"Osterhöschen"-Debatte: Danke fürs Mansplaining

Userkommentar24. April 2017, 19:10
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Die Palmers-Kontroverse sei den Aufruhr nicht wert, erklärte Georg Schildhammer am Wochenende in klassisch antifeministischem Ton. Eine Gegenposition

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Männer in Sexismusdiskussionen einschalten, um sie zum Verstummen zu bringen. Bewaffnet mit entlarvendem Halbwissen, zurechtgebogenen Zitaten und der einen oder anderen kleinen Beleidigung ziehen sie als Helden des Patriarchats los, um den beteiligten Kritikerinnen zu erklären, warum ihre Aufregung lächerlich ist und sie sich doch bitte endlich beruhigen sollen. Der tosende Internetapplaus der Gleichgesinnten ist ihnen sicher. Sie werden gefeiert als mutige Gegner des Genderwahns und der außer Kontrolle geratenen Political Correctness. Endlich stellt sich jemand dieser moralischen Heuchelei entgegen! Zugabe! Zugabe!

Es ist auch nicht das erste Mal, dass sich Georg Schildhammer (Rorschachtest der Empörung: Höschenalarm!) in Sexismusdiskussionen einschaltet. Man erinnere sich an seine biologistischen Aussagen zur Studienwahl junger Frauen (Feminismus: Der Traum vom warmen Eislutscher): "Sie ticken einfach anders."

Die Palmers-Kontroverse sei den Aufruhr nicht wert, postuliert er gleich zu Beginn. Dann folgt eine irrelevante Erklärung, warum die "Osterhöschen" das am wenigsten erotisierende Sujet des Traditionsunterwäscheherstellers seit Jahren seien. Schildhammer will aufzeigen, dass er nicht nur den Feminismus wie seine Westentasche kennt, sondern auch die Kreativbranche und damit seine Expertise in beiden Belangen rechtfertigen. Diese Expertise kulminiert schließlich darin, dass er drei in der Sache kritische Journalistinnen, nämlich Corinna Milborn, Euke Frank und Nina Horazcek, fragt: Was gibt es da nicht zu verstehen?

Struktureller Sexismus

Das Problem des "Osterhöschen"-Sujets sind nicht die halbnackten Frauen. Das ist bei Werbung für Unterwäsche ein "Given". Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen erotischer und sexistischer Werbung. Nun war das zwar nicht der Fokus der Kritik in der aktuellen Diskussion, aber Schildhammer bringt es zur Sicherheit trotzdem ein.

Es geht hier auch nicht um individuelle Befindlichkeiten. Natürlich kann jede Frau, jeder Mann, jeder Mensch für sich selbst entscheiden, ob er sich von derartigen Sujets angegriffen fühlt oder nicht. Es geht in der Diskussion um strukturellen Sexismus, um ein kollektives Frauenbild, um gesellschaftliche Verantwortung. Wie ein im ganzen Land omnipräsentes Unternehmen Frauen in seiner Werbung inszeniert, ist relevant. Wenn es sie dann gesichtslos auf dem Boden drapiert auf einen Haufen Dreck starren lässt, dann ist das ein problematisches Bild.

Systemkritik, nicht Bevormundung

Wenn Feministinnen dieses Bild kritisieren, ist das keine Bevormundung der im Dreck liegenden Models. Es ist vielmehr Systemkritik. Da kann Schildhammer noch so viele aus dem Zusammenhang gerissene Laurie-Penny-Zitate über die Würde der Frau aus dem Hut zaubern. Dass er zum Schluss noch einmal gegen Corinna Milborn und Euke Frank ausholt, von wegen sie dürften Sexismus aufgrund ihres Arbeitgebers nicht kritisieren, ist das ein Argument, das im altbekannten Mansplaining-Kontext aber kein neues ist: Ich bestimme, worüber du dich empören darfst. Eben nicht. (Nicole Schöndorfer, 24.4.2017)

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