Wiener Philharmoniker: Das reisefreudige Klangrätsel

Gespräch26. April 2017, 13:00
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Die Wiener Philharmoniker feiern mit einer Ausstellung im Haus der Musik ihren 175. Geburtstag. Dazu erscheinen auch ein Buch, das sich mit der Historie des Orchesters befasst, und eine üppige CD-Box, die an Kooperationen unter anderem mit Pierre Boulez erinnert

Wien – Zeitgeist oder Zufall – es begab sich jedenfalls, dass einst zwei Edelorchester nahezu zeitgleich gegründet wurden: Am 28. März 1842 erfand Otto Nicolai die Wiener Philharmoniker. Und 1842, am 7. Dezember, gaben in Übersee die New Yorker Philharmoniker ihr erstes Konzert, wodurch sich anbot, 175 Jahre später, also jetzt, gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen.

In der Ausstellung 2 x 175 Jahre Philharmoniker: Wien und New York ist im Haus der Musik die Historie der Klangkörper zu studieren. Für das auch frisch erweiterte philharmonische Archiv übergaben die New Yorker Freunde zudem ein Präsent. Es handelt sich dabei um die Rückgabe der Partitur von Mahlers Lied von der Erde, welche Leonard Bernstein 1966 "mitnahm", nachdem er bei den Philis debütiert hatte. Barbara Haws, Archivdirektorin der New Yorker, schließt natürlich einen Diebstahl aus. "Ich bin sicher, dass er nicht in der Nacht mit der Partitur abgehauen ist, sondern den Archivar gefragt hat. Es gab nur wenige Menschen, die Bernstein etwas abschlagen konnten ..."

Die Zusammenarbeit mit Bernstein wird auf der 44-CDs-Box, die nun zum Jubiläum erschien, nur gestreift. Der Vizevorstand der Philharmoniker, Helmut Zehetner, mitverantwortlich für das Repertoire der Box, findet, das ginge auch gar nicht anders. Eine umfassende Dokumentation aller essenziellen Aufnahmen würde den Rahmen auch dieses Wälzers sprengen. Auch sei die Klärung der Urheberrechte mitunter ein Hindernis, wobei u. a. mit Abbado, Karajan, Furtwängler, Maazel, Böhm, Levine, Sinopoli und Prêtre Markantes dabei ist.

Besonders wichtig war Zehetner, Bruckners Achte mit Pierre Boulez zu integrieren. "Er war der feinsinnige, liebeswürdige ältere Herr, dem man den Revoluzzer der frühen Jahre nie zugetraut hätte." Die Aufnahme der Achten "ist für mich in ihrer Klarheit beeindruckend. Sie ist ganz in sich rund und abgeschlossen."

Faszinosum Boulez

Für Zehetner war Boulez ein singulärer Musikkopf: "Es gibt Partituren, die durch Notizen der Dirigenten aussehen wie bunte Gemälde, durch die hindurch man die Noten kaum sieht. Ich konnte Boulez' Partitur zu Debussys Pelléas et Mélisande einsehen: Da stand in winzigster Schrift mit Bleistift ein Sternchen und dazu eine Bemerkung zur zweiten Klarinette. Ansonsten war da praktisch nichts. Boulez hatte die Partitur vollständig im Kopf, sonst hätte er weitaus mehr Eintragungen gemacht. Frappant."

Wie es Dirigenten schaffen, den ganz besonderen Klang herzustellen, das bleibt auch für Zehetner letztlich ein Geheimnis. Die Philharmoniker, die ja keinen Chefdirigenten beschäftigen, nehmen allerdings – bei aller Rätselhaftigkeit – das Thema "individueller Klang" sehr ernst. "Ich finde, man erkennt uns letztlich an den Kontrabässen. Selbstverständlich an der Oboe, den Hörnern. Aber der obertonreiche Klang kommt von der Spielweise der Bässe, der einen intensiven Ton erlaubt. Auf dem kann sich alles andere aufbauen."

Natürlich gäbe es "dazu hunderte Meinungen", findet Zehetner. "Wichtig ist jedenfalls die Hörerwartung im Kollektiv, die gemeinsame Vorstellung, wie es klingen soll. Das Orchester ist die komplexeste Kommunikationsform, die erfunden wurde." Auch im neuen Buch von Christian Merlin, das die Biografien aller 851 Musiker (seit der Gründung) nachzeichnet, geht es um den Klang: "Der Wiener Stil ist das Resultat einer Mischung aus jüdischen, deutschen, tschechischen, ungarischen, slawischen und balkanischen Elementen." Ein Mischklang also.

Wer über diesen nicht nur grübeln, ihn vielmehr "gestalten" will, geht ins Haus der Musik. Ebendort wartet der "virtuelle Dirigent", der jeden – mit Staberl in der Hand – zum philharmonischen Maestro macht. Auf dem Weg dorthin kommt der Besucher übrigens aktuell an der Raketenskulptur vorbei, die Nives Widauer aus Instrumententransportboxen der Philis gebaut hat. Schöne Symbolik, denn eines ist sicher: Die Philharmoniker reisen viel. Viel mehr als früher, wodurch der Wegfall der Einnahmen aus Tonträgerverkäufen kompensiert wird. Das bestätigt auch Zehetner. (Ljubiša Tošić, 26.4.2017)

  • Im Haus der Musik läuft die Ausstellung "2 x 175 Jahre Philharmoniker: Wien und New York". Natürlich erinnert sie auch an den Gründer der Wiener Philharmoniker, Otto Nicolai.
    foto: apa/hans punz

    Im Haus der Musik läuft die Ausstellung "2 x 175 Jahre Philharmoniker: Wien und New York". Natürlich erinnert sie auch an den Gründer der Wiener Philharmoniker, Otto Nicolai.

  • Helmut Zehetner, Vizevorstand der Wiener Philharmoniker.
    foto: apa/terry linke

    Helmut Zehetner, Vizevorstand der Wiener Philharmoniker.

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