Im US-Hinterland: Wo das Geld für die Buslinie fehlt

Reportage25. April 2017, 12:38
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Der lange wirtschaftliche Absturz ist vorbei, in Teilen des Rust Belt hat eine vorsichtige Erholung eingesetzt. Doch die soziale Krise der Region ist allgegenwärtig

Ambridge/Clairton – Alle paar Minuten krächzt es aus dem Funkgerät von Sergeant Jim. Der Polizist hebt dann die Finger, weil er Ruhe haben will, um zu hören, ob seine Kollegen draußen auf der Straße etwas brauchen. Ein paar Jugendliche lungerten auf einem Parkplatz vor einem Geschäft herum.

Jim hatte zwei Streifenwagen geschickt, um nachzusehen, was die da treiben. Entwarnung. Es war nur ein Routinefunkspruch. "Ich bin trotzdem vorsichtig", sagt der Polizist. "In den vergangenen Jahren sind zwei Kollegen niedergeschossen worden."

Das Revier von Sergeant Jim ist die 7.000-Einwohner-Stadt Clairton im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Einsatzzentrale der Polizei befindet sich im Rathaus. Ein rotes Backsteingebäude, das besser aussieht als der Rest des Ortes. Die größte Plage in Clairton sind die Drogen, sagt Jim. Heroin, gemischt mit dem Schmerzmittel Fentanyl: Das mache den Ort kaputt.

Immer wieder Notrufe

Laufend gebe es in Clairton und in einem der umliegenden Orte Notrufe wegen einer Überdosis, "alle paar Wochen einen Todesfall". Viel unternehmen kann Jim nicht. "Die Menschen brauchten Perspektiven, Arbeit, Bildung." Schuld an der Misere sei auch, dass in zu vielen Haushalten der Vater fehle. "Die jungen Männer schwängern eine Frau, dann verschwinden sie." Den Kindern fehle jemand, der nach dem Rechten sehe. So sieht das Jim.

Clairton liegt im Rust Belt und hat wie der Rest der Region darunter gelitten, dass die großen Industriebetriebe zugesperrt haben. Der STANDARD hat sich in Orten wie Clairton umgesehen, um die Geschichten der Menschen aufzuschreiben und die politische Transformation – der Rust Belt wählte Trump – zu verstehen.

Den ökonomischen Tiefpunkt hat die Region überwunden, so erzählen es alle. Die Geschichten handeln deshalb von der anhaltenden sozialen Erosion und Perspektivenlosigkeit. So ist es auch bei Richard Lattanzi. Er ist der Bürgermeister von Clairton.

Stadt und Bürger ohne Geld

17 Jahre lang sei in Clairton nichts mehr gebaut worden, weil Stadt und Bürger kein Geld hatten. Als die Stahlindustrie in den 80er- und 90er-Jahren verschwand, waren die guten Arbeitsplätze weg. Zehntausende Menschen verließen die Region, die Immobilienpreise stürzten in den Keller. Damit brachen den Städten die Einnahmen weg, denn sie finanzieren sich zu einem Großteil aus Immobilienabgaben.

Doch in den vergangenen Jahren besserte sich die Lage. Die niedrigen Immobilienpreise locken wieder Investoren an. Lattanzi erzählt, dass im Ort eine neue Tankstelle mitsamt Supermarkt gebaut werde. Clairton befand sich fast 20 Jahre unter Konkursverwaltung. Nach einer langen Zeit der Einsparungen habe man jetzt wieder Geld, um Gehsteige zu reparieren.

Viele Drogenabhängige

Doch der Drogenmissbrauch werde eher schlimmer als besser: Fünf bis zehn Prozent der Menschen in Clairton seien drogenabhängig, schätzt Lattanzi. Schuld daran sei, dass die Preise für die Substanzen gefallen sind, sagt der Bürgermeister ebenso wie Sergeant Jim. Der Nachschub, vor allem aus Mexiko, sei unerschöpflich.

Lattanzi ist Demokrat. Er klingt aber wie ein Republikaner. Donald Trump habe ihm ganz gut gefallen. "Er hat viel Schwachsinn geredet. Aber er hat angekündigt, härter gegen das Drogenproblem, gegen Kartelle aus Mexiko vorzugehen." Das habe ihm wie vielen Menschen hier gefallen.

Staat leistet Sozialhilfe

Zwei Gemeinderäte Clairtons fahren den Besucher durch den Ort. Dabei wird klar, wie die Antwort des Staates auf die Krise lautete: karitative Leistungen. Ein Viertel der Einwohner, die meisten sind Schwarze, lebt in Sozialwohnungen. Sie müssen kaum Miete zahlen, bei Strom greift ihnen der Staat unter die Arme, erzählen die Gemeinderäte.

Dazu gibt es Essensmarken und Sozialhilfe. Die meisten Menschen in den Sozialbauten haben keine Arbeit. Aus Mangel an Chancen hätten viele die Suche nach Jobs aufgegeben. In den 70er-Jahren brauchte niemand eine höhere Ausbildung. Wer die Highschool verließ, bekam einen Job in einem Werk. Seit den 80er-Jahren ist es damit vorbei. Neben Drogen und Perspektivenlosigkeit erschwert also auch das Ausbildungsniveau den Neustart.

Schauplatzwechsel. Besuch bei Joe Carr in Ambridge, einem Ort eine halbe Autostunde von Clairton entfernt. Ambridge ist nach der American Bridge Company benannt, einem Unternehmen, das hier 1903 ein gigantisches Stahlwerk eröffnete. 1984 wurde es stillgelegt. Carr studierte in Pittsburgh Wirtschaft. Dann arbeitete er jahrelang für ein Stahlwerk und beriet entlassene Arbeiter bei der Jobsuche. Dann entschied er sich für die Kirche: Der Ökonom Carr ist heute Priester von Ambridge.

Dutzende stillgelegte Fabriken

Während der Staat respektable Sozialhilfe leiste, habe er es verabsäumt, in jene Strukturen zu investieren, die notwendig gewesen wären, um die Region nach dem Industriekollaps wieder aufzubauen. So sieht es Carr.

In Ambridge und den anderen früheren Stahlorten stehen dutzende stillgelegte Fabriken und verrotten. Als erster Schritt zur Revitalisierung hätten die Werkshallen abgetragen werden müssen, damit neue Investoren kommen können. Doch keine der Gemeinden hatte dazu Geld, und der Staat griff nicht ein.

Auch in die Infrastruktur sei nicht investiert worden. Carr illustriert das mit einem Beispiel. Ein paar Kilometer weiter in Homestead wurde auf einem Fabriksgelände von Investoren vor einigen Jahren ein Einkaufszentrum mitsamt Hotels errichtet.

Staat investiert nicht

Dann stellte man fest, dass die Leute aus dem Ort, die dort arbeiten sollten, mangels Bus nicht hinkommen. "Doch die Gemeinde wollte eine Buslinie nicht finanzieren, weil diese zuerst ein Verlustgeschäft gewesen wäre." Die Kirche sprang ein und übernahm für das erste Jahr die Kosten.

Die Abwesenheit von Investitionsprogrammen trage dazu bei, dass sich hier viele vergessen fühlen, sagt Carr. Gerade viele aus der Mittelschicht, die alles andere als arm sind und materiell alles haben. Trump hat mit seinen Versprechen, in die Infrastruktur des Hinterlandes zu investieren, bei ihnen gepunktet, sagt Carr. Beaver County, wo Ambridge liegt, war lange eine Hochburg der Demokraten. 2016 hat Trump Hillary Clinton hier mit 20 Prozentpunkten Unterschied geschlagen. (András Szigetvari, 25.4.2017)

  • Die Kleinstadt Ambridge war eine demokratische Hochburg. Donald Trump fegte hier 2016 Hillary Clinton von der politischen Landkarte.
    foto: ap

    Die Kleinstadt Ambridge war eine demokratische Hochburg. Donald Trump fegte hier 2016 Hillary Clinton von der politischen Landkarte.

  • Ein Ökonom und Priester: Joe Carr aus Ambridge.
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    Ein Ökonom und Priester: Joe Carr aus Ambridge.

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  • Die Kleinstadt Ambridge war eine demokratische Hochburg. Donald Trump fegte hier 2016 Hillary Clinton von der politischen Landkarte.
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    Die Kleinstadt Ambridge war eine demokratische Hochburg. Donald Trump fegte hier 2016 Hillary Clinton von der politischen Landkarte.

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