ORF-Redakteure: Prantner unzuständig, seine öffentliche Kritik rufschädigend

23. April 2017, 17:33
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Redakteursrat: "Wollen Sie ernsthaft einen Rückfall in Zeiten, als Rundfunk-JournalistInnen ihre Fragen erst bei Politikern einreichen mussten?"

Wien – Das "profil"-Interview mit ORF-Vizedirektor Thomas Prantner "verwundert" den ORF-Redakteursrat. Prantner spricht darin wie berichtet von "Verhören" im ORF-Studio. "Sie vergleichen kritisches Nachfragen in Interviews mit einer "Anklagebank" und mit "Verhören". Für eine derart schwere Anschuldigung haben Sie sicherlich konkrete Beispiele. Warum nennen Sie diese nicht? Oder verunglimpfen Sie die ORF-JournalistInnen in Bausch und Bogen, um deren Ruf zu schädigen?", schreiben die ORF-Redakteure. "Aus journalistischer Sicht ist der Vorwurf, Interviews seien Verhöre, völlig unangebracht", heißt es in dem Schreiben das an Prantner, ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, alle ORF-Direktoren und an die Mitarbeiter der TV-Information ging.

Rückfall in Zeiten als JournalistInnen Fragen bei Politikern einreichen mussten?

Der Redakteursrat ist "überrascht, dass sich die Technische Direktion jetzt für die Beurteilung von journalistischen Inhalten im ORF-Fernsehen zuständig fühlt" und öffentlich Zensuren für redaktionelle Inhalte erteile. "Oder wollen Sie ernsthaft einen Rückfall in Zeiten, als Rundfunk-JournalistInnen ihre Fragen erst bei Politikern einreichen mussten, oder ihnen gar vorgeschrieben wurde, was gefragt werden musste? Das gab es in Österreich, aber das war vor der Rundfunkreform. Als JournalistInnen und als StaatsbürgerInnen sind wir froh, dass diese Zeiten vorbei sind. Und hoffentlich nicht wieder kommen, auch wenn sich da so mancher Politiker wünschen mag", fragen die Redakteure. (red, 23.4.2017)

Schreiben im Wortlaut

"Sehr geehrter Herr Vize-Direktor Prantner,

mit großer Verwunderung lesen wir als Vertreter der ORF-JournalistInnen Ihr Interview im "profil".

Unsere Verwunderung hat gleich mehrere Gründe:

1.) Sie vergleichen kritisches Nachfragen in Interviews mit einer "Anklagebank" und mit "Verhören". Für eine derart schwere Anschuldigung haben Sie sicherlich konkrete Beispiele. Warum nennen Sie diese nicht? Oder verunglimpfen Sie die ORF-JournalistInnen in Bausch und Bogen, um deren Ruf zu schädigen? Aus journalistischer Sicht ist der Vorwurf, Interviews seien Verhöre, völlig unangebracht. Wenn verantwortliche Politiker auf einfache Fragen keine Antworten geben, ist Nachfragen professionelle Pflicht. Zumindest in westlichen Demokratien. Und wenn jemand seinen Live-Auftritt im ZiB-Studio nur dazu benutzen will, immer und immer wieder dieselben Parteiparolen ans Publikum zu richten, ist ein Unterbrechen durch den/die ModeratorInnen einfach notwendiges Service für die SeherInnen.

Oder wollen Sie ernsthaft einen Rückfall in Zeiten, als Rundfunk-JournalistInnen ihre Fragen erst bei Politikern einreichen mussten, oder ihnen gar vorgeschrieben wurde, was gefragt werden musste? Das gab es in Österreich, aber das war vor der Rundfunkreform. Als JournalistInnen und als StaatsbürgerInnen sind wir froh, dass diese Zeiten vorbei sind. Und hoffentlich nicht wieder kommen, auch wenn sich da so mancher Politiker wünschen mag.

Wir sind jedenfalls überrascht, dass sich die Technische Direktion jetzt für die Beurteilung von journalistischen Inhalten im ORF-Fernsehen zuständig fühlt und öffentlich Zensuren für redaktionelle Inhalte erteilt. Wenn Sie konkrete Beschwerden oder Anliegen haben, dann wenden Sie sich doch an die Redaktion. Wir diskutieren das gerne mit Ihnen.

2.) Dass Sie die Arbeit von ORF-JournalistInnen öffentlich abqualifizieren, wäre schon problematisch, wenn Sie dafür inhaltlich zuständig wären. Dass Sie als stellvertretender Technikdirektor des Hauses meinen, ORF-FernsehjournalistInnen öffentlich ausrichten zu müssen, wie Sie Ihre Arbeit zu machen hätten, halten wir nicht nur für unprofessionell, sondern für unzulässig. Unabhängiger und kritischer Journalismus ist schlicht die Daseinsberechtigung für öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

3.) Sie unterscheiden zwischen "berechtigten" und "unberechtigten" Beschwerden der FPÖ über die ORF-Berichterstattung. Sie sind dafür allerdings nicht zuständig. Für derartige Feststellungen – egal, von welcher Partei oder Interessensgruppe sie vorgebracht werden – gibt es laut ORF-Gesetz eigene Instanzen, wie den Beschwerdeausschuss des Publikumsrates oder die KommAustria.

4.) Sehr verwunderlich finden wir, dass Sie in diesem Zeitungsinterview erklären, wie die TV-Direktion des ORF zu organisieren wäre. Wir können uns nicht daran erinnern, dass ORF-JournalistInnen je öffentlich diskutiert hätten, ob eine umfassende Strukturreform der technischen Direktion notwendig wäre und wie diese aussehen sollte und wen wir für geeignet, bzw. ungeeignet halten, diverse Positionen in der Technik zu bekleiden.

Wenn Sie als ORF-Mitarbeiter Kritik an einer ORF-Redaktion haben, stehen Ihnen alle Kommunikationsmöglichkeiten des Hauses zur Verfügung. Gerne laden wir Sie bei konkreten Kritikpunkten auch zu einem Gespräch mit der zuständigen Redaktion und der Redakteursvertretung ein. Das halten wir für wesentlich produktiver als öffentlich ganze Sendungen und Redaktionen des ORF herunterzumachen.

Mit besten Grüßen,

der Redakteursrat

Dieter Bornemann Peter Daser Margit Schuschou"

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