16 Jahre, elf Kilo: Weißrusslands unterernährte Waisen

22. April 2017, 14:00
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Arzt macht auf Situation in Minsker Heim aufmerksam – Staatsanwaltschaft ermittelt im ganzen Land

Minsk/Moskau – Die Staatsanwaltschaft in Weißrussland ermittelt gegen zehn Waisenhäuser im Land. Grund sind zum Skelett abgemagerte Kinder, die auf in Medien veröffentlichten Bildern zu sehen sind und einen Schock in der Ex-Sowjetrepublik auslösten.

"Anja mach den Mund auf und sag Ah", sagt die Pflegerin und hält einer 16-Jährigen einen Löffel der traditionellen Suppe Borschtsch hin. Die kaut brav und nimmt auch noch gierig die anschließende Portion Brei und Fleisch in sich auf. Doch das Alter sieht man ihr nicht an. Gerade einmal elf Kilo wiegt das Mädchen. Sie kann nicht laufen und nicht reden, ihre Hände sind mit einem Tuch gefesselt – zum Selbstschutz, denn Anja hat die Angewohnheit, sich selbst zu schlagen, wenn sie aufgeregt ist. Und zu den Mahlzeiten ist sie immer besonders aufgeregt.

Anja ist nicht die einzige Haut-und-Knochen-Patientin, die die Reporterin Katerina Sinjuk vom weißrussischen Magazin Imena ("Namen") in dem Waisenhaus am Stadtrand von Minsk im vergangenen Herbst vorfand. 127 Bewohner hat das Heim, das seit 1971 nahe dem Autobahnring, umgeben von hohen Mauern, existiert.

Fehlende Sondernahrung

Viele Patienten sind schwerkrank – physisch und psychisch – und wurden von ihren Eltern weggegeben. Sie haben zumeist keine Chance auf Entlassung, selbst wenn sie erwachsen sind. Rund 50 dieser Kinder und Erwachsenen fristen ihr Dasein in einem ähnlichen Zustand wie Anja: Artjom war 19 Jahre alt und wog bei Sinjuks Eintreffen 13,8 Kilogramm, genauso viel wie der 13-jährige Wadim. Ilona (23) wies 15 Kilo auf, die 19-jährige Viktoria wog 14,5 Kilogramm. "Dabei sollte sie in ihrem Alter schon auf 50 Kilo zugenommen haben", sagte Alexej Momotow, der Kinderarzt des Waisenhauses.

Momotow ist derjenige, der den Skandal losgetreten hat. Der junge Arzt versuchte über eine Benefizveranstaltung, ein Mini-Fußballturnier, Gelder für zusätzliche medizinische Sondernahrung zusammenzubekommen. Das Problem der Kinder ist seinen Angaben nach nämlich nicht, dass sie zu wenig essen, sondern dass sie das Falsche essen. Die Kinder können die gewöhnliche Nahrung nicht verarbeiten. Angeborene Defekte im Magen-Darm-Trakt führen dazu, dass sie die Mahlzeiten nicht verdauen und teilweise wieder ausspucken.

Untersuchungen eingeleitet

"Sie brauchen zusätzliche enterale Nahrung. Wenn sie da ist, fühlen sich die Kinder besser und nehmen an Gewicht zu", sagt Momotow. Enterale Ernährung wird flüssig oder per Schlauch durch Nase oder Bauchdecke verabreicht. Damit die Kinder an Masse zulegen können, muss die Nahrung viele Kalorien enthalten. Diese enteralen Nährstoffe werden in Weißrussland nicht hergestellt, sie müssen importiert werden. Das ist teuer – und war im Budget des Kinderheims nicht vorgesehen. Von den Behörden wurde es mit der gleichen Ration versorgt wie ein gewöhnliches Heim.

Doch die Veröffentlichung von Imena hat Wellen geschlagen: Innerhalb kürzester Zeit sammelte das Magazin Spenden, die für ein halbes Jahr Verpflegung reichten. Und auch die Behörden reagierten schließlich. Die Staatsanwälte haben inzwischen zehn solcher Waisenhäuser überprüft.

Gegen die Direktorin des Minsker Heims wurde ein Strafverfahren wegen "Fahrlässigkeit im Dienst" eingeleitet, der Direktor eines anderen Heims wurde entlassen, ein weiterer bekam eine Abmahnung. "Und auch das Geld für die Sondernahrung fand sich dann plötzlich innerhalb eines Tages", sagte Sinjuk dem Standard. In dem Heim wurden zwei Palliativstationen zur medizinischen Behandlung der Schwerkranken eingerichtet. Das Schicksal der Kinder ist immer noch schwer, aber zumindest besteht die Chance, dass sich mit zunehmendem Gewicht auch ihr Leben, das sie bisher jahrelang nur im Bett verbrachten, etwas normalisiert. (André Ballin, 22.4.2017)

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