"Spiderman-Schnecke" kann Netze verschießen

30. April 2017, 11:00
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Die ungewöhnliche Schnecke Thylacodes vandyensis hat ein Schiffswrack besiedelt, das als künstliches Riff fungieren soll

foto: reuters/andy newman/florida keys news bureau
Die Sprengung der Vandenberg im Jahr 2009.

Chicago – 2009 wurde vor der Küste von Florida die USNS General Hoyt S. Vandenberg versenkt, ein 160 Meter langes Kriegsschiff aus dem Zweiten Weltkrieg, das nun als Grundlage für ein neuentstehendes Riff dienen sollte. Acht Jahre später ist dieses künstliche Riff bereits eifrig besiedelt worden – auch von mindestens einer Spezies, die man bislang noch nicht gekannt hatte.

Die Neue

Dabei handelt es sich um eine Meeresschnecke aus der Gattung Thylacodes. Diese Schnecken haben keine gedrehten Häuser, sondern unregelmäßig geformte Schalen. Sie setzen sich auf harten Untergründen fest und verbleiben dort für den Rest ihres Lebens. Die neuentdeckte Spezies erhielt die Bezeichnung Thylacodes vandyensis – "Vandy" als Koseform für den Namen des Schiffs.

Inoffiziell sprechen Forscher des Chicagoer Field Museum allerdings von der "Spiderman-Schnecke". Der Grund liegt in der verblüffenden Ernährungsweise des Tiers: Die Schnecke verfügt nämlich über ein Paar Tentakel mit großen Drüsen, aus denen sie Schleim verschießen kann, der – ähnlich wie beim Comichelden – zu einer Art Netz gerinnt. Der Vorgang läuft allerdings wie in Zeitlupe ab.

foto: rüdiger bieler, the field museum
Thylacodes vandyensis: eine Jägerin der langsamen Art.

In diesem Netz verfangen sich die Mikroorganismen, von denen die Schnecke lebt. Sie holt mit ihrem Maul das Netz wieder ein und lässt es über ihre Raspelzunge gleiten. Ähnlich wie in den Barten eines Großwals wird die winzige Beute auf diese Weise ausgefiltert.

Invasionsalarm

Da die im Atlantik vorkommenden Thylacodes-Arten recht gut bekannt sind, vermutet das Forscherteam um Rüdiger Bieler, dass es sich um eine Spezies handelt, die aus dem Pazifik eingeschleppt wurde – möglicherweise im Bilgewasser von Frachtschiffen. Das künstliche Riff kam Thylacodes vandyensis wie gerufen: Während die natürlichen Riffe der Region seit langem von einer artenreichen Meeresfauna besiedelt sind, in der kaum Platz für Neulinge bleibt, konnte die Schnecke auf dem Schiffswrack bei null beginnen.

Es ist nicht die einzige pazifische Art in den Florida Keys, berichtet Bieler. Auch ortsfremde Austern- und Korallenarten wurden hier an anderen Wracks schon entdeckt. Man müsse daher ein Auge auf die künstlichen Riffe haben: Sie sollten als Warnzeichen für das Vordringen von Bioinvasoren betrachtet werden, denn neueingewanderte Arten könnten von den künstlichen Riffen eines Tages auch auf die natürlichen überspringen. (jdo, 30. 4. 2017)

foto: ap/joe berg/florida keys news bureau
Nach einigen Jahren hat die Meeresfauna eine erste Wachstumsschicht auf dem Wrack gebildet.
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    foto: rüdiger bieler, the field museum
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