Das Wunschdenken der britischen EU-Feinde

24. April 2017, 16:14
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Die Reaktionen in den britischen Medien könnten unterschiedlicher nicht sein

Bis zu drei Stunden mussten Franzosen am Sonntag vor ihrer Botschaft in London anstehen, um für die Präsidentschaftswahl die Stimme abzugeben. Das Ergebnis der ersten Runde hinterließ bei den EU-Feinden Enttäuschung, offenbar hatten sie auf ein besseres Abschneiden von Marine Le Pen gehofft. "Neue französische Revolution", titelte das rechte Boulevardblatt Daily Mail unbeirrt, sprach von einer "Woge" zugunsten der Front National-Kandidatin und teilte seiner Leserschaft mit: "Jetzt bekommen die Franzosen eine Abstimmung über den Frexit" – ein recht freier Umgang mit der Wahrheit, der auf sozialen Medien scharf kritisiert wurde.

Umgekehrt freuten sich Brexit-Gegner über den Vorsprung des EU-freundlichen Zentrumskandidaten Emanuel Macron. Macrons Sieg sei "eine Wahl für die Hoffnung", glaubt der Guardian. Das linksliberale Blatt analysierte auch das klägliche Abschneiden des sozialistischen Kandidaten Benoit Hamon und verglich es mit dem dreimal so guten Ergebnis für den Linksaußen-Kandidaten Jean-Luc Melenchon: Dies sei "eine historische Lektion" für die Sozialisten, vergleichbar der Wahl Jeremy Corbyns zum Labour-Parteichef 2015.

"Beweis, dass man von der Mitte aus gewinnen kann"

Klar innenpolitische Lehren zog der frühere Finanzminister George Osborne aus dem Ergebnis "meines Freundes" Macron: Dessen Abschneiden sei "Beweis dafür, dass man von der Mitte aus gewinnen kann".

Die konservative Times schrieb von der "Demütigung der französischen Elite". Das klang ein wenig schadenfroh, immerhin ist die Skepsis gegenüber dem Jahrhunderte langen Rivalen jenseits des Kanals in der politischen Führungsschicht Großbritanniens weit verbreitet. Für Tony Barber in der "Financial Times" war das Resultat Beweis dafür, "dass es zu früh dafür ist, den Nachruf auf die liberale Demokratie Europas zu schreiben". Die frühere Frankreich-Korrespondentin Mary Dejevsky blickt im Independent bereits nach vorn: In seiner Rede am Sonntag abend habe Macron geklungen "wie ein Präsident alter Schule, über den Parteien schwebend". (Sebastian Borger, 24.4.2017)

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