O'Sullivan total von der Rolle

26. April 2017, 00:16
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Nach zwei Sessions liegt Ding Junhui 10:6 in Führung. "The Rocket" braucht eine herausragende dritte Session, um das Ausscheiden zu vermeiden

Sheffield/Wien – Nach einer überraschend schwachen und erratischen Leistung liegt Ronnie O’Sullivan gegen Ding Junhui mit 6:10 nach Frames zurück. Der Chinese war bereits in Session eins 3:0 in Führung gegangen, musste nach einer Stärkephase O'Sullivans jedoch mit einem 4:4 zufrieden sein. Schon in dieser ersten Session etablierte sich das Thema, das Session zwei in noch viel stärkerem Ausmaß prägen sollte: Ein Großteil der Frames wurde von O'Sullivan entschieden – sei es durch großartiges Spiel zu seinen, oder durch vermeidbare Fehler zu seines Gegners Gunsten.

Verbrechen und Strafe

In der zweiten, am Abend ausgetragenen Session wirkt es manchmal so, als könne Ding Junhui nicht ganz daran glauben, wie viele Chancen sein berüchtigter Kontrahent ihm auf dem Silbertablett serviert. Zwar locht Ding eine Reihe schwieriger, langer roter Bälle. Dennoch wirkt sein Spiel vorsichtig und zuweilen so, als spüre er den bohrenden Blick O'Sullivans im Rücken, als rechnete er fest damit, für jeden Fehler vom fünffachen Weltmeister streng bestraft zu werden.

Allein, die Strafe: sie kommt nicht. Beim Stand von 5:5 etwa ist O'Sullivan drauf und dran, Ding einen schon sicher geglaubten Frame zu stehlen. Dann aber verstellt er sich auf Schwarz, verschießt den Ball knapp und gibt den Frame entnervt auf, noch bevor Ding wieder an den Tisch treten kann. Die Schnelligkeit, die bei O'Sullivan oft so beeindruckt – heute wirkt sie wie pure Hast. Mitunter hat man den Eindruck, "The Rocket" wolle die Session einfach nur hinter sich bringen, ob mit gewonnenen oder verlorenen Frames sei fast schon egal.

Schuld und Sühne

So kommt es, wie es kommen muss: Mit solidem, aber zu keinem Zeitpunkt begeisterndem Snooker heimst Ding Stück für Stück fünf Frames in Folge ein. Die Gegen-Chancen, die er in fast jedem Frame gestattet, würden einem O'Sullivan in Topform leicht genügen, um die Mehrzahl dieser fünf Frames für sich zu entscheiden. Stattdessen steht es vor dem letzten Frame der zweiten Session 10:5 für Ding, bei 13 zum Sieg benötigten Frames ein fast schon vorentscheidender Vorsprung.

Im 16. Frame der Partie passiert dann etwas Seltsames: Erstens gelingt O'Sullivan ein langer Einsteiger auf Rot (es ist ungefähr das erste Mal für ihn in dieser Session). Zweitens nimmt er danach in fast gespenstischer Weise Fahrt auf, rast um den Tisch, knallt Ball für Ball bei virtuoser Spielball-Kontrolle in die Taschen und entscheidet den letzten Frame des Abends innerhalb weniger Minuten mit einem Century-Break für sich. Der Unterschied zu Dings solidem, aber glanzlosem Spiel: er könnte nicht deutlicher zu Tage treten.

Dennoch bleiben O'Sullivan beim Zwischenstand von 6:10 nur noch geringe Chancen auf den Einzug ins Halbfinale – falls Ding Junhuis Nerven ihm in der am Mittwoch gespielten dritten Session keinen Streich spielen.

Dominanz und Routine

Noch schlechter ist es nach zwei gespielten Sessions um Kyren Wilson bestellt, der gegen John Higgins bereits mit 5:11 in Rückstand liegt. Routinier Higgins beeindruckt wie schon in seinen vorherigen Matches durch ungemein konstantes Spiel auf tollem Niveau, mit dem ihm auch immer wieder hohe Century-Breaks gelingen. Es darf wohl fast darauf gewettet werden, dass der vierfache Weltmeister sich diese Führung in Session drei nicht mehr aus der Hand nehmen wird lassen.

Auch Weltmeister Mark Selby zeigt gegen Marco Fu beim 6:2 eine ungeheuer dominante Leistung. Bis zum 5:0 für Selby bekommt Fu, der am Vortag noch gegen Neil Robertson brilliert hat, kaum ein Bein auf den Boden. Zu präzise und druckvoll sind Selbys Safetys, zu fehlerfrei trägt er die Mehrzahl seiner Breaks vor. Dass Fu dann zumindest noch zwei der drei letzten Frames der Session gewinnen kann, zeugt von der mentalen Stärke des Mannes aus Hongkong, der ja auch in seinen beiden bisherigen Partien einen deutlichen Rückstand aufholen konnte.

Hawkins und Maguire

Die ausgeglichenste Viertelfinalpartie liefern sich bisher Barry Hawkins und Stephen Maguire. Mit 3:5 bleibt Maguire, der einzig noch verbliebene ungesetzte Spieler, gegen Hawkins in Schlagdistanz. Sämtliche Viertelfinalmatches werden am Mittwoch fortgesetzt.(Anatol Vitouch, 26.4.2017)

  • Akrobatisch: Ding Junhui.
    foto: apa/afp/ellis

    Akrobatisch: Ding Junhui.

  • Erratisch: Ronnie O'Sullivan.
    foto: apa/afp/ellis

    Erratisch: Ronnie O'Sullivan.

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