Betrugsprozess: Der erfolglos mauschelnde Gemeinderat

    25. April 2017, 10:00
    34 Postings

    Vier Angeklagte sollen einen Unternehmer betrunken gemacht und ihm beim Kartenspiel 60.000 Euro abgenommen haben. Ein Unsinn, zeigt sich

    Korneuburg – Herr W. ist SPÖ-Gemeinderat in Oberösterreich und offensichtlich ein mäßig erfolgreicher Glücksspieler. Zumindest hat er im Jänner 2016 Schuldscheine über beachtliche 60.000 Euro unterschrieben, nachdem er beim in Oberösterreich "Kratzen" oder "Mauscheln" genannten Kartenspiel verloren hat.

    Gezahlt hat er bisher nicht – stattdessen hat er seine Spielpartner angezeigt. Vier Männer sind daher in Korneuburg vor einem Schöffensenat unter Vorsitz von Martin Bodner – sie sollen W. betrunken gemacht und betrogen haben.

    Geschäftstreffen in Niederösterreich

    In Niederösterreich wird verhandelt, da die Partie in einem Gasthaus im Bezirk Gänserndorf stattgefunden hat. Ursprünglich haben sich W. und der Erstangeklagte in dessen Haus wegen eines möglichen Geschäftes getroffen. Andere kamen dazu, es wurde Alkohol getrunken.

    Der muss auf den Politiker zumindest enthemmend gewirkt haben. Als er auf dem Weg zur Toilette die Schwiegertochter des Erstangeklagten erblickte, artikulierte er einen Wunsch: "Di kau glei mitkomma und den Beidl ausschütteln!" Die Entgleisung soll ein Mitgrund gewesen sein, dass die Runde ihre Zusammenkunft rasch in ein Wirtshaus verlagerte.

    Der Zweitangeklagte, Sohn des Erstangeklagten, fuhr die Angeheiterten dorthin. Warum er überhaupt hier sitzt, bleibt das Geheimnis der Staatsanwaltschaft – die Darstellung, er habe nur Chauffeur gespielt und sei nie in dem Wirtshaus gewesen, ist glaubwürdig und wird von Zeugen bestätigt.

    Analoges Freizeitvergnügen

    In der Gastwirtschaft wurde gegessen, weiter getrunken und schließlich beschlossen, wieder zu mauscheln. W. und drei Mitspieler, alle um die 60 Jahre alt und mit Wurzeln ob der Enns, kennen das Spiel seit Jahrzehnten. "Wissen S', heutzutage spielen die Leute ja nur mehr im Internet. Wir Älteren in Oberösterreich spielen noch richtig Karten", klärt einer der Angeklagten den Senat auf.

    Das Spiel ist kein reines Glücksspiel, und es geht bei entsprechendem Verlauf durchaus um ordentliche Summen. Das meiste Bargeld dabei hatte der Drittangeklagte, der gar nicht mitspielte. 40.000 Euro waren in seiner Tasche, mit denen hatte er eigentlich in einer Galerie ein Bild des "Rembrandt von Linz" genannten Malers Fritz Aigner kaufen wollen.

    Da es für Herrn W. nicht so gut lief, borgte ihm der Drittangeklagte zunächst 20.000 Euro. "Er hat sich dargestellt wie ein Multimilliardär!", erinnert er sich. Er ließ sich zunächst einen Schuldschein über diesen Betrag unterschreiben. "Das hat W. vorgeschlagen, und ich habe mir gedacht, okay, wenn er will."

    Tausende Euro im Pot

    W. verlor weiter – als im Pot 18.000 bis 19.000 Euro lagen, sah er eine Chance. Warum er diese nicht nutzen konnte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Viertangeklagte vermutet einen schweren Spielfehler, der Erstangeklagte hält eine gescheiterte taktische Finte für möglich.

    Jedenfalls musste sich W. auch die übrigen 20.000 Euro des Drittangeklagten ausborgen. Der schrieb einen neuen Schuldschein auf die Rückseite der Speisekarte, W. gab ihm sogar noch seinen Personalausweis als Sicherheit. Auch zwei weitere Schuldscheine über insgesamt 20.000 Euro an andere Gläubiger existieren.

    Zwei der Kartendippler stiegen angesichts der hohen Beträge schließlich aus, der Abend endete gegen Mitternacht. Betrunken seien die meisten gewesen, aber keiner so sehr, dass er nicht mehr wusste, was er tat. Der Politiker konnte gegenüber dem Zweitangeklagten zumindest noch ein Begehr artikulieren: "I wü schnackseln! Bring mi ins Puff!" Das machte der Fahrer nicht, sondern setzte ihn im Hotel ab.

    Zeugeneinvernahme per Video

    Zeuge W. wird per Videokonferenz aus Oberösterreich zugeschaltet. Und er legt einen Auftritt hin, der gelinde gesagt fassungslos macht. Völlig zu Recht wird er vom Vorsitzenden, der Staatsanwältin und den Verteidigern nach allen Regeln der Kunst zerlegt.

    Der Zeuge bleibt zunächst bei der Darstellung, die er zehn Tage nach dem Spiel auch bei der Polizei abgegeben hatte. Er habe einen Filmriss, sei erst am nächsten Morgen im Hotel aufgewacht und habe zwei Schuldscheine in seiner Tasche gefunden.

    Im Vorjahr vermutete der Unternehmer noch, ihm seien Betäubungsmittel verabreicht worden, was nicht nachgewiesen werden konnte. Dann wird es konfus: Die Zeitabläufe, wann er von Niederösterreich in die Heimat aufgebrochen ist, wann er 40.000 Euro von seinem Konto abgehoben und wann er mit den Angeklagten telefoniert hat, können einfach nicht stimmen.

    Bei der Polizei gelogen

    Vorsitzender Bodner kann ihm auch eine Lüge nachweisen: Bei der Polizei hat W. zunächst noch behauptet, ein Freund habe ihn abgeholt. Dessen Namen will er nun nicht verraten. "Sie sind Zeuge, und Sie müssen uns den Namen sagen!", ermahnt ihn Bodner. "Sind Sie mit einem Freund nach Linz gefahren?" – "Nein. Ich hatte ein Führerscheinentzugsverfahren, das wollte ich bei der Polizei nicht sagen." – "Sie haben also gelogen?" – "Später habe ich es dann eh richtig ausgesagt."

    Da sich W. in so offensichtliche Widersprüche verstrickt, dauert die Beratung des Senats nur gute fünf Minuten, ehe vier rechtskräftige Freisprüche gefällt werden. Für den Zeugen wird die Sache der Falschaussage Konsequenzen haben, ist sich Bodner in seiner Begründung sicher. Wie es mit den Spielschulden weitergeht, bleibt dagegen vorerst offen. (Michael Möseneder, 25.4.2017)

    Share if you care.