"Cinema Futures": Symphonie der Farben und Bilder als Datensatz

27. April 2017, 14:00
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Der heimische Dokumentarkünstler Michael Palm nimmt die digitale Revolution des Kinos ambitioniert in den Blick. Fragen nach Status und Haltbarkeit des Filmmaterials bestimmen seine Herangehensweise

Wien – Die digitale Revolution glich im Kino eher einem Putsch. Daran erinnert ein Foto, das am Beginn von Michael Palms essayistischem Dokumentarfilm Cinema Futures steht – ein Bild, das jedem Filmliebhaber Schauer über den Rücken jagt. Darauf werfen eine Gruppe Geschäftsmänner und eine Frau fröhlich Filmbehälter in eine Mülltonne mit der Aufschrift "OBSOLETE": "überflüssig". Das war um die Jahrtausendwende, wenige Monate nachdem mit George Lucas' Star Wars: Episode I: Die dunkle Bedrohung erstmals ein Blockbuster (auch) als digitale Kopie in die Kinos kam.

foto: mischief film
Die hohe Bildauflösung und ihre potenzielle Haltbarkeit: eine cinematologisch heikle Frage, hier gestellt anhand von "Lawrence of Arabia".

Ungefähr eineinhalb Jahrzehnte hat es gedauert, bis sich das Verhältnis umgekehrt hat: Heute sind im Kino fast ausschließlich nur noch "files" zu sehen und nicht mehr "films", Dateien und keine Filmrollen. Die "Putschisten", die den analogen Film nach über hundert Jahren von seinem Thron stießen, waren die großen Filmverleiher, erklärt Filmwissenschafter David Bordwell in Cinema Futures. Sie hofften auf immense Kosteneinsparungen, da zukünftig keine teuren analogen Filmkopien mehr benötigt würden.

Michael Palm hat sich für seinen Film an die Orte und zu den Menschen begeben, die weiterhin die Fahne des analogen Films hochhalten, seien es Filmemacher, Filmarchivare oder Filmwissenschafter. Dabei gibt sich der Österreicher keinen Illusionen hin: Er selber bezeichnet Cinema Futures als Film über "die Zukunft der Vergangenheit". Wird analoger Film zumindest als Alternative für Filmemacher erhalten bleiben, ihre Visionen umzusetzen? Und welche Rolle wird analoger Film zukünftig noch bei der Archivierung der Filmgeschichte spielen?

michael palm

Für analoges Filmmaterial als nicht zu ersetzendes künstlerisches Ausdruckmittel plädieren bei Palm prominente Filmemacher wie Christopher Nolan, Martin Scorsese und die Künstlerin Tacita Dean. Scorsese meint, es sei gerade die Unkontrollierbarkeit des filmchemischen Prozesses, die gewissermaßen zufällig immer wieder entstehende Schönheit, die die Liebe der Filmemacher zum analogen Film erklärt. Nolan will sich für seine Entscheidung, analog zu drehen, nicht rechtfertigen müssen: Ein Bildhauer müsse schließlich auch nicht begründen, warum er sich für Marmor entscheidet. Der Brite war neben Quentin Tarantino, J. J. Abrams und Steven Spielberg einer der Filmemacher, der daran beteiligt war, Kodak dazu zu überzeugen, die Produktion von 35-mm-Material nicht einzustellen. Ob diese Entscheidung tatsächlich langfristig sein wird, ist allerdings ungewiss.

Bewusstsein des Archivars

Besonders abhängig von dieser Entscheidung sind die Filmarchive. Hier ist das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Erhaltung von Film auf seinem originalen Trägermedium am meisten ausgeprägt. Die Interviews mit Filmarchivaren und die Bilder aus der Filmabteilung der Library of Congress und ähnlicher Institutionen bilden das Herzstück von Cinema Futures. Dabei wird deutlich: Die Entmaterialisierung von Filmen in Datensätze aus Einsen und Nullen erleichtert nicht etwa die Überlieferung der Bildinformationen für die fernere Zukunft, sondern erschwert sie, macht sie unsicherer und teurer. Während 35-mm-Material ein Jahrhundert lang Standard der professionellen Filmherstellung war, wechseln die digitalen Dateiformate ständig, ebenso wie die Ansprüche an die Auflösung der Bilder. Digitale Dateien müssen alle fünf Jahre umkopiert werden, während ein korrekt gelagerter Analogfilm nach Schätzungen über 500 Jahre hält. Weshalb etwa die Archivare von Sony dazu übergegangen sind, ihre digital produzierten Filme für die Lagerung auf analoges Material umzukopieren.

Trotz der zwei Stunden Spielzeit von Cinema Futures können viele Fragen nur angeschnitten werden. Eine kurze Sequenz, die in Indien spielt, bricht den westlich zentrierten Blick etwas auf. Doch was ist zum Beispiel mit der Rettung des Filmerbes in Afrika? Wie gehen Filmgroßmächte wie Japan oder Russland mit ihrem analogen Erbe um?

Auch das Thema digitaler Restauration wirft grundlegende Fragen auf, die hier nur am Rande vorkommen. Statt an diesen praktischen Fragen dranzubleiben, geht Palm immer wieder auf eine höhere, abstrakte Ebene, indem er als Off-Kommentator über den Status des Filmbildes philosophiert. Diese Kombination aus weitgefasstem Thema und vielfältigem Ansatz ist ambitioniert, läuft aber immer wieder Gefahr, beliebig zu wirken. Dennoch bietet Cinema Futures einen guten Überblick über ein Thema, das jeden angeht, der sich schon einmal gefragt hat, was mit seinen Handyfotos in 50 Jahren sein wird. (Sven von Reden, 27.4.2017)

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