Wie Hillary Clintons Traum zu Bruch ging

25. April 2017, 07:26
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Unter anderen Vorzeichen wäre es die Chronik eines Sieges gewesen. Doch 70.000 Stimmen in drei Staaten brachten Donald Trump im November 2016 den Wahlsieg. "Shattered" heißt ein neues Buch, das Clintons Niederlage nachzeichnet

Eine rauschende Siegesparty sollte es werden, in einem Gebäude, das man seiner Symbolik wegen gemietet hatte. Das Javits Center, eine Kongresshalle in New York, Blick auf den Hudson River, hat ein Dach aus Glas. Die letzte gläserne Decke amerikanischer Männerbastionen zu zertrümmern und als erste Frau ins Oval Office einzuziehen – das war die Metapher, mit der Hillary Clinton das Historische ihrer Bewerbung beschrieb. Aber bald wackelten die Swing States, und in Michigan, Pennsylvania und Wisconsin zerbröckelte die "Blue Wall", die Mauer sichergeglaubter demokratischer Staaten, die einen Sieg Donald Trumps stoppen sollte.

Im Javits Center kippte die Stimmung, aus Siegesgewissheit wurde Nervosität, aus Nervosität das deprimierende Gefühl, eine sicher geglaubte Wahl verloren zu haben. Hillary Clinton war genauso überrascht wie ihre Anhänger. Ihr Team hatte nur eine Rede parat, die Siegesrede. Mit einer Niederlage hatte keiner gerechnet, sodass nun hektisch improvisiert werden musste. Das mit der Rede, sagt Jonathan Allen, sei seine Lieblingsanekdote, bringe es doch genau auf den Punkt, was in der Nacht auf den 9. November alles über den Haufen geworfen wurde an vorbereiteten Szenarien.

Gemeinsam mit Amie Parnes hat der Journalist ein Buch über Clintons Tragödie geschrieben, die erste wirkliche Insiderchronik, die seit dem Votum erschien.

Ein schmaler Grat

Allen arbeitet für Politico, Parnes für The Hill, beides sind Publikationen, die im Parlamentsbetrieb Washingtons zur Pflichtlektüre gehören. Ihre Quellen kommen meist anonym zu Wort, umso offener sollten sie reden. Eines vorweg, sagt Parne: Hätte Clinton in Michigan, Pennsylvania und Wisconsin siebzigtausend Stimmen mehr geholt, dann wäre das Buch das Protokoll einer Erfolgsstory. Der Titel, Shattered, stünde für die in tausende Scherben zersprungene Glasdecke, nicht für zertrümmerte Hoffnungen.

Jedenfalls zeichnet es das Porträt einer Kandidatin, die nie überzeugend begründen konnte, warum sie ins Weiße Haus wollte. "Warum du? Warum jetzt?" – auf diese Fragen müsse sie Antworten geben, riet ihr ein Berater schon zu Beginn des Rennens. Das Kompetenzargument reiche nicht, es sei zu wenig, mit der Erfahrung einer First Lady, Senatorin und Außenministerin zu punkten. Auch Ron Klain, einer ihrer Kampagnenstrategen, legte den Finger früh in die Wunde. HRC (Hillary Rodham Clinton) müsse besser erklären, was sie erreichen wolle, schrieb er in einer internen Notiz. "Was sind die Dinge, die sie als Präsidentin durchsetzen will? Was soll die Leute begeistern?"

Clinton, schreiben Allen und Parnes, habe von ihrem Stab erwartet, für sie die Kernbotschaft zu formulieren. Bei Trump und Bernie Sanders, ihrem parteiinternen Rivalen, war es umgekehrt, beide formulierten ihre Botschaften allein, aus dem Bauch heraus. Bei ihr feilte eine kleine Armada von Redenschreibern an jeder Passage, und heraus kamen beliebige, von allen Kanten befreite Sätze.

Keine Wählergespräche

Hinter den Kulissen schwelte ein Generationenkonflikt. Clintons Wahlkampfmanager Robby Mook, ein Mittdreißiger, orientierte sich nur an den Zahlen der Datenanalyse. Gespräche mit Wählern, die den Modellen nach mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht für Hillary stimmen würden, hielt er für Zeitverschwendung. Bill Clinton, der 1992 die Wahl gewann, weil er mitten in einer Rezession die Nöte der Abgehängten erfasste, sah es anders. "Er hatte das Gefühl, dass wir zu wenig mit den Leuten reden, ihnen zu wenig zuhören", zitiert ihn ein Vertrauter. Dennoch traute sich die Generation Clinton nicht laut genug, Widerspruch anzumelden: Angesichts der Datenanalyse wollte keiner als Steinzeitmensch gelten.

Dann der Rust Belt. Nicht, dass Hillary blind gewesen wäre für die Probleme, die sich dort für sie auftürmten. Als sie bei den Vorwahlen in Michigan hinter Sanders durchs Ziel kam und das Ergebnis als Weckruf verstand, kritisierte sie Mook dafür, dass er sie zwar in Städte wie Detroit und Flint geschickt hatte, nicht aber in den Vorortgürtel Detroits, wo die weiße Arbeiterschaft wohnte. "Wir müssen ihr Vertrauen wiedergewinnen", schärfte sie ihrer Truppe ein. Clinton habe wirklich geglaubt, sagt Allen im Gespräch, dass die Leute den akribischen Realismus ihres Wirtschaftsprogramms irgendwann begreifen und ihr verzeihen würden, dass sie beim Freihandel ihr Fähnlein nach dem Wind hängte. Im Kabinett war sie für TPP, das transpazifische Handelsabkommen, als Kandidatin dagegen. Was hängen blieb, war ihr Schlingerkurs, sagt Allen. Der Rest habe sich zu kompliziert angehört in einem Jahr populistischer Wut.

"Congratulations, Donald!"

Im Peninsula Hotel bedurfte es in der Nacht zum 9. November eines kleinen Anstoßes aus dem Oval Office, um sie dazu zu bringen, zumindest am nächsten Tag die Rede zu halten, auf die sie nicht vorbereitet war. Barack Obama war am dramenfreien Übergang der Macht interessiert, schon um Trump zu widerlegen, der immer von einem gezinkten Wahlsystem sprach. Die Verliererin, so sah er es, sollte der bitteren Wahrheit ins Gesicht schauen. Zunächst schickte er einen Adlatus vor, der Mook ins Gewissen redete: "Der Präsident glaubt nicht, dass es weise ist, die Sache in die Länge zu ziehen." Dann griff Obama selbst zum Hörer: Sie möge ihre Niederlage eingestehen und Trump gratulieren. Es wurde, ein kurzes Telefonat, beginnend mit einem kurzen Satz: "Congratulations, Donald!" (Frank Herrmann aus Washington, 25.4.2017)

  • Hillary Clinton am Tag nach der Wahl Donald Trumps. Zur Rede, in der sie dem Gegner zum Sieg gratulierte und die Niederlage eingestand, musste sie Barack Obama überreden.
    foto: afp / jewel samad

    Hillary Clinton am Tag nach der Wahl Donald Trumps. Zur Rede, in der sie dem Gegner zum Sieg gratulierte und die Niederlage eingestand, musste sie Barack Obama überreden.

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