Grazer Schauspielhaus: Thermalwitze und Sprachheilbäder

23. April 2017, 17:36
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Mit zwei Premieren von Johann Nestroy ( "Der Talisman ") und Ferdinand Schmalz ( "der thermale widerstand ") zeigt sich das Stadttheater in prächtiger Verfassung

Graz – Titus Feuerfuchs (Clemens Maria Riegler) besitzt in Nestroys Der Talisman für sein berufliches Fortkommen die schlechtesten Voraussetzungen. Sein feuerrotes Haar macht ihn in den Augen der Mitmenschen unansehnlich. Im Grazer Schauspielhaus scheint er obendrein unter lauter Nervenkranke gefallen zu sein.

Unter schlackenschwarzem Himmel dreht sich ein Biedermeierdorf im Kreis (Ausstattung: Christin Treunert). Ein Bäumchen steht kahl und verlassen. Die Eingeborenen sind faul, obstinat und doch auf Frischfleisch begierig.

Titus hat eigentlich keine Chance. Und doch klettert er Sprosse für Sprosse die provinzielle Sozialleiter hoch. Die verwitwete Gärtnerin (Susanne Konstanze Weber) gerät neben ihm in Saft und Wallung. Die Kammerfrau auf Schloss Cypressenburg (Evamaria Salcher) moussiert wie ein Glas Schaumwein. Vollends die Hausherrin (Christiane Roßbach), eine aufgetakelte Fregatte der Hochliteratur unter vollen Anstandssegeln, frisst den kleinen Filou beinahe mit Haut und Haar.

Jede Figur eine umrissscharfe Karikatur, jeder Dialog ein Treffer: Regisseur Dominique Schnizer, ein in Graz Geborener, nimmt brillant Maß an Nestroy, dem in Graz Verblichenen. Obwohl Titus nichts hat, besitzt er die Kraft, sich alles herauszunehmen. Indem er die Verhältnisse beim Wort nimmt, gelangt er über sie hinaus.

Der Schelm avanciert erst zum Gärtner, hernach zum Jäger. Bei Cypressenburgs hängen die Saalwände voller Trophäen. Die ballettsüchtige Tochter (Tamara Semzov) hält mit einem ausgestopften Nagetier innige Zwiesprache. Alle gebrauchen sie hier ihre psychischen Anomalien als Waffen. Jede(r) kämpft hier für sich allein; alle zusammen sind sie so verrückt, wie die desaströsen Verhältnisse es eben zulassen.

Das Rad der Geschichte

Der Himmel ist schlackenschwarz, die gelockte Perücke, die das Schicksal Titus in die Hände und auf den Kopf spielt, ist es nicht minder (Franz Solar exzelliert als französelnder Friseur!). Doch die eigentliche Produktivkraft ist eine andere. Beim Hochdienen zieht der Guerilla Titus seiner kecken Rede ein "Feiertagsg'wandel" an, um zu imponieren. Die einen sublimieren, die anderen provozieren. So dreht sich in Österreich das Rad der Geschichte, und nur Salome Pockerl (Sarah Sophia Meyer) rennt mit aufgepflanztem Küchenmesser durch die Gegend. Titus, ihr Bräutigam in spe, darf sich auf eine wilde, zerstörerische Ehe freuen.

Der donnernde Premierenapplaus war auch den Couplets geschuldet. Dichter Ferdinand Schmalz hat Nestroys Liedstrophen sprachlich übermalt. Sogar Besucher, die nicht mit allen Facetten der Kommunalpolitik vertraut sind, durften über Soja-Latte-Bobos und andere Kleingeister zufrieden schmunzeln.

Besagter Schmalz ist überhaupt in aller Munde. Sein ursprünglich in Zürich uraufgeführter Badewasserschwank der thermale widerstand wurde nun auch in Graz herausgebracht, im Haus zwei des Schauspiels. Und weil Ungarn in Sachen Thermalheilkraft viel Expertise besitzt, wurde passenderweise mit András Dömötör ein Budapester Regisseur verpflichtet. Das Stück spielt nicht bloß in einer Wellnessanlage, es verwandelt unsere komplette Welt in eine badekulturelle Anstalt. Schmalz erklärt die Therme zum Modellbetrieb der um sich greifenden Profitmaximierung. Aus dieser gibt es, Schwefelwasser sei Dank, praktisch kein Entrinnen.

Am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die szenische Einrichtung (Ausstattung: Monika Annabel Zimmer) ist von einnehmender Kargheit. 26 weiße Badeliegen vor schwarzem Hintergrund ergeben einen eindrucksvollen Exerzierplatz für das kurbetriebliche Workout. Heilen heißt schwer arbeiten. Vorgeführt wird das thermale Personal am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein Bademeister (Nico Link) läuft sozial aus dem Ruder, weil die Kurverwalterin (Anna Szandtner) die ganze Klitsche an einen "Softdrinkriesen" verhökern will.

Die zu fördernde Spargesinnung wird vom Ensemble eindrucksvoll exerziert. Die Kurgäste mit gurgelnden Mägen und geölten Beinen spielt man sicherheitshalber gleich mit. Der Fabel ist als Gleichnis nicht über den Weg trauen. Dafür zeigt sich ein exakt geführtes Ensemble in prächtigster Übertreibungslaune. Das Grazer Schauspielhaus flirrt auf allen Ebenen. Hier trägt das Theater alle Tage ein "Feiertagsg'wandel". (Ronald Pohl, 23.4.2017)

  • Das Ensemble ergibt sich den strengen Freuden des Kurbetriebs: Sprachappell in Ferdinand Schmalz' "der thermale widerstand" im Haus zwei des Schauspiels.
    foto: lupi spuma

    Das Ensemble ergibt sich den strengen Freuden des Kurbetriebs: Sprachappell in Ferdinand Schmalz' "der thermale widerstand" im Haus zwei des Schauspiels.

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