Handschrift als Web-Trend – zumindest in Taiwan

24. April 2017, 09:53
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Kalligraphie ist eine geachtete Kunst, die man lernen kann – "Kannst du ohne Computer wirklich schreiben?"

Der eine postet seine Urlaubsfotos, der andere eine Kostprobe seiner Handschrift. Im Zeitalter digitaler Kommunikation erlebt Taiwan gerade eine Wiedergeburt des Schönschreibens, auch Kalligraphie genannt, als Trend in den sozialen Medien. So stolz sind einige Nutzer auf ihre eleganten Lettern, dass sie Beispiele davon ins Netz stellen.

Wie mit der richtigen Kleidung

Wer seine Handschrift noch verbessern möchte, kann sich Hilfe bei TY Lee holen. In seinem Schreibwarengeschäft im Zentrum der Hauptstadt Taipeh zeigt der 66-Jährige, wie man es macht. Mit der Schönschrift sei es wie mit der richtigen Kleidung, erklärt Lee. Mit ein paar Tipps könne sich jeder zu seinem Vorteil verändern. Schon nach der ersten halben Stunde unter der richtigen Anleitung könne man die ersten Fortschritte sehen.

"Bevor man über die Handschrift reden kann, muss man erst wissen, wie man den Stift richtig hält", sagt Lee. "Wir benutzen einen Füller, um Wörter zu zeichnen und einen Kugelschreiber, um Zeichen zu formen."

"Für den täglichen Umgang brauchen wir rund 3.000 traditionelle chinesische Schriftzeichen"

Denn Chinesisch schreiben sei nicht leicht, erklärt er. "Für den täglichen Umgang brauchen wir rund 3.000 traditionelle chinesische Schriftzeichen – sowohl einfache als auch komplexere. Wenn man sie nicht mit der Hand schreibt, vergisst man sie leicht", meint Lee. Ein Verlust der Schreibkunst sei ihm erstmals nach der Jahrtausendwende aufgefallen, als Blogs zunehmend beliebter wurden, sagt Lee.

Besonders leid täten ihm hochrangige Funktionäre, die bei den traditionellen Feiern zum Beginn des Mondjahres im Frühjahr öffentlich Reime aufschreiben müssten und dabei durch ihre mangelhafte Schreibfähigkeit auffielen. Denn Kalligraphie ist in Taiwan eine geachtete Kunst, handgeschriebene Verse dienen häufig als Wandschmuck. Weil so viele Leute heute einen PC benutzten, frage er sie oft: "Kannst du ohne Computer wirklich schreiben?", sagt Lee.

Boom im Schreibwarenhandel

Dennoch hat ausgerechnet ein Web-Trend zu einem Boom im Schreibwarenhandel geführt. Geschäfte im ganzen Land berichten von einem steilen Anstieg im Verkauf von Füllern, Tintenpatronen und -fässern. In seinem Geschäft habe sich der Absatz verdreifacht, berichtet Lee. Viele Kunden frischten ihre Grundschulkenntnisse in chinesischer Schrift auf und arbeiteten an der Struktur komplexer Zeichen.

Es gibt viele Gründe, zu Stiften und Papier zurückzukehren. "Mit dem Füller gute Gedichte, Zitate oder buddhistische Lehrsätze abzuschreiben, ist für mich nicht nur eine Gelegenheit, meine Handschrift zu verbessern, sondern auch, Achtsamkeit oder Meditation zu üben", sagt Jason Cheng. Handgeschriebene Briefe oder Karten erzeugten mehr Wärme in der Kälte des digitalen Zeitalters, in dem sich die Kommunikation oft gehetzt anfühle.

Auf einen guten Eindruck kommt es auch Livia Yang an. Die 25-Jährige ist zu Lee gekommen, um einen Füller für eine Freundin zu kaufen, die gerade ihren ersten Job gefunden hat. "Ich finde es echt interessant, dass Freunde aus meiner Generation gerne Fotos von ihrer schönen Handschrift auf Facebook posten", sagt die Studentin. Örtliche Medien berichten gar von Menschen, die Schönschrift-Bilder anderer Nutzer stehlen und als ihre eigenen ausgeben.

Bücher

Unterdessen seien in Taiwan auch viele neue Bücher zur Schönschrift erschienen und die Verkäufe der beliebtesten Titel durch die Decke gegangen, sagt Li-yi Lu, eine Mitarbeiterin des Verlags San Min Book Company in Taipeh. Tsung-han Yu hat erst kürzlich einige solcher Bücher gekauft, um seine Schrift zu verbessern. Er habe die Struktur der Zeichen besser verstehen wollen, so der 29-Jährige.

Schreibwarenhändler Lee sagt, er wisse zwar nicht, wie es mit der analogen Schreibkunst im digitalen Zeitalter weitergehe. Hoffnung habe er dennoch. "Meine Erfahrung sagt mir, dass Übung die Fähigkeiten der Menschen definitiv verbessern kann. Deshalb biete ich in meinem Laden Gratisunterricht für meine Kunden an." Und die dankten es ihm. Oft kämen sie wieder zurück, um nach Tipps zu fragen. (APA/dpa, 24.4. 2017)

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