Burgtheater: Nur wer wagt, gewinnt die ganze Burg

Analyse22. April 2017, 09:00
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Die Frage, wer nach Karin Bergmann ab 2019 das Wiener Burgtheater leiten soll, rührt an die Substanz des Hauses. Mit der Bewältigung von Krisen und der stillen Verwaltung des Status quo ist es nicht länger getan

Wien – Karin Bergmann hat den Kulturminister ihren Wunsch nach Nichtverlängerung ihres Direktionsvertrages wissen lassen. Ihre Absicht, das Wiener Burgtheater 2019 zu verlassen, sollte Thomas Drozda beflügeln. Das Schiff, dessen Steuer Bergmann 2014 so beherzt in die Hände genommen hat, liegt – an sicherem Ankerplatz – in schwerer Flaute. Das Pathos der Retterin und "Trümmerfrau", die auch vor unpopulären Sparmaßnahmen nicht zurückschreckt, ist damit aufgebraucht.

Längst sind die Aufräumungsarbeiten nach dem Betriebsdesaster Matthias Hartmanns abgeschlossen. Viel zu lange schon befleißigt man sich im Haus am Ring eines Pauschallobes der Normalität. Das Außerordentliche – in der Burg wird und wurde es immer seltener zum Ereignis.

Vertrauensbildung statt Glanz

Darstellende Kunstleistungen, deren Schöpfer sich vor allem selbst im Zaum halten, verkommen zu vertrauensbildenden Maßnahmen. Nicht, dass am "Ersten Haus deutscher Zunge" schlechtes Theater gemacht würde. Die Kästen summen und vibrieren vor planer Geschäftigkeit. Erst unlängst hat eine Nestroyaufführung im Haupthaus (Liebesgeschichten und Heiratssachen) sehr überzeugend bewiesen, wie wohl es tut, wenn man symbolische Besitzstände gezielt veräußert. Der "richtige" Nestroyton meint in aller Regel ja nur, aus dem Herz, das der "Wiener" für goldig hält, eine Mördergrube zu machen.

Die Entscheidung, den deutschen Burgcharaktermimen Markus Meyer die Nestroyrolle des zynischen Halunken Nebel extra trocken spielen zu lassen, erwies sich sohin als goldrichtig. Die Befriedigung wäre noch größer, wenn man hinter solchen Besetzungsentscheidungen nicht einfach das Walten eines mehr bis minder blinden Zufalls vermuten müsste. Immer häufiger ähneln die Besetzungszettel in Burg und Akademie freundlichen Verständigungsangeboten, die die Direktion an ihr eigenes, nehmt alles nur in allem: herrliches Ensemble richtet.

Die Notwendigkeit heischt, dass möglichst alle zum Zug kommen. Muss man allen Ernstes daran erinnern, dass Jahrhundertregisseure wie Peter Zadek einst ihre Gäste nach Wien mitbrachten? Dass das nämliche Inszenierungsgenie den Betrieb mit luxurierenden Probebedingungen an den Rand des Kollapses brachte?

Etwas von der Unverantwortlichkeit, die Könnern wie Zadek oder dem notorisch umstrittenen Einar Schleef damals eignete, muss man, trotz aller abspeckenden Maßnahmen, auch von der Burg verlangen. Die dringend notwendigen Debatten über die Zukunft der Stadt- und Staatstheater werden ohnehin woanders geführt.

An den Münchner Kammerspielen versucht Matthias Lilienthal, den Isarstädtern die Vorzüge des postdramatischen Theaters einzubläuen. Die Bühnenmetropole Berlin steht überhaupt vor der größten Zeitenwende nach 1989/90. Chris Dercon will an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz das Performative mit dem Kuratorischen versöhnen. In seinem Windschatten könnte Oliver Reese das Berliner Ensemble aus dem Museumsschlaf reißen.

Aufbrüche woanders

Aufbrüche, wohin man blickt; da dürfen Rückschläge nicht ausbleiben. An der Wiener Burg verwaltet man derweil gekonnt, häufig aber nur verschämt und ein wenig betriebsfromm den Status quo.

Karin Bergmann war, als "dolose" Gerüche das Haus umschwebten, die richtige Frau am rechten Platz. An ihrer tadellos aufrechten Gangart konnte sich auch ein zutiefst verunsichertes Ensemble wieder aufrichten und Fassungskraft sammeln. Nun aber müssen neue, andere Fragen gestellt werden, die mit der drängenden Valorisierungsproblematik nur am Rande zu tun haben. Sie betreffen die dramaturgische Tonalität – und die Zukunft. Denn, wie schon Heiner Müller im Verein mit seinem Lehrmeister Bertolt Brecht wusste: Die neuen Gespenster kommen nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft.

Minister Drozda hat nicht so sehr die Qual der Nachfolgewahl. Er steht nur in der Pflicht, eine inhaltliche Neuorientierung des Wiener Burgtheaters zu bewirken. Und: Er kann bei der Suche nach Bergmanns Erbin oder Erben immer noch einen prüfenden Blick auf das ordnungsgemäße Zustandekommen eines allfälligen Doktorats richten. (Ronald Pohl, 22.4.2017)

  • Das Pathos der "Trümmerfrau" ist aufgebraucht: Karin Bergmann beendet 2019 ihre Burgtheater-Direktionszeit. Wer immer ihr auch nachfolgt, er oder sie muss für eine Neuorientierung Sorge tragen.
    foto: reinhard maximilian werner

    Das Pathos der "Trümmerfrau" ist aufgebraucht: Karin Bergmann beendet 2019 ihre Burgtheater-Direktionszeit. Wer immer ihr auch nachfolgt, er oder sie muss für eine Neuorientierung Sorge tragen.

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