Abgeschleppt: Eine bosnische Amtshandlung

Blog24. April 2017, 11:43
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Wenn Österreich-Verherrlichung besonders dann einsetzt, wenn es darum geht, einen Ausländer auszunehmen

Mein Wagen war weg. Stattdessen stand da ein schöner blaugewandeter Polizist. "Ach, Sie sind das, mit der Wiener Nummerntafel! Ihr Auto ist abgeschleppt worden und steht jetzt da oben auf der Brücke." Der Polizist mit der Baseballkappe zeigte auf die Autobrücke – etwa viereinhalb Meter oberhalb von uns. "Und wie soll ich da jetzt hinaufkommen?", fragte ich. "Da drüben über diesen Hang", verwies er mich auf das Ende des Tunnels, aus dem die Straße in die Brücke mündete. "Aber wir sehen uns wieder, weil ich noch zwanzig Mark von Ihnen bekomme", meinte er, lächelte und schaute mir nach.

In Sarajevo hatte es seit Tagen geschneit, der Boden war weich und glitschig. Als ich mich, an den Ästen haltend, den Abhang hinaufbegab, fiel Schnee in meinen offenen Kragen. Meine Hosen waren lehmverschmiert, als ich über den Betonblock kletterte. Auf der Straße befand sich eine Blechhütte, in der zwei nette, rundliche Männer saßen, die einige Zettel ausfüllten und mir 111,70 Konvertible Mark abnahmen, was rund 55 Euro entspricht. "Und jetzt kommen Sie doch zu uns herein! Sie müssen ja noch auf den Polizisten warten!", sagte einer der Abschleppbeamten. "Nur zehn Minuten." Er öffnete mir die Türe, und ich kam unter einem verblichenen Foto von Tito zu sitzen, der in Generalsuniform nach links blickte. Auf der anderen Seite des überheizten Raumes hingen sieben "Zertifikate" an der Wand, die offenbar beweisen sollten, dass diese Hütte tatsächlich zum städtischen Abschleppunternehmen gehörte.

"Österreich hat uns die Zivilisation gebracht!"

"Sie kommen aus Wien? Wien! Österreich hat uns die Zivilisation gebracht! Schauen Sie sich die Häuser an. Alle Häuser, die die Österreicher hier gebaut haben, sind schön. Und schauen Sie sich die Häuser an, die danach gebaut wurden! Hässlich. Und die, die vorher gebaut wurden? Das waren doch nur ein paar osmanische Hütten", begann der Abschleppbeamte mit der in Sarajevo üblichen Österreich-Verherrlichung, die besonders dann einsetzt, wenn es wieder einmal darum geht, Ausländer auszunehmen. Ich blickte einfach geradeaus, auf einen gackerlbraunen Tresor mit vielen Bletzen, der unter einer Pressspanplatte stand. Am oberen Rand waren zwei Hirschen zu sehen, dazwischen stand: "Maxim Astleitner Wien".

"Maxim Astleitner Wien", las ich vor. Die beiden Männer lachten. "Wien! Wir sagen Beč zu Wien! Wissen Sie, wieso wir eigentlich Beč sagen – wenn das Wien heißt? Egal, das hier ist mein Lieblingstresor, er ist wunderschön! Und schauen sie die Schlüssel, die funktionieren noch immer. Diese Österreicher haben Tresore und Schlüssel gemacht, die über 100 Jahre lang keine Probleme machen." Der Mann holte einen Bund mit beschlagenen eleganten Schlüsseln heraus und öffnete stolz den Tresor. Ich wagte nicht zu fragen, welches und wessen Geld hier oben, auf dieser Brücke, in dieser Hütte, in diesem altösterreichischen Tresor gebunkert wurde.

"Wie ist der Name Ihres Vaters?"

Der Polizist kam nach etwa einer halben Stunde, als ich gerade den Tresor fotografierte. Er füllte einige Formulare aus, als ihn ein Anruf ereilte. "Nein, jetzt kann ich keinesfalls kommen! Ich muss hier eine wichtige Amtshandlung mit einer Ausländerin durchführen", erklärte er seinem Kollegen den Umstand, dass ich 20 Mark Strafe zahlen sollte. Er bat mich, ihm ein wenig zu helfen und die Zettel richtig zu beschriften. "Wie ist der Name Ihres Vaters?" "Wieso der Name meines Vaters?", fragte ich verärgert. Der Polizist wurde unsicher. "Okay, okay, Sie können mir auch den Namen Ihrer Mutter sagen!", lenkte er ein, weil er sich offenbar dachte, dass mir sein Ansinnen zu patriarchal erschien.

Dann drückte er mir einen Erlagschein in die Hand und sagte: "So, und jetzt gehen Sie zur Bank und zahlen das ein, und dann bekommen Sie wieder Ihren Führerschein zurück." Ich blickte auf meinen Führerschein, der mit der Hand des Polizisten bedeckt war. Ich blickte hinauf zu Tito, ich warf einen beschwerdeführenden Blick zu den Abschleppbeamten. Die Reaktion von allen war verhalten. Dann stand ich auf, um wieder den Hang hinunterzurutschen. Der Polizist hatte meinen Unmut gemerkt und war mir nachgelaufen. "Ich weiß, es ist kompliziert, entschuldigen Sie bitte! Das ist hier bei uns so!" Ich murmelte: "Österreichische Zivilisation" und hielt mich wieder an den Ästen fest, um nicht abzugleiten. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 24.4.2017)

  • Polizei in Sarajevo – ein eigenes Kapitel.
    foto: ap photo/hidajet delic

    Polizei in Sarajevo – ein eigenes Kapitel.

  • Der Tresor, made in Vienna.
    foto: wölfl

    Der Tresor, made in Vienna.

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