Uralte Steinreliefs weisen auf prähistorischen Kometeneinschlag hin

29. April 2017, 09:00
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11.000 Jahre alte Kultstätte in der Türkei könnte kosmisches Ereignis darstellen, das die neolithische Revolution auslöste

Edinburgh – Am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 13.400 Jahren begann sich die Erde wieder zu erwärmen. Es schien, als wäre das schlimmste überstanden, die Eismassen zogen sich langsam zurück und Laubwälder begannen, die europäische Tundrenvegetation zu ersetzen. Dann aber kam es plötzlich zu einer erneuten drastischen Abkühlung: Vor 12.700 Jahren sanken die Jahresdurchschnittstemperaturen innerhalb eines Jahrzehnts in Mitteleuropa auf etwa -3 Grad Celsius. Ein letztes Aufbäumen der ausgehenden Eiszeit? Einige Wissenschafter vermuten, dass der Auslöser dieser als Jüngere Dryas bekannte letzte Kälterückfall auf ein kosmisches Ereignis zurückzuführen ist – mit tiefgreifenden Folgen für die Geschichte der Menschheit.

Eisbohrkerne, die Klimaforscher grönländischen Gletschern entnommen hatten, weisen darauf hin, dass ein Kometentreffer der Erde damals einen rund tausendjährigen Winter beschert haben könnte. Die These ist in der Fachwelt umstritten, auffällig ist allerdings, dass das Ende dieser kurzen Kaltzeit mit dem Beginn der Landwirtschaft zusammenfällt. Einige Wissenschafter spekulieren, dass bereits vor der Jüngeren Dryas hoch entwickelte Kulturen existiert hatten, die durch die plötzliche Kaltphase einen Niedergang erlitten, aber ihre Kenntnisse an jene Menschen weitergaben, die später die ersten dokumentierten Hochkulturen hervorbrachten.

Älteste Kultanlage der Menschheit

Eine dieser frühen Kulturen dürfte Göbekli Tepe errichtet haben. Die steinzeitliche, bisher nur zu einem Bruchteil freigelegte Kultanlage liegt im Südosten der heutigen Türkei nahe Şanlıurfa und ist bekannt für ihre über 11.000 Jahre alten Steinstelen mit detailreichen Reliefdarstellungen. Damit ist Göbekli Tepe der älteste bekannte Tempel der Geschichte. Auf diesen Kunstwerken wollen nun schottische Wissenschafter Hinweise auf eben jenen Kometeneinschlag entdeckt haben, der die letzte Kaltzeit und damit womöglich die neolithische Revolution ausgelöst haben könnte.

Wie Martin B. Sweatman von der University of Edinburgh und sein Team nun im Fachjournal "Mediterranean Archaeology and Archaeometry" berichten, weisen einige der Jahrtausende alten Relieffs auf ein solches welterschütterndes Ereignis hin. Die Wissenschafter digitalisierten die Darstellungen auf dem sogenannten Vulture Stone (Geierstein) und stellten sie Sternenkonstellationen gegenüber. Dabei traten eindeutige Übereinstimmungen zwischen den Figuren und den vor über 12.000 Jahren am Nachhimmel sichtbaren Sternbildern zutage. Besonders aussagekräftig werten die Forscher die Darstellung eines auseinander gebrochenen Kometen, dessen Einschlag nach den Reliefs offenbar auch Menschen – dargestellt in Form einer kopflosen Figur – tötete.

Einschneidendes Ereignis

Allein schon die Tatsache, dass die Mitglieder der Göbekli-Tepe-Kultur großen Aufwand betrieben, um auf den meterhohen Stelen vom Himmel regnendes Verderben darzustellten, ist für Sweatman und seine Kollegen Grund genug anzunehmen, dass etwas sehr Einschneidendes passiert sein musste, das die Menschen für Jahrhunderte beschäftigte. Die zeitliche Übereinstimmung mit den Bohrproben aus Grönland untermauert den Verdacht, dass tatsächlich ein großes Objekt die Erde traf.

Vermutlich, so die Forscher, wurden die Stelen errichtet, um das kataklysmische Ereignis für die Nachwelt zu dokumentieren. Der gesamte Tempel, der heute noch zum Großteil unerforscht unter der Erde verborgen liegt, könnte demnach auch als Himmelsobservatorium gedient haben. "Diese Stelen haben anscheinend dazu gedient, an eine verheerende Begebenheit zu erinnern – womöglich den schlimmsten Tag in der damaligen Geschichte seit dem Ende der Eiszeit", meint Sweatman.

Umstrittene Deutung

Diese Interpretation ist allerdings nicht unumstritten. Die Grabungsleiter in Göbekli Tepe vom Deutschen Archäologisches Institut (DAI), Oliver Dietrich und Jens Notroff, kritisieren in einem aktuellen Blogeintrag, dass die Darstellungen nicht zwangsläufig als stellare Konstellationen interpretiert werden müssten. Darüber hinaus zeigen demnach zahlreiche weitere freigelegte Stelen ähnlich komplexe Bilder und abstrakte Symbole. Die Archäologen vermuten außerdem, dass Göbekli Tepe ursprünglich überdacht war, was seine Verwendung als Observatorium in Frage stellen würde. (tberg, 29.4.2017)

  • Pfeiler 43, auch bekannt als "Vulture Stone", könnte nach Ansicht schottischer Forscher auf einen  Kometeneinschlag vor rund 13.000 Jahren hinweisen.
    foto: martin b. sweatman, dimitrios tsikritsis

    Pfeiler 43, auch bekannt als "Vulture Stone", könnte nach Ansicht schottischer Forscher auf einen Kometeneinschlag vor rund 13.000 Jahren hinweisen.

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