Britische Interessen statt langfristige Lösungen im Nahen Osten

25. April 2017, 11:41
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Auf der Suche nach Post-Brexit-Handelspartnern ist Großbritannien am Golf fündig geworden

Brüssel, Paris, Berlin – in jeder europäischen Hauptstadt dominiert ein Thema: Der Austritt Großbritannien aus der Europäischen Union. Doch auch in Doha, Muskat oder Riad ist der Brexit. Thema. Kaum eine europäische Großmacht hat eine so lange und tiefe Beziehung wie Großbritannien mit dem Nahen Osten – wenn auch nicht immer eine einfache.

Der Brexit werde auf zwei unterschiedliche Arten einen Unterschied im Nahen Osten machen, meint Lina Khatib am Montagabend in der Diskussionreihe "Arab Changes in a Changing World" im Kreisky-Forum in Wien. Khatib ist Direktorin des Nahost-Programms des angesehene Chatham House in London.

Rege Besuchsdiplomatie

Einerseits, so die Expertin im Gespräch mit STANDARD-Redakteurin Gudrun Harrer, werde Großbritannien versuchen seine wirtschaftlichen und politischen Verbindungen vor allem mit den Golfstaaten zu vertiefen. Andererseits werde das britische Engagement in anderen Teilen des Nahen Osten – wie zum Beispiel Tunesien – abnehmen.

Nach dem Austritt aus der Europäischen Union werde Großbritannien aus dem gemeinsamen Binnenmarkt, dem größten Handelspartner Großbritanniens, ausscheiden. Folglich sei man auf der Suche nach neuen Handelspartnern. Neben den USA sei man dabei auch auf die Golfstaaten fokussiert. Deswegen hätten auch die Besuche britischer Politiker am Golf in der jüngeren Vergangenheit stark zugenommen. Bereits jetzt gehören Investoren aus den oftmals öl- und gasreichen Golfstaaten zu den wichtigsten Investoren in Großbritannien, das soll nach dem Wunsch Großbritanniens noch zunehmen. Das Vereinigte Königreich werde von den Golfstaaten als stabiler und sicherer Hafen für Investitionen angesehen, auch deswegen habe es trotz Brexit eine Zunahme der Investition aus der Region in Großbritannien gegeben. Das Absinken des Pfund und die steigenden Ölpreise hätten bei dieser Entwicklung auch golfen.

Die Golfstaaten wüssten allerdings um die Verzweiflung der Briten, neue Handelspartner zu finden und seien dadurch in einer stärkeren Verhandlungsposition.

Waffenexporte

Großbritannien, so Khatib, versuche sich als verlässlicher Partner zu präsentieren – auch im Bereich der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Deswegen werde die britische Militärpräsenz im Golf weiter ausgebaut. Mit ein Grund dafür sei, dass das Vereinigte Königreich einer der größten Waffenexporteure der Welt sei und ein Gutteil der Exporte in den Nahen Osten ginge. Auch hier spiele der Brexit eine Rolle: bisher unterliegt Großbritannien EU-Waffenexportgesetzen. Das falle nach einem EU-Asutritt weg.

Eine der Konsequenzen die Khalid befürchtet: Ein Comeback der britischen Politik, die repressive Regime in der Region unterstützt um die eigenen wirtschaftlichen Interessen voranzutreiben.

Am Ende des Tages, glaubt Khalid aber, dass sowohl die EU als auch Großbritannien nach dem Brexit den Blick mehr nach innen richten werden. Die Hauptinteressen Großbritanniens in der Region werden sein, die eigenen kurzfristigen ökonomische und sicherheitspolitischen Interessen zu wahren; nicht die langfristige Lösung politischer Konflikte in der Region.

Diese Politik könnte sich aber rächen, glaubt Khatib. Selbst die Großbritannien eng verbundenen Golfstaaten könnten rasch frustiert sein, wenn sie merken, dass die Briten nur die eigenen kurzfristigen Interessen im Kopf haben. Noch größer sei das Risiko, dass Großbritannien durch den Austritt außenpolitisch noch stärker abhängig von der US-Politik werde. Und auch die EU habe viel zu verlieren: wenig Staaten hätten so viel Know-How über den Nahen Osten wie die Briten. Dieses Wissen ist nach dem Brexit außerhalb der EU angesiedelt. (red, 24.4.2017)

foto: epa/claudio peri
Lina Khatib ist Direktorin des Nahost-Programms des angesehenen Chatham House in London.
  • Schiffe der Royal Navy trainieren vor der Küste des Oman.
    foto: epa/lashread

    Schiffe der Royal Navy trainieren vor der Küste des Oman.

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