Warum Europa der Wall Street die Rücklichter zeigen sollte

1. Mai 2017, 11:17
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Europas Aktien sind laut Experten billiger als die Wall Street, zudem komme die Wirtschaft in Fahrt. Nur Italien gilt als "Problemfall"

Wien – Die Aussicht auf einen europafreundlichen Präsidenten Frankreichs namens Emmanuel Macron hat an den Börsen am Wochenbeginn zu Freudensprüngen geführt. Allerdings geht Friedrich Strasser, Vorstand der Bank Gutmann, nicht davon aus, dass die Aktienmärkte weiter in dem Tempo nach oben schießen: "Das war eine Spontanreaktion, die man nicht überbewerten darf", bremst er die Erwartungen. Das Basisszenario spreche nun aber für einen Erfolg Macrons in der Stichwahl, denn: "Man hat den Eindruck, dass die Leute wieder mit Vernunft wählen statt aus Trotz."

Da sich die Eurozone auch wirtschaftlich "auf dem Weg der Besserung" befinde und auch die US-Ökonomie wachse, meint Strasser in Bezug auf Aktien: "Eigentlich steht von fundamentaler Seite die Ampel auf grün." Den Fokus würde der Banker dabei auf Qualitätsaktien legen, wobei er Europa gegenüber den USA bevorzugt. Was mit Qualität gemeint ist? "Blue Chips und Dividendenaktien sollten die Schwerpunkte sein", erläutert Strasser. Dazu empfiehlt er, Schwellenländer-Titel aus Asien, vor allem China, beizumischen.

Nach jeder Kennzahl günstiger

Auch Portfolio-Manager Peter Steffen vom Fondsanbieter Ethenea zieht derzeit Aktien vom alten Kontinent gegenüber US-Werten vor, weil "diese nach jeder Kennzahl günstiger sind". Zudem verweist er auf das tiefere Zinsniveau in Europa, wobei diese Schere mit den erwarteten Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed noch weiter aufgehen sollte. "Dazu kommt, dass es den Schwellenländern, speziell Russland, wieder besser geht", sagt Steffen unter Verweis auf enge wirtschaftliche Verflechtungen.

"Eigentlich sind in Europa alle Rahmenbedingungen für einen nachhaltigen Aufschwung da", meint der Fondsmanager. "Die europäische Wirtschaft ist von den Problemfällen abgesehen in guter Verfassung." Dabei handelt es sich aus Steffens Sicht neben dem Dauerbrenner Griechenland vor allem um Italien wegen der geringen Zustimmung zu EU und Euro: "Das wird mit Sicherheit wieder aufkochen. In unseren Augen ist Italien der große Risikofaktor."

Langsam und in Scheibchen

Europas Bankenkrise sei zwar verglichen mit den USA nur scheibchenweise und langsam abgearbeitet worden, aber: "Die meisten Scheibchen sind in unseren Augen eigentlich durch." Auch hinsichtlich der Entwicklung der Unternehmensgewinne ist Steffen zuversichtlich: "Europa wird heuer sehr gut aussehen. Die Frage ist nur, wie gut." Auch die Geldflüsse hätten sich langsam wieder umgekehrt, nachdem im Vorjahr insgesamt 115 Milliarden Euro aus Europa Richtung USA abgeflossen seien. Bisher sei davon nur ein Bruchteil zurückgekehrt.

"Im Schnitt sind die Renditen von November bis April besser als in den Sommermonaten", räumt Steffen ein – gibt aber zu bedenken: "Das ist aber nicht jedes Jahr so, oft sind andere Faktoren wichtiger als die Saisonalität." In Europa sieht er keinen Grund, aus dem Markt zu gehen, rät aber für die USA wegen der bereits hohen Bewertungen zur Vorsicht.

Im Anleihenbereich hat die Bank Gutmann nun ein Auge auf Schuldpapiere der Grande Nation geworfen, wie Thomas Neuhold von der hauseigenen Fondsgesellschaft erläutert: "Mittelfristig werden sich französische Staatsanleihen wieder dem Block aus Österreich und den Niederlanden annähern." Derzeit weisen diese im zehnjährigen Bereich noch einen Renditeaufschlag von 20 Basispunkten, sprich 0,2 Prozentpunkte, auf. Französische Schuldtitel seien daher österreichischen derzeit vorzuziehen, folgert Neuhold. (Alexander Hahn, 1.5.2017)

  • In Europa soll der Bulle, der für steigende Aktienmärkte steht,  den Bär als Gegenspieler bis auf weiteres in Schach halten.
    foto: ap/michael probst

    In Europa soll der Bulle, der für steigende Aktienmärkte steht, den Bär als Gegenspieler bis auf weiteres in Schach halten.

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