Teilen der Bevölkerung aufbauen, um unsere sachlichen Argumente in diese Debatte einzubringen und zu gewinnen – und damit die Streaminglücke schließen.

STANDARD: Streaming ist mit der Plattform "Dazn" auch ein Thema bei Sportrechten. Da stehen heuer neue Verträge an für Skirechte mit dem ÖSV, die Sie wohl wieder wollen, mit der Bundesliga und aktuell mit der Champions League. Sie haben ein Angebot gelegt – gibt es schon eine Entscheidung?

Wrabetz: Nein. Aber in allen Sport-Bereichen kommt aus dem Pay-TV enormer Druck. Die Gefahr ist groß, dass auf mittlere Sicht wesentliche Teile hinter der Pay-Schranke verschwinden.

STANDARD: ProSiebenSat1Puls4-Chef Markus Breitenecker hat nach der Übernahme von ATV sein Szenario für den Fernsehmarkt so umrissen: Der ORF wird wohl Marktführer beim Publikum über 50 Jahren bleiben, bis 49 heiße der Marktführer ProSiebenSat1Puls4.

Wrabetz: Wir liegen beim Publikum der Zwölf- bis 49-Jährigen nahe beieinander. Aber wenn es um österreichische oder in Österreich betriebene Sender geht, also ohne die Werbefenster, steht außer Zweifel, dass wir noch viele Jahre kilometerweit vorne liegen werden. Wenn sich immer mehr deutsche Sender zusammentun oder neu gründen, wird es aber natürlich schwieriger – wir haben nur ca. 40 Prozent Marktanteil der österreichischen Sender, und der Rest sind deutsche.

STANDARD: Jetzt kommt wieder der "Anschluss", über den sie getwittert haben, als der ATV-Deal angemeldet wurde?

Wrabetz: Meine, zugegeben zuspitzende, Bemerkung meinte: Hier stellt sich kein österreichischer und schon gar kein kleiner Sender dem großen ORF entgegen – sondern ein sehr großer deutscher Konzern übernimmt zwei weitere, bisher konzernunabhängige Sender. Ein Konzern mit sehr großen Marktanteilen und einer klaren Dominanz im Werbemarkt in Österreich, wie Markus Breitenecker nun ja wieder selbst sagt.

STANDARD: Was bedeutet der Deal für den österreichischen TV-Markt und für den ORF – dessen Gesamtumsatz von rund einer Milliarde die Wettbewerbsbehörden offenbar überzeugt hat, dass die ATV-Übernahme gar nicht so schlimm ist?

Wrabetz: Man sieht jetzt, dass mit einem solchen Deal nicht notwendigerweise mehr in Österreich produziert wird, und auch nicht von mehr Leuten. Das liegt nicht daran, dass Österreicher kein Privatfernsehen machen können, sondern am übergroßen Einfluss des deutschen Sprachraums mit sehr gut funktionierenden, kompetitiven Fernsehkonzernen. Eine Reduktion des eigenproduzierten Angebots bei ATV ist daher nicht überraschend. Nun geht es darum, die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen: Will man gut gemachten Fernsehjournalismus, gut gemachte österreichische Produktionen dauerhaft auf einem möglichst hohen Niveau halten, dann muss man den ORF auch medienpolitisch stärken und ihm den nötigen gesetzlichen Bewegungsspielraum geben. Weil die Eigenproduktionen des ORF wird es unabhängig von Kursschwankungen am DAX oder wechselnden Shareholderinteressen immer geben.

STANDARD: A propos immer geben: Planen Sie noch eine vierte Amtszeit als ORF-General ab 2022? Oder konzentrieren Sie sich eher einmal auf die Verteidigungsarbeit nach der nächsten Nationalratswahl, um die dritte Amtszeit noch zu vollenden?

Wrabetz: Prognosen sind schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen. Ich habe gerade erst eine neue Geschäftsführungsperiode begonnen. Andere Fragen stellen sich für mich jetzt nicht. (fid, 27.4.2017)

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Alexander Wrabetz (57) ist Jurist, Sozialdemokrat und seit 1998 ORF-Manager – zunächst als Finanzdirektor, ab 2007 als Generaldirektor. Bisher der einzige, der zwei Wiederbestellungen en suite schaffte.

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    foto: heribert corn
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