Syrien und verkürzte Analogieschlüsse

Kommentar der anderen21. April 2017, 18:25
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Eine Antwort auf Heinz Gärtners drei Szenarien für den Syrien-Konflikt

Heinz Gärtner ("USA und Russland: Historische Analogien", 15. 4. ) nennt drei Analogien zwischen dem Verhalten der USA und dem der UdSSR im Kalten Krieg: Beide reagierten auf Bedrohungsperzeptionen, beide ließen sich dadurch in lokale Konflikte ziehen, beide gingen einer direkten militärischen Konfrontation mit einer anderen Großmacht aus dem Weg. Daraus entwickelt er drei Szenarien für Syrien: Konfrontation, keine Konfrontation, langer Konflikt.

Analogieschlüsse haben den methodischen Nachteil, stark zu selektieren, zu vereinfachen und daher potenzielle Widersprüche auszublenden. Für jede Analogie lässt sich leicht ein Unterschied aufzählen: Demokratische Rechtsstaaten wie die USA verhalten sich oft anders als Diktaturen oder autoritäre Regime, was mit der Interaktion zwischen außenpolitischen Schritten und deren innenpolitischer Akzeptanz zusammenhängt. Status-quo-Mächte agieren anders als revisionistische. Die USA schufen Allianzen in Europa mittels Soft Power; die UdSSR durch Zwangsmittel. Ihr Verhalten in den "Hinterhöfen" mochte sich ähneln; Divergenzen blieben – vor allem darin, was man als "Hinterhof" betrachtete: Als Frankreich und Griechenland die Militärstrukturen der Nato verließen, wurden sie nicht daran gehindert. Als Ungarn den Warschauer Pakt verlassen wollte, verhinderte das eine blutige Militärintervention.

Doch auch im "Hinterhof"-Verhalten jeder Großmacht gibt es Differenzen. Roosevelt war geneigt, die Expansion des Kommunismus hinzunehmen, Truman nicht. Stalin ließ die griechische KP im Stich, unterstützte aber Kim Il-sung bei dessen Überfall auf Südkorea. Breschnew schickte Truppen nach Afghanistan, Andropow nicht nach Polen. Bush begann einen Krieg gegen den Irak, Obama versuchte, einen mit Syrien zu vermeiden. 1975 stimmt die Sowjetunion der Unverletzlichkeit von Grenzen zu, 2014 annektiert Moskau die Krim.

Der entscheidende Unterschied zwischen der heutigen Lage in Syrien und dem Wiener Kongress: 1815 hatten die Großmächte einen gemeinsamen Feind besiegt, es bestand Einigkeit über die Grundzüge der Nachkriegsordnung. Dagegen geht der Krieg in Syrien weiter, die Großmächte sind uneins. (Wolfgang Mueller, 21.4.2017)

Wolfgang Mueller ist Historiker an der Akademie der Wissenschaften.

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