Wrabetz: "Jetzt ist es aber dann wieder genug"

Interview26. April 2017, 19:47
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ORF-Chef erinnert Armin Wolf an seinen Platz, kritisiert "ORF-Folklore" und "Glaskinn"

Wien – "Ich bin der ORF-Generaldirektor, und er ist ein Anchorman der 'ZiB 2": Alexander Wrabetz erinnert Armin Wolf im STANDARD-Interview an ihre "klare Aufgabenverteilung: Er hat keine Verantwortung für die Struktur und die personellen Besetzungen im Unternehmen."

In dem Job solle Wolf seine Interviews durchaus führen wie bisher. Für eine "vielleicht sogar größere Infoshow auf ORF 1" habe Wolf schon abgesagt.

Behutsamer distanziert sich Alexander Wrabetz im STANDARD-Interview von Aussagen des ORF-Onlinechefs Thomas Prantner über "Verhöre" auf der "Anklagebank" in ORF-Studios: "Ich würde die Worte in diesem Zusammenhang nicht verwenden."

Anlass der Debatte: Wrabetz plant Channel Manager für ORF 1 und ORF 2, die als ÖVP-Wunsch gehandelte ORF1-Infochefin Lisa Totzauer und den Sozialdemokraten Roland Brunhofer. Der ließ durchklingen, er sieht Änderungsbedarf in der Information.

Die will Wrabetz – ohne das bestehende ORF-1-Team – offenbar ORF 2 zuordnen. "Das ist eines der Modelle", erklärt er. Die ORF-Journalisten äußerten sich besorgt um Unabhängigkeit. Die "Krone" etwa kampagnisierte gegen die ORF-Journalisten und ihre angeblichen Gagen.

"Glaskinn" und "ORF-Folklore"

Wrabetz zur Info-Debatte: "Wenn man bei uns eine solche Debatte führt, sollte man sie ohne Glaskinn führen. Wenn man austeilt, wird man pointiert etwas zurückbekommen. Da sollte man mit gleichem Maß messen." Und: "Es ist bedauerlich, dass eine wirkliche Veränderung unserer Strukturen in Richtung stärkerer Publikumsorientierung mit dieser ORF-Folkore behaftet wird." Der ORF-Chef: "Eine Diskussion ist schon sinnvoll. Jetzt ist es aber dann wieder genug."

Der ORF-General im STANDARD-Interview über TV-Info und Unabhängigkeit

Erste Auszüge aus diesem Interview erschienen bereits am Mittwoch im STANDARD und Dienstagnachmittag auf derStandard.at. Hier die – sehr ausführliche – Langversion zum Thema:

STANDARD: Wie erleben Sie Interviews mit Armin Wolf in der "ZiB 2"?

Wrabetz: Armin Wolf ist immer sehr gut vorbereitet; er führt Interviews auch mit mir ohne Ansehen der Funktion. Wenn man den eigenen Chef interviewt, ist es ja nicht immer leicht, die entsprechende Distanz zu haben. Es ist keine Frage, dass er einer unserer professionellsten Interviewer ist.

STANDARD: Onlinechef und Technikvizedirektor Thomas Prantner erlebt diese Interviews nach seinen Worten als "Verhöre" und sieht Interviewpartner im ORF-Studio auf der "Anklagebank". Teilen Sie diesen Befund?

Wrabetz: Ich würde die Worte in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Es ist gerade zehn Jahre her, dass ich Armin Wolf zum Chefmoderator der "ZiB 2" gemacht habe, Wolfgang Wagner als Sendungsverantwortlichen der "ZiB 2" eingesetzt habe. Es wäre also absurd, würde ich nun Druck nachgeben und mitwirken, etwas daran zu ändern oder Armin Wolf infrage zu stellen. Armin Wolf wird in seiner Funktion nicht infrage gestellt. Er ist natürlich eine auch polarisierende Journalistenpersönlichkeit. Einer, der sich gerne selbst kritisch auch über Journalistenkollegen äußert und daher sicher kein Problem hat, wenn über ihn selbst kritisch diskutiert wird. Er ist ein sehr erfolgreicher und guter Moderator der "ZiB 2" und bringt sich auch in anderen redaktionellen Fragen als stellvertretender Chefredakteur ein. Er hat aber natürlich keine Verantwortung für die Struktur und die personellen Besetzungen im Unternehmen. Da gibt es eine klare Aufgabenteilung: Ich bin Generaldirektor, und er ist ein Anchor der "ZiB 2".

STANDARD: Soll Armin Wolf das, was er heute tut, auch in Zukunft tun?

Wrabetz: Ja. Wir haben auch einen Meinungsaustausch jenseits der Öffentlichkeit, den ich sehr schätze. Er hat sehr profilierte Meinungen, ist ein erfahrener Mitarbeiter. Es ist gut und wichtig, dass er das einbringt. Aber Managemententscheidungen sind natürlich von allen entsprechend zu respektieren.

STANDARD: Soll Armin Wolf weiterhin als Hauptmoderator der "ZiB 2" seine Interviews so führen, wie er sie bisher führt?

Wrabetz: Ja. Wenn ich Armin Wolf nicht 2007 in diese Funktion des Hauptmoderators der "ZiB 2" gebracht hätte, nachdem ich gewählt worden bin, würde er ganz sicher nicht dort sitzen. Wären die Umstände so geblieben wie vor meiner Wahl, wäre er wohl nicht mehr in der TV-Information tätig. Die Sendung ist erfolgreich, daher wäre es widersinnig, würde ich daran etwas ändern. Armin Wolf ist einer der besten Interviewer, zugleich aber auch sein eigener größter Kritiker, dem auch Interviews, wie er selbst sagt, manchmal nicht so gelingen. Intern ist selbstverständlich in allen Bereichen eine kontinuierliche Diskussion notwendig, wie wir unsere Aufgaben im Sinne des Publikums bestmöglich erfüllen können.

STANDARD: Sie sind 2007 Generaldirektor geworden in einer Bugwelle von Protesten der ORF-Redakteure gegen eine nach damaligem Befund nicht sehr unabhängig geführte, sehr zentralistische, vielleicht autokratische TV-Information. Nun drängt sich in der Diskussion über Channel Manager und über deren mögliche Wirkung auf eine manchen zu selbstbewusste TV-Information die Frage auf: Sind zehn Jahre Unabhängigkeit nun aber auch wieder genug?

Wrabetz: Nein, natürlich nicht. Ich kann nicht nachvollziehen, wie etwa Vertreter des Redakteursrats darauf kommen. Wenn ich zwei Chefredakteure in der TV-Information will statt bisher einen, dann kann ich nicht erkennen, warum das eine größere Zentralisierung sein sollte. Mein Ansatzpunkt ist: Ich will das bestehende Prinzip starker Redaktionen und unabhängiger Chefredakteure sogar noch ausbauen. Das ist jedenfalls keine Zentralisierung.

STANDARD: Funktioniert die Fernsehinformation aus Ihrer Sicht heute nicht zu Ihrer Zufriedenheit?

Wrabetz: Doch, die funktioniert. Wir arbeiten insgesamt sehr gut, aber natürlich werden wir uns weiterentwickeln. Zum Beispiel beim Ausbau der ORF-1-Information, dem Ausbau der Österreichberichterstattung im Vorabend.

STANDARD: Wenn Sie eine funktionierende Fernsehinformation unter neuer Führung zerlegen, aufteilen wollen, drängt sich der Verdacht doch auf, dass man diese selbstständige, sehr selbstbewusste, manchen vielleicht zu selbstbewusste, geschlossen auftretende, wehrhafte Fernsehinformation aufbrechen will.

Wrabetz: Das Gute ist ja, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Fernsehinformation zu Recht selbstbewusst sind – wie auch in den anderen Teilen des Unternehmens. Ein Problem ist nur, dass einige in der Fernsehinformation dazu neigen, das gesamte Unternehmen rund um den aktuellen Dienst des Fernsehens zu definieren. Das ist ein wichtiger Teil des ORF, aber eben ein Teil. Mir ist wichtig: Dort gibt es sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, und ich möchte auch die unterschiedlichen journalistischen Zugänge und Stile stärken – alles, nur keinen Einheitsbrei. Armin Wolf hat seinen eigenen Stil, ebenso wie Tarek Leitner oder Claudia Reiterer den ihren.

STANDARD: Zugleich sollen aber Ressorts aufgelöst werden, ein Channel Manager installiert werden, der eine sehr ausgeprägte Meinung über Änderungsbedarf in der TV-Information zu haben scheint. Da könnte man sich doch Sorgen machen um die ORF-Fernsehinformation und ihre Zukunft.

Wrabetz: Weder werden die Ressorts aufgelöst, noch soll sich an der unabhängigen Linie etwas ändern. Erstens: Wir sind journalistisch sehr gut, aber wir können uns weiterverbessern. Wie es heute ist, wird es in einem sich dramatisch verändernden Umfeld nicht bleiben. Jeder muss bereit sein, sich zu verändern und neue Zugänge zu finden. Zweitens: Wenn ich in den nächsten Jahren 300 Millionen Euro einsparen muss, dann bedeutet das auch unangenehme Veränderungen in vielen Bereichen. Das muss man intelligent machen – und offen an Themen herangehen. Drittens: das Thema Personen. Wie ich mich dagegen verwahren würde, Armin Wolf in einer bestimmten Richtung abzuqualifizieren, würde ich mich auch bei anderen tatsächlichen oder möglichen Kandidaten dagegen verwahren – Menschen, die eine ordentliche, jahrzehntelange journalistische oder andere Erfahrung im Unternehmen haben, lasse ich nicht diskreditieren, weder intern noch öffentlich. Viertens: Man kann über solche Veränderungen diskutieren, was wir ausgiebig tun. Aber mich fragen Manager anderer Unternehmen schon, wer sich bei uns nicht aller wie über interne Themen auch öffentlich zu Wort meldet. Wenn man bei uns eine solche Debatte führt, sollte man sie ohne Glaskinn führen. Wenn man austeilt, wird man auch pointiert etwas zurückbekommen. Da sollte man mit gleichem Maß messen.

STANDARD: Mich wiederum fragen Menschen, warum ein Konzernchef auf Angriffe etwa von Medien auf wesentliche Mitarbeiter und auf wesentliche Teile seines Unternehmens wie die TV-Information über lange Zeit nicht reagiert. Und auch nicht gleich auf einen Manager seines Hauses, der öffentlich heftige Kritik an Schlüsselprodukten und -kräften des Unternehmens übt.

foto: heribert corn
"Eine Diskussion ist schon sinnvoll. Jetzt ist es aber dann wieder genug."

Wrabetz: Es ist bedauerlich, dass eine wirkliche Veränderung unserer Strukturen in Richtung stärkerer Publikumsorientierung mit dieser ORF-Folkore behaftet wird: Dass weniger über unser Programm, über unsere Pläne diskutiert wird, als über diverse interne Themen. Das interessiert außer den Mitarbeitern und ein paar aktiven und ehemaligen Journalisten kaum jemanden. Da jedesmal selbst zu reagieren … Als zum Beispiel Rekordadressat von Jeannée-Briefen, halte ich es nicht für geboten, jedesmal zu antworten. Natürlich wäre es einfacher und leichter steuerbar, würde niemand mehr was zum ORF sagen außer mir und dem Kommunikationschef. Aber das ist nicht realistisch, das entspricht nicht unserer offenen Diskussionskultur und den vielen Alphatieren im Haus. Eine Diskussion ist schon sinnvoll. Jetzt ist es aber dann wieder genug.

STANDARD: War das "Profil"-Interview Thomas Prantners mit Ihnen abgesprochen?

Wrabetz: Thomas Prantner hat mich, wie es den internen Richtlinien entspricht, informiert, dass er ein Interview gibt. Ich fand viele Dinge, die er zu seinem eigentlichen Bereich gesagt hat, gut und wichtig.

STANDARD: Und die Kritik an "Verhören" im ORF-Studio?

Wrabetz: Nochmals: Diese Worte hätte ich nicht gewählt. Man muss die Kirche im Dorf lassen – er sagt, ohne Namen zu nennen, bei einzelnen Interviews entstünden für ihn bestimmte Eindrücke. Das ist seine Meinung. Ich würde es nicht so formulieren.

STANDARD: Wie haben Sie auf diese Meinungsäußerung reagiert?

Wrabetz: Über interne Gespräche gebe ich keine Auskunft.

STANDARD: Punkt zwei Ihrer vier Punkte zu Channel Managern und TV-Information war Sparbedarf. Warum verdoppeln Sie dann von einem Chefredakteur auf zwei Chefredakteure?

Wrabetz: Wir wollen mit der Strukturreform, die nun beginnt, die Zahl der Führungskräfte der ersten Ebene im Programmbereich von 24 auf 16 reduzieren.

STANDARD: Das meint Hauptabteilungsleiter?

Wrabetz: Inklusive Channel Manager – also jene, die dann wesentliche Entscheider sind. Die allermeisten werden – abhängig vom Ergebnis der Ausschreibungen – wohl einfach neue Funktionen übernehmen. Das ist noch kein Mehraufwand. Und: Ein gewisser Mehraufwand wäre gerechtfertigt, wenn das Produkt danach noch besser wird. Natürlich hätte ich ORF 3 auch mit dem Kulturressortleiter als Chef machen können.

STANDARD: Aber dann mit einem anderen Kollektivvertrag als in einem Tochterunternehmen.

Wrabetz: Ich meine jetzt den Chef, der sich klar und fokussiert für sein Publikum etwas überlegt – wie etwa auch bei Ö3 und FM4. Das ist das Entscheidende. Wenn wir das Prinzip jetzt nicht bei ORF 1 und ORF 2 umsetzen, und das auch noch richtig, dann werden wir ORF 1 mittelfristig nicht verteidigen können, weder am Markt noch bei der Legitimation. Und ORF 1 zu verändern, heißt auch, ORF 2 zu verändern.

STANDARD: Das bedeutet aber: Die Informationsabteilungen von ORF 1 und von ORF 2 müssen sich bei jedem Thema, jeder Pressekonferenz abstimmen – gehen wir hin, geht ihr hin, gehen wir beide hin? Das klingt mühsam – und eher nicht billiger.

Wrabetz: ORF 1 hat schon ein Info-Team, das ich gegründet habe. Wir haben dort sehr gute, sehr engagierte Leute.

STANDARD: Rund 30 Mitarbeiter …

Wrabetz: … und Mitarbeiterinnen. Inzwischen gehören die "ZiBs" und das "ZiB-Magazin" zu den meistgesehenen Sendungen auf ORF 1. Wir haben mit "Dokeins" und "Wahlfahrten" ein eigenes Info-Profil entwickelt. Jetzt geht es eigentlich nur darum, dieser Gruppe eine noch größere Eigenständigkeit zu geben und sie noch enger mit diesem Channel zu verzahnen.

STANDARD: Und die bestehende TV-Information bekommt zwei neue Vorgesetzte: einen Channel Manager, vermutlich Roland Brunhofer, und einen neuen Chefredakteur, vermutlich Hans Bürger.

Wrabetz: Das ist – unabhängig von Namen, die ich nicht kommentiere – jedenfalls eines der Modelle.

STANDARD: Montagabend haben Sie die Aufteilung der TV-Information auf ORF 1 und ORF 2 schon den Hauptabteilungsleitern präsentiert.

Wrabetz: Diesen Punkt habe ich noch nicht konkretisiert. Wichtig ist: Ich habe den Eindruck, dass alle bereit sind mitzuziehen – auch wenn nicht jeder mit jedem Detail einverstanden ist, ziehen alle an einem Strang.

STANDARD: Aber Sie ziehen nun von den zwei Varianten jene Organisationsanweisung aus der Lade, die keinen Info-Chefredakteur vorsieht, sondern nur zwei Channel-Chefredakteure?

Wrabetz: Die Redakteursvertreter haben die Aufteilung auf drei Chefredakteure zu komplex gefunden, was etwas für sich hat. Also sage ich: Dann teilen wir sie nur in zwei Teile auf. ORF 1 hat schon jetzt eine Eigenständigkeit, aber wird natürlich vom ORF-2-Team weiter beliefert, und selbstverständlich nicht jede Pressekonferenz doppelt besetzt. Ich bin zuversichtlich, dass es da keine Reibungsverluste geben wird.

STANDARD: Wann kommt nun die Organisationsanweisung, wann die Ausschreibung der Channel Manager?

Wrabetz: Das wird in den nächsten zwei, drei Wochen geschehen. Nach der gesetzlichen vorgeschriebenen abschließenden Aussprache mit dem Redakteursrat und dem Betriebsrat.

STANDARD: Nun tauchte im ORF schon die originelle Theorie auf, Thomas Prantner könnte sich als Channel Manager bewerben.

Wrabetz: Wir werden sehen, wer sich bewirbt.

STANDARD: Es werden sich wohl mehr Menschen bewerben – aber Sie können natürlich Ihre Shortlist zur Abstimmung bringen.

Wrabetz: Es wird sicher mehrere Kandidaten geben, und das ist auch gut so. Das ist eine wichtige Funktion. Und aus Bewerbungsprozessen lernt man immer etwas.

STANDARD: Aber die Wunschkandidaten bleiben Lisa Totzauer für ORF 1 und Roland Brunhofer für ORF 2?

Wrabetz: Ich habe noch nie Wunschkandidaten genannt. Aber ich glaube, beide sind höchst qualifizierte Mitarbeiter des Hauses, denen man nicht absprechen soll, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen für den ORF arbeiten. Wie auch allen anderen, über die wir gesprochen haben.

STANDARD: Was passiert mit Fritz Dittlbacher, wenn es die Funktion des TV-Chefredakteurs nicht mehr gibt?

Wrabetz: Fritz Dittlbacher macht seine Arbeit sehr gut. Und wenn ich daran denke, was für eine Aufregung seine Bestellung zum TV-Chefredakteur bedeutete …

STANDARD: Dafür haben Sie sogar einen Infodirektor – Elmar Oberhauser – abgesetzt.

Wrabetz: Im Nachhinein hat sich bei jenen Personalentscheidungen, die von massiver Aufregung begleitet waren, herausgestellt: So schlecht waren diese Entscheidungen nicht.

STANDARD: Und trotzdem wird Dittlbachers Funktion nun gestrichen, und Innenpolitikchef Hans Bürger soll ORF-2-Chefredakteur werden.

Wrabetz: Zu Personalspekulationen sage ich nichts. Auch diese Funktion wird natürlich ausgeschrieben.

STANDARD: Warum wollen Sie die Fernseh-Channels – und vor allem die TV-Information – eigentlich ganz anders organisieren als jene im Radio, wo das System seit Jahrzehnten ganz gut zu funktionieren scheint? Dort sind die Channelmanager und der – gemeinsame – Chefredakteur der Radiodirektorin zugeordnet.

Wrabetz: Das ist ja durchaus ähnlich. Ich habe mich natürlich bei inzwischen mehreren Radiodirektoren auch immer direkt mit den Channel Managern unterhalten und mich bei Strategie und Positionierung eingebracht. Der Radiodirektor ist – nach der aktuellen Ausschreibung – nicht der Vorgesetzte der Channel Manager, sondern zuständig für die radioübergreifenden Agenden. Der Radiodirektor war nie der operative Ober-Channel-Manager, er hat die Strategien gemacht.

STANDARD: Und so soll es jetzt auch im Fernsehen sein – jedenfalls werden die Channels dort nun gleich dem Generaldirektor zugeordnet?

Wrabetz: Ich würde die Programmdirektorin nicht auf Strategien reduzieren. Bei ihr bleiben ja die wesentlichen produzierenden Abteilungen, etwa Film und Serie, Show, Sport, Dokus und Kultur. Aber auch da muss man den Channel Managern eine starke Rolle geben. Ich bin überzeugt, das wird ein gutes, kreatives Zusammenspiel werden.

STANDARD: Wozu braucht man eigentlich noch eine Programmdirektorin? Die Channel Manager bestellen bei den Abteilungen oder Clustern, für Abstimmungsfragen ist der General zuständig. Und die Programmdirektorin entscheidet mit Ihnen oder der gesamten Geschäftsführung über Budget und Schema.

Wrabetz: Nein. Das wird genau geregelt, wer wofür zuständig ist. Die entsprechenden Produkte herzustellen, vor allem, wo es um die große Produktion geht, da ist die Führung der Fachabteilungen schon eine zentrale Aufgabe. Und wenn es im täglichen Geschäft programmlichen Dissens zwischen Channel Manager und Fachabteilungen gibt, dann entscheidet die Programmdirektorin. Die Strategie und die Channel-Aufstellung und das Schema sind letztlich immer Generalssache gewesen.

STANDARD: Und wenn die Info-Redaktionen von ORF 1 und ORF 2 streiten, dann rufen sie Sie an?

Wrabetz: Ja.

STANDARD: Und Sie sind immer erreichbar dafür, wenn's brennt?

Wrabetz: ORF 1 und ORF 2 werden ja nicht wie FS 1 und FS 2 ab 1974 in volle Konkurrenz zueinander gehen und alles getrennt machen. Jeder Channel bekommt ein Profil, und dem Grunde nach wird festgelegt, wo Breaking News laufen – die werden in ORF 2 bleiben. Im Tagesgeschäft kommt die Frage nicht allzu häufig vor, ob ORF 1 da übernehmen kann. Zu 99 Prozent werden sich das die beiden Chefredakteure miteinander ausmachen. Und für mich ist das nichts Neues – ich war ja zwei Jahre auch Infodirektor. Das hat übrigens für keinerlei Aufruhr gesorgt.

STANDARD: Nach der Abwahl von Oberhauser. Sie waren auch schon neben dem Generalsjob Radiodirektor. Technikdirektor waren Sie auch schon. Da stellt sich die Frage: Wozu brauchen Sie eigentlich noch Direktoren? Da könnte man eine ganze Ebene einsparen.

Wrabetz: Das waren jeweils außergewöhnlichen Umständen. Im Gegenteil, die Direktoren werden in meinem neuen Geschäftsführungsmodell stärker in die Gesamtverantwortung eingebunden.

STANDARD: Sie haben im Sommer 2016 der Branchenzeitung "Horizont" zwei interessante Sätze zum ORF gesagt. "Es muss eine klare Verantwortlichkeit geben, wie auch immer man es im Detail organisiert. Und man muss rasch entscheiden können." Und: "Die Sorge ist ja: Was passiert, wenn das Unternehmen einmal in falsche Hände gerät und man ein System hat wie das jetzige? Das könnte ein Problem sein." Gilt das auch für die geplante Struktur mit den dem Generaldirektor zugeordneten TV-Channel-Managern und den Direktoren?

Wrabetz: Man muss Mythos und gesetzliche Wahrheit auseinanderhalten. Nach dem geltenden ORF-Gesetz gibt es einen Alleingeschäftsführer. Der ist allen und jedem gegenüber weisungsberechtigt.

STANDARD: Außer den Redakteuren in inhaltlichen Fragen.

Wrabetz: In bestimmten inhaltlichen Fragen. Das Redakteursstatut sagt zu Recht: Man kann einem einzelnen Redakteur nichts anschaffen, was gegen seine redaktionelle Unabhängigkeit ist. Aber journalistische Unabhängigkeit heißt nicht: Jeder macht, was ihm gerade einfällt. Wir haben gesetzliche Aufträge zu erfüllen, und Chefredakteure haben das sicherzustellen – etwa umfassende und objektive Information. Und mit am Ende des Tages acht Chefredakteuren und dazwischen acht Channel Managern stelle ich eine größere Vielfalt sicher als mit weniger handelnden Personen. Heute müsste man nur einen Chefredakteur Fernsehen und einen Chefredakteur Radio austauschen.

STANDARD: Und die Klarheit der Verantwortung ist im geplanten System auch gegeben?

Wrabetz: Deshalb hat es, was man mir auch vorwirft, etwas länger gedauert: Wir haben das sorgfältig vorbereitet und alle Fallkonstellationen festgelegt, wer – außer mir – was wann entscheiden kann.

STANDARD: Sie entscheiden dann auch über das Thema und die Gäste von "Im Zentrum"?

Wrabetz: Nein, natürlich nicht.

STANDARD: Wer dann?

Wrabetz: Der Chefredakteur von ORF 2 und der Sendungsverantwortliche.

Noch kein Schluss mit der Debatte

"Jetzt ist es aber dann wieder genug", sagt ORF-General Alexander Wrabetz zwar zur Debatte um die Info-Diskussion. Auf derStandard.at geht es allerdings noch ein bisschen weiter.

Sobald die weiteren Teile online sind, finden Sie hier die Links. (fid, 26.4.2017)

Alexander Wrabetz (57) ist Jurist, Sozialdemokrat und seit 1998 ORF-Manager – zunächst als Finanzdirektor, ab 2007 als Generaldirektor. Bisher der Einzige, der zwei Wiederbestellungen en suite schaffte.

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