Burgtheater – wer wagt, verliert

Kommentar der anderen26. April 2017, 15:43
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Auch wenn es manche nicht um die Burg zugeben wollen: Österreichs Nationaltheater steht auch künstlerisch ordentlich da. Spielplan und Ensemble sind gut gemischt, das dünne Eis der finanziellen Notwendigkeit trägt noch

Ronald Pohl hat unter dem Titel "Nur wer wagt, gewinnt die ganze Burg" (erschienen im STANDARD vom 22. 4.) der bis 2019 waltenden Direktorin Karin Bergmann brave, gediegene, biedere Arbeit bestätigt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

"Das Schiff, dessen Steuer Bergmann 2014 so beherzt in die Hände genommen hat, liegt – an sicherem Ankerplatz – in schwerer Flaute. Das Pathos der Retterin und ,Trümmerfrau', die auch vor unpopulären Sparmaßnahmen nicht zurückschreckt, ist damit aufgebraucht." Dann kommt von Pohl Kritik: Die von ihm empfundene Flaute mündet in eine Aufforderung an den Kulturminister: "Minister Drozda hat nicht so sehr die Qual der Nachfolgewahl. Er steht nur in der Pflicht, eine inhaltliche Neuorientierung des Wiener Burgtheaters zu bewirken." An dieser Diskussion möchte ich mich beteiligen!

Das Burgtheater ist das österreichische Nationaltheater und hat die Aufgabe, primär das Theater für die Stadt und das Land zu sein. Dass es darüber hinaus in all den Jahren auch international große Bedeutung erlangt hat und erlangen sollte, steht an zweiter Stelle und war immer wieder die glückliche Konsequenz großer Regietaten und hervorragender Schauspieler.

Was stellt Pohl an Bergmanns Direktion aus? Bei mir ist als Hauptkritikpunkt angekommen, dass die Burgprinzipalin den Spielplan nach den Gegebenheiten des Ensembles auswählt und nicht so sehr nach dramaturgischen oder modischen Gesichtspunkten – also von der Berufung von internationalen Stars für bestimmte "importierte" Stücke und Regisseure absieht. Glanzlosigkeit sozusagen! Welche Gründe Pohl nun dafür sieht, schimmert nur durch: Sparsamkeit, Konfliktscheu, Fantasie- und Konzeptlosigkeit, Loyalität zum Ensemble.

Das Plädoyer für eine Grundsatzdiskussion bleibt dagegen blass, nicht ohne Verweise auf deutsche Bühnen und Personen. "Aufbrüche, wohin man blickt; da dürfen Rückschläge nicht ausbleiben. An der Wiener Burg verwaltet man derweil gekonnt, häufig aber nur verschämt und ein wenig betriebsfromm den Status quo."

Seit meiner Rückkehr aus Frankreich 1973 habe ich nur wenige Aufführungen an Burg und Akademie versäumt, eine der eindrucksvollsten war 1986 der legendäre Thomas-Bernhard'sche Theatermacher, mit dem die Ära Peymann begann: "Was, hier soll ich Theater machen, in Mutzbach am Utzbach?" Diese Frage beantwortete Peymann grandios in seinen großen Jahren. Auch als Politiker stand ich immer zu ihm, seiner Kunst, seinem Spielplan, seinen Künstlern, zum Heldenplatz, den Jelinek-Stücken usw.

Dann kamen Bachler, Hartmann und die Krise. Dann Karin Bergmann, die ohne Krise nie eine Chance bekommen hätte. Ich bin ein interessierter Laie und passionierter Theaterbesucher, mehr nicht. Was ich vom österreichischen Nationaltheater erwarte, hat Karin Bergmann souverän geleistet. Was Pohl als Schwäche sieht, sehe ich als Stärke: Das vielfältige, bunte, prachtvolle Ensemble, von ganz jung bis ins biblische Alter, die geglückte Mischung von österreichischer und internationaler Klassik und Moderne, ein bunter und abwechslungsreicher Spielplan, bei dem zumindest bei mir nicht die Ödheit und Fadesse aufkamen, die ich anderenorts erlebe.

Geradezu fassungslos macht mich aber die Aufforderung, nicht so sehr aufs Geld zu schauen: "Etwas von der Unverantwortlichkeit, die Könnern wie Zadek oder dem notorisch umstrittenen Einar Schleef damals eignete, muss man, trotz aller abspeckenden Maßnahmen, auch von der Burg verlangen" – Irgendeiner wird schon zahlen? Die Freiheit und damit die Selbstbestimmung des Burgtheaters insgesamt, der ganzen Institution, ist wesenhaft damit verbunden, dass eine kluge kaufmännische Führung mit den Mitteln auskommt, welche die Steuerzahler ohne Murren – ein österreichisches Alleinstellungsmerkmal – bereitstellen.

Ein Blick über die Grenzen, nicht nur in den deutschsprachigen Raum, müsste da doch Warnung sein: Das Theater steht auf dem dünnen Eis der Finanznotwendigkeiten, das anders- wo schon einbricht und in Zukunft angesichts der großen derzeitigen finanziellen Anforderungen mit Sicherheit weiter einbrechen wird.

So erhoffe ich als "Insasse" von Burg und Akademie (im Sinne des großen Friedrich Torberg), Peymann nannte mich einmal einen "Burgtheater-Groupie", dass wir wieder eine Direktorin oder einen Direktor bekommen, die oder der sich auf dem nicht nur finanziell dünnen Eis der österreichischen Theaterwelt so perfekt bewegt wie Frau Bergmann und den Österreichern ähnlich interessante geglückte Aufführungen bietet.

Kulturminister Thomas Drozda kann ich die Frage nicht ersparen: Warum keine Findungskommission? (Andreas Khol, 26.4.2017)

Andreas Khol (Jg. 1941) vertrat lange Jahre die ÖVP im Nationalrat. Von 2002 bis 2006 war er Präsident des Nationalrates. 2016 trat er als ÖVP-Kandidat für die Bundespräsidentenwahl an.

  • Finanziell scheint im Burgtheater nach einigen dürren Jahren wieder alles halbwegs im grünen Bereich zu sein. Über die künstlerische Haben-Seite allerdings scheiden sich die Geister.
    foto: reuters/heinz-peter bader

    Finanziell scheint im Burgtheater nach einigen dürren Jahren wieder alles halbwegs im grünen Bereich zu sein. Über die künstlerische Haben-Seite allerdings scheiden sich die Geister.

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