Macron kein Heilsbringer und kein echter Reformer

24. April 2017, 09:57
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Unter Finanzmarktexperten sorgte der Ausgang des ersten Wahlgangs für Erleichterung, der Euro reagiert vorübergehend mit Kursgewinnen

Berlin – Emmanuel Macron und Marine Le Pen treten am 7. Mai in der Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten an. Unter Finanzmarktexperten sorgte der Ausgang des ersten Wahlgangs für Erleichterung – sie hatten eine Stichwahl zwischen den Euro-Gegnern Le Pen und Mélenchon gefürchtet. Der Euro reagierte vorübergehend mit Kursgewinnen und erreichte gegenüber dem Dollar den höchsten Wert seit gut fünf Monaten.

Am Montag-Früh hat die Gemeinschaftswährung wieder etwas von den starken Gewinnen abgegeben. In der Früh kostete ein Euro 1,0856 US-Dollar. Nach Veröffentlichung der Hochrechnung im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen war der Kurs der Gemeinschaftswährung zeitweise bis auf 1,0937 Dollar gestiegen und damit auf den höchsten Stand seit November. Am Montag haben sich auch die 10-Jahresrenditen für das Land deutlich erholt. Mit 0,791 Prozent wurde der niedrigste und damit für Frankreich für die Refinanzierung günstigste Wert seit 12. Jänner erzielt. Vor einem Monat – am 20. März – hatten die Renditen noch 1,114 Prozent betragen und waren damit deutlich teurer.

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt:

"Es ist nicht zu einem Horror-Ergebnis gekommen, das die Stabilität der Währungsunion bedroht hätte. Es werden nicht Links- und Rechtsradikale gemeinsam in die zweite Runde gehen. Das ist sehr gut. Le Pen war auch nicht stärker als in den Umfragen. Das senkt die Risiken, dass es in der entscheidenden zweiten Runde schiefgeht. Deshalb gehen wir davon aus, dass Macron neuer Präsident wird.

Das ist – gemessen an den anderen Kandidaten – das beste Ergebnis für Frankreich. Macron ist aber kein Heilsbringer und kein echter Reformer. Er scheut vor tiefgreifenden Reformen am Arbeitsmarkt zurück. Insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem. Auch seine Pläne zur Haushaltskonsolidierung sind vage. Er ist zudem für gemeinsame Anleihen der Euroländer und damit auf Konfrontationskurs zu Berlin. Der Euroraum kommt nicht zur Ruhe, auch wenn die Märkte erst einmal positiv reagieren dürften."

Marcel Fratscher, DIW-Präsident:

"Das Resultat ist ein vielversprechendes Zeichen auch für Deutschland und Europa. Es wird in der Wirtschaft und den Finanzmärkten ein kollektives Aufatmen auslösen. Mit Emanuel Macron steht der führende Kandidat für Wirtschaftsreformen und ein starkes Europa. Die Chancen sind sehr hoch, dass Macron sich im zweiten Wahlgang durchsetzen wird. Es ist noch zu früh, Entwarnung gegen einen Zusammenbruch der Finanzmärkte und gegen das Ende des Euro zu geben. Europa hat eine weitere wichtige Hürde zur Beendigung der Finanz- und Wirtschaftskrise genommen.

Ich erwarte eine positive Reaktion der Finanzmärkte und des Euro auf die erste Runde der französischen Wahlen. Mit dem Resultat steigen die Erwartungen auch an die Bundesregierung, sehr bald nach der zweiten Wahlrunde mit dem neuen französischen Präsidenten einen konkreten Plan zur Reform der EU und der Beendigung der europäischen Wirtschaftskrise vorzulegen. Die Bundesregierung sollte die Zeit nutzen, um die Reformen Europas voranzutreiben.

Mit Macron würde die Bundesregierung einen wichtigen proeuropäischen Partner gewinnen. Die Bundesregierung muss sich mit einem Präsidenten Macron aber auf einen starken und kritischen Partner auf Augenhöhe einstellen."

Folker Hellmeyer, Bremer Landesbank:

"Das ist ein sehr positives Ergebnis für Europa und die Stabilität von Realwirtschaft und Finanzmärkten. Vor drei Wochen stand so ein Ergebnis für Macron noch nicht zur Debatte. In zwei Wochen dürfte er einen recht klaren Sieg einfahren. Die politischen Unsicherheiten, die zur Schwäche des Euro und zum Kapitalabzug aus Europa geführt haben, sind zwar noch nicht vollständig bereinigt, aber immerhin zu 90 Prozent.

Dass die Wahl auf Macron fiel, ist ein Zeichen dafür, dass sich die Franzosen eine Neuausrichtung der Politik wünschen. Das ist auch ein Weckruf für Berlin und Gesamteuropa, die politischen Ansätze der Vergangenheit kritischer zu überprüfen – von der Erweiterung der EU bis zur Demokratisierung der Institutionen und der Wiederbelebung des europäischen Geistes."

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank:

"Das scheint für Frankreich und Europa das richtige Resultat zu sein. Es ist so gekommen, wie die Meinungsumfragen es vorausgesagt hatten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Frankreich den Reformer Macron wählt und seine Botschaft der Hoffnung gegen Le Pens Botschaft der Wut gewinnt. Damit wird es wahrscheinlicher, dass Frankreich die Reformen bekommt, die es ökonomisch stärker macht und wirtschaftlich näher an Deutschland heranrücken lässt."

Holger Sandte, Europa-Chefvolkswirt Nordea:

"Emmanuel Macron wird aller Wahrscheinlichkeit nach der neue französische Präsident – eine gute Nachricht für Frankreich, die EU und Deutschland. Auch die Finanzmärkte werden zumindest vorsichtig aufatmen. Das Reformtempo in Frankreich dürfte steigen, vor allem wenn die Parlamentswahl im Juni Unterstützung für ihn bringt. Die Hoffnungen und Vorschusslorbeeren muss er dann allerdings auch rechtfertigen. Das deutsch-französische Tandem kann wieder Fahrt aufnehmen, auch wenn man sich nicht in allem einig sein wird."

Thomas Gitzel, CHefvolkswirt VP Bank:

"Ein Wahlsieg Macrons am 7. Mai könnte die EU und die Eurozone stärken. Macrons Reformagenda setzt auf ausgeprägte wirtschaftsliberale Elemente, gleichzeitig soll allerdings die Unterstützung für Menschen mit schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt gezielt ausgebaut werden. Möglicherweise kann Macron mit dieser Politik tatsächlich der streikfreudigen französischen Bevölkerung einen neuen wirtschaftspolitischen Kurs schmackhaft machen.

Ein Wahlsieg des Front National wäre wohl der Anfang vom Ende der EU und damit auch der Währungsunion. Marine Le Pen will Frankreich aus der EU führen beziehungsweise zumindest eine weitreichende Reformierung des Staatenbündnisses erreichen. Ihr Wahlprogramm sieht nicht nur radikale Schritte zur Bekämpfung der angeblich außer Kontrolle geratenen Überfremdung und eine massive Aufrüstung von Polizei und Militär vor. Viele Punkte sind dabei mit den heutigen Statuten der EU unvereinbar."

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank:

"Es herrscht eine gewisse Erleichterung, dass Emmanuel Macron in die Stichwahl geht. Konservative und Sozialisten riefen bereits zur Wahl des unabhängigen Macron auf, der damit gute Siegchancen haben dürfte. Umgehend setzte auch beim Euro eine gewisse Entspannung ein, die Gemeinschaftswährung stieg auf ein neues Vier-Wochen-Hoch.

Frankreich hat allerdings einige Herausforderungen zu meistern – vor allem ökonomische. Klar ist: In zwei Wochen Wahlkampf kann noch viel passieren. Die große Frage ist, wie sich die traditionellen Wähler der großen klassischen Parteien verhalten und wer sie überzeugen kann. Egal wer am 7. Mai Präsident werden wird, Frankreich wird sich verändern und ein neues Land sein, weil beide Kandidaten nicht aus etablierten Parteien kommen."

Blackrock Investment Institute:

"Wir gehen davon aus, dass französische Staatsanleihen sich im Vergleich zu deutschen Staatspapieren erholen. Gleichzeitig erwarten wir, dass die Renditen von Bunds als sichere Häfen ihre jüngsten Rücksetzer teilweise wieder gutmachen und dass die Renditen insgesamt steigen." (Reuters, 24.4.2017)

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