Mit der Jogginghose ins Büro

Kolumne31. Mai 2017, 11:27
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Vorteil für die Schreibtischarbeit oder tragikkomische Missdeutung von Epikurs Genusslehre

Pro
von Christa Minkin

Zugegeben, mit dem Bild des ehemaligen Turnlehrers im Kopf fällt es schwer, für ein Kleidungsstück in die Bresche zu springen, das derart anfällig für schlechten Geschmack ist. Schlimm war gar nicht so sehr der blaugrau glänzende Trainingsanzug des schnurrbärtigen Mannes. Eingebrannt hat sich vor allem das damit kombinierte Schuhwerk. Die Sünde aller Modesünden: Plastikschlapfen und weiße Tennissocken. Wohlgemerkt auch während des Geografieunterrichts. Das muss wirklich nicht sein. Nicht beim Turnen. Nicht im Büro. Niemals.

Wer es hingegen klug anstellt, kann den Vorteil der Jogginghose auch während der Schreibtischarbeit genießen. Der Trick ist: auf dunkle Farben setzen und nicht mit Schlabberpullis kombinieren.

Wenn die Kollegen nicht wissen, was man anhat, können sie nicht missbilligend schauen. Das Bauchfleisch wird es einem danken. Nach der Mittagspizza mit extra Käse wächst der Gummibund munter mit, anstatt dass der Jeansknopf Widerstand leistet. Bestimmt war der Turnlehrer deshalb immer gut gelaunt.

Kontra
von Ljubisa Tosic

Alltagsrecherche erhärtet die Vermutung: Trainingshosen, abseits vom Fitnessparcours zur Schau gestellt, weisen nicht auf vitale Lebensführung hin – vielmehr auf eine tragikkomische Missdeutung von Epikurs Genusslehre. Sporthosen werden zwar angelegt, um Symbole muskulärer Ertüchtigung auszusenden. In Wahrheit sind sie eine letztlich fatale Möglichkeit, Folgen extremer Mahlzeiten bequemer zu gestalten und Gewichtsexplosionen notdürftig zu tarnen.

Bauchwucherungen infolge eines exzessiven Hedonismus lassen sich durch die Elastizität des Kleidungsstücks natürlich lindern. Der Außenwelt jedoch entgeht selten, dass der Träger auf dem Pfad der Selbsttäuschung wandelt und seine Existenz längst an einem kritischen Kilopunkt angelangt ist. In die Arbeit mitgenommen, führt das Kleidungsstück denn auch nur zum Vorurteil, dem Träger fehlten längst Mut und Puste, eine wahrheitsliebende Waage zu besteigen. Zudem verfestigt er den Eindruck, nichts würde ihm mehr passen – außer eben besagte letzte Trainingshose. Und das willst du doch nicht. (RONDO, 31.5.2017)

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