"Das Volk": Analyse eines aktuellen Kampfbegriffs

    Rezension29. April 2017, 07:30
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    Kaum ein Begriff ist politisch so wenig neutral wie der des Volkes. Nun legt der deutsche Historiker Michael Wildt eine flott geschriebene Analyse dazu vor

    Wer das "Volk" für sich in Anschlag bringt, wer wie die Populisten einst und jetzt behauptet, als Einziger "das Volk" und seine Bedürfnisse zu vertreten, hat meist eine Agenda. Die besteht auch darin, bestimmte Gruppen aus der "Volksgemeinschaft" auszuschließen. Das versteht man, wenn man die Frage nach dem Volk andersherum stellt: Wer also ist das Volk nicht? Es waren stets wechselnde Gruppen: In der Antike meinten Denker wie Aristoteles ausschließlich wohlhabende, gebildete Männer, wenn sie "Volk" sagten. Arbeiter, Frauen, Sklaven und Mägde waren nicht mitgemeint, durften daher nicht wählen und hatten keine öffentliche Stimme.

    "Das Volk" waren die Männer

    Zum politischen Volk, zum demos, zählten lange Zeit überhaupt nur Männer; wenn Robespierre für das allgemeine und gleiche Wahlrecht eintrat, meinte auch er ausschließlich erwachsene, freie Männer. In der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 war mit homme nicht etwa der Mensch gemeint – sondern der Mann. Und in einem Schweizer Kanton dürfen Frauen erst seit 1990 wählen.

    Die Nationalsozialisten machten die Zugehörigkeit zum Volk abhängig von der Zugehörigkeit zu "Rasse" und "Art". Wer nicht ins völkische Schema passte, wurde vertrieben oder vernichtet. Spätestens ab diesem Punkt, so der Historiker Michael Wildt, war der Volksbegriff kontaminiert.

    Gemeinschaft durchs Ausschlussverfahren

    In der Hamburger Edition hat Wildt, einer der profiliertesten NS-Historiker Deutschlands und Professor an der Humboldt-Universität Berlin, nun ein feines Büchlein vorgelegt, in dem er den Volksbegriff umfassend analysiert und kontextualisiert. Wildt nennt sein Brevier eine "Intervention", der engagierte Tonfall tut der Sache gut.

    Nicht akademisch spröde, sondern gut lesbar und fokussiert beschreibt Wildt, wie anhand des Volksbegriffs zu verschiedenen Zeiten Politik gemacht wurde und wird. Heute sind es bekanntlich die lange Zeit vom Volksbegriff ausgeschlossenen "einfachen Leute", die von Populisten, Rechtsextremen und Demagogen gern als "das Volk" in Stellung gebracht werden. Wieder über das Ausschlussverfahren. Das heute meist Muslime trifft. (Lisa Mayr, 29.4.2017)

    • Demonstration vorwiegend männlicher Pegida-Anhänger mit Beteiligung der rechtsextremen NPD.
      foto: reuters

      Demonstration vorwiegend männlicher Pegida-Anhänger mit Beteiligung der rechtsextremen NPD.

    • Michael Wildt Volk, Volksgemeinschaft, AfD € 12,- / 160 Seiten Hamburger Edition, Hamburg 2017
      foto: hamburger edition

      Michael Wildt
      Volk, Volksgemeinschaft, AfD

      € 12,- / 160 Seiten
      Hamburger Edition, Hamburg 2017

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