Vater ist aus Käse

Glosse25. April 2017, 16:00
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Mein Vater ist zu seinen Lebzeiten kein Vorbild für irgendetwas. Sexuell untreu, selbst eifersüchtig, gewalttätig, unfähig Liebe zu zeigen

Es gibt Väter, die nie welche geworden sein sollten. Weil sie beschissene Väter geworden sind. Natürlich kann man erst nach Vaterwerdung sehen, was für ein Vater jemand ist. Die meisten Väter sind zum Glück nur durchschnittliche Väter.

Soap-Daddy

Auf eine abgründige Weise ist Al Bundy ein weit besserer Vater als die zwei unten beschriebenen. Al ist ganz ehrlich am Schicksal seiner Kinder desinteressiert und nimmt ihnen Geld ganz einfach weg. Allerdings – wie man im Vorspann sehen kann – gibt Al seinen Kindern (du seiner Frau) Geld, wenn er sich dadurch seine Ruhe erkaufen kann. Er lügt auch nie, sondern sagt seinen Kindern (und seiner Frau) wie wenig er sie mag und wie sehr er sich wünscht, ohne sie zu leben. Oder wenigstens tot zu sein.

Mein Vater ist zu seinen Lebzeiten kein Vorbild für irgendetwas. Sexuell untreu, selbst eifersüchtig, gewalttätig, unfähig Liebe zu zeigen, falls sie überhaupt irgendwo in ihm ist. Aber er ist wenigstens tot. Und – wie mir ein Fachmann vor langer Zeit erklärt – zu Seife geworden. Er nennt das "Saponisierung". Es ist ein chemisches Phänomen, bei dem Körperfett in Seife umgewandelt wird. Solche Leichen nennt man "Wachsleichen", und sie sind wegen der chemischen Zusammensetzung des Bodens und des Grundwasserspiegels am "Neuen Friedhof" in Beograd keine Seltenheit.

Damals rechne ich schnell aus, dass ich mich für den Rest meines Lebens mit meinem seifigen Vater waschen könnte.

Psycho-Dad

Es ist erst kurz her. Meine Freundin Marija beklagt den Tod ihres Vaters. Und dann kommt es schlimmer. Ihr Bruder Marko wird als Mann mit zwei Gesichtern entlarvt.

Eines ist das Gesicht des aufrechten Helden der Dorfgemeinde, eines Heimatverteidigers der ersten und der letzten Stunde, eines Mannes, der auch nach dem Krieg der Heimat und dem Volk als Polizist dient. Marko genießt allgemeine Hochachtung, weil er dem Freunde stets ein hilfsbereiter Freund ist. Das andere Gesicht zeigt Marijas Bruder schon kurz nach dem Begräbnis.

Es kommt aber – wie so oft – nicht aus heiterem Himmel. Die Hinweise sind irritierende Puzzleteile, die Marija lange nicht als zu einem Bild zugehörig sehen kann. Vielleicht, weil sie schon jung ihr Glück an der Küste findet, weit weg vom Dorf ihrer Familie im Karst des dalmatinischen Hinterlands. Und weil ihre kurzen Besuche bei der Familie immer das Bild einer Normalität ergeben, die so ist, wie sie sein soll.

Doch bei jedem Besuch wird Marijas Schwägerin schweigsamer, ihre beiden Nichten streitsüchtiger, und der Neffe gerät zum Prinzling. Über all dem thront Vater Marko, einzig er unverändert, einzig er am Reden. Immer über seinen Sohn, immer darüber, dass dieser Sohn, Gott helfe, eines Tages ein Held werden möge wie sein Papa. Vor wenigen Jahren dann geht Markos ältere Tochter mit dem erstbesten Mann aus dem Haus, der eine Wohnung in Untermiete irgendwo an der Küste aufweisen kann. Die jüngere Tochter erstreitet sich einen Sommerjob als Kellnerin in der Caffee-Bar ihrer Tante Marija. Und Papa Marko verbringt seinen gesamten Urlaub im Dorf an der Küste und passt auf, dass sein Töchterchen während ihrer Arbeit nicht zur Freundin eines jungen Mannes mit der falschen ethnischen Blutgruppe wird.

Alte Kalaschnikow ausgegraben

Bald stellt Marija Fragen nach den Zuständen in der Familie ihres Bruders. So erfährt sie, dass ihre Schwägerin inzwischen ein Fall für die Psychiatrie ist, aber von Marko mit Valium abgefüllt wird, damit es kein Gerede in der Nachbarschaft gibt. Den Untermieterfreund seiner älteren Tochter bedroht er so lange, bis dieser sich in Luft auflöst und die Tochter wieder im Haus ist. Und dann sieht Marija zu, wie ihre Nichte, kaum nach Markos Abreise ins Hinterland, prompt zur Freundin eines jungen Mannes mit der falschen ethnischen Blutgruppe wird. Und nach Ende der Touristensaisson nicht ins Hinterland abreisen will, sondern den ganzen, öden, von der Bura heimgesuchten Winter an der Küste zubringt. Und lieber mürrischen Fischern, notgeilen Bauarbeitern aus Slawonien und Schamlosigkeiten murmelnden Lkw-Fahrern Kaffee kocht und Biere oder Spritzer serviert – als in das Haus ihres Vaters Marko zurückzukehren.

Nach dem Begräbnis des Vaters dehnt Marko seine Tyrannei auch auf Marija und ihren Ehemann aus. Und ihre Kinder. SMS mit ordinärsten Beschimpfungen und Drohungen schwirren täglich durch den Äther. Marko macht Marija für das "Weglaufen" seiner Tochter verantwortlich. Und dafür, dass sie nun von ethnisch falschem Samen besudelt ist, was eine ewige Schande sein werde. Aber weil Marko ein hochrangiger Polizist mit guten Beziehungen ist, helfen geschriebene Gesetze nicht. Wie diese Geschichte ausgeht – nun da auch noch ein Erbstreit ansteht –, ist noch ungewiss.

Marija ist verzweifelt, ihr Mann rasend vor ohnmächtigem Zorn, eine alte Kalaschnikow aus dem Krieg ist bereits aus dem Olivenhein ausgegraben, frisch geölt und liegt griffbereit in ihrem Geheimfach hinter der Schank. Geladen und entsichert. Da, wo tagsüber die Kinder der beiden herumtollen, wenn Mutter Marija selbst kellnert. Aber so macht man das hier.

Für Marija habe ich nur drei Ratschläge. Der erste betrifft die Einigkeit zwischen ihr und ihrem Mann. Sie müssen alle weiteren Schritte gemeinsam gehen und nicht jeder für sich. Aus dieser Einigkeit sollen sie Kraft schöpfen. Der zweite Rat ist einfach: Man nehme einen Rechtsanwalt und lasse ihn seine Arbeit machen. Der dritte Ratschlag ist eindeutig zum Wohle der Kinder und zum Selbstschutz vor nicht rückgängig zu machendem Schaden. Ich rate meiner Freundin Marija, alles, was "Bang" machen kann, aus dem Haus zu tragen und wieder im Olivenhain zu vergraben.

Der Baseballschläger und die Machete, die sowieso immer hinter der Schank stehen, reichen völlig aus.

Gorgonzola-Dad

Mein Freund Felix der Liguster und sein Zwillingsbruder Alex haben einen Vater, der kein Tyrann ist. Sondern ein notorischer Lügner. Die Mutter der Zwillinge hingegen ist eine selbstbewusste Frau, die in ihrer Jugend erst Kopilotin eines Rallyeteams und später selbst Rallyefahrerin ist. Doch sie ist auch fasziniert vom sprühenden Ideenreichtum des Wirtschaftsstudenten Bernhard.

Und so wird Berni zum Vater der Zwillinge Liguster. Berni jedoch bricht sein Studium ab. Er will erkannt haben, dass er kein Studium zu Ende führen muss, weil er jetzt schon genug Wissen hat, um der frühe Vogel zu sein, der den Wurm fangen wird, sobald er nur etwas Anschubfinanzierung bekommt. Also überredet er Mutter Liguster zu einem Kredit. Und alles geht schief. Nur dass Berni niemandem etwas davon sagt. Er hat ja schon eine neue Idee. Eine, die mit etwas Anschub alles wieder ins Lot bringen wird.

Also schnorrt Berni in der unmittelbaren Nachbarschaft. Jedem der Angeschnorrten legt er nahe, über die Sache zu schweigen. Es fallen Begriffe wie "Geschäftsgeheimnis", "Rendite", "Ausschüttung" und "Neid der Armgebliebenen". Andere Begriffe wie "Konkurs", "Schulden", "Risiko" und "Nicht abgeschlossenes Studium der Wirtschaft" fallen nicht. Genauso wenig, wie die neue Idee des Berni irgendetwas an der Lage ändert: Er sitzt bald auf einem noch größeren Schuldenberg.

Irgendwann merkt auch Mutter Liguster, dass etwas nicht stimmt, weil viele Nachbarn sich ihr gegenüber eigenartig benehmen. So als wäre sie (und die Zwillinge) an einer kollektiven Beleidigung der Nachbarn beteiligt. Nicht viel später trifft Familie Liguster der Schand-Tsunami mit voller Wucht. Die Nachbarn ziehen vor Gericht, die Bank stellt Ultimaten, Berni verschwindet.

Damit endet die Ehe, aber nicht das Vatersein des Berni. Oder sein Lügnersein. Seine Söhne nennen ihn nie "Vater", sondern nur "Berni". Inzwischen ist Berni auf einem neuen Level angelangt. Seine Mutter, die Oma der Zwillinge, fast hundert an Jahren, ist endlich im Altersheim. Also kann Berni ihre kleine Wohnung für die tausendste "Anschubfinanzierung" seiner tausendsten Geschäftsidee, die in Wahrheit nur die tausendste Lüge seines Lügnerlebens ist, verkaufen.

Doch Berni vergisst, dass nun der Staat seine Hand auf dieser Wohnung hat. Und ein Heer von Gläubigern aus drei Jahrzehnten Ausreden, Ausweichen und Lügen. Was Berni aber als "Pech im Geschäft" betrachtet. Voriges Jahr borgt er von seinem Sohn Felix eine nicht unbeträchtliche Summe aus. Nach Monaten des Windens, Ausredens und Ausweichens trifft Felix Berni zufällig in einem Elektronikmarkt in Wien, obwohl Berni noch vor zwei Stunden am Telefon behauptet, er sei in Salzburg. Geschäftlich. Um das Geld, dass er Felix schuldet, bei einem Geschäftspartner einzutreiben.

Und Felix stellt seinem Vater eine einfache Frage: "Wieso machst du das? Ich bin doch dein Sohn!" In Bernis Augen, in seinem Gesicht, in seiner Gestik und Mimik kann Felix nur eines lesen: die Verzweiflung eines in der Lüge ertappten. Aber keine Spur von Reue oder wenigstens Scham. Stattdessen eine neue schamlose Lüge: Berni sei in diesem Elektronikmarkt, weil ihm in Salzburg eine Computermaus um sieben Euro kaputt geworden sei und er eben eine neue in Wien kaufen müsse, weil er unerwarteterweise weiter ins Burgenland müsse, geschäftlich selbstverständlich – und immer so weiter ... (Bogumil Balkansky, 25.4.2017)

  • Väter, so weich wie Käse.
    foto: afp

    Väter, so weich wie Käse.

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