Der lange Weg zur neuen Seidenstraße

22. April 2017, 08:00
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Chinas Initiative "Neue Seidenstraße", ökonomisch zwölfmal größer als der US-Marshallplan, bringt alteingesessene Handelsstrukturen durcheinander

Wien – Das von China mit Investitionen von tausend Milliarden Dollar angestoßene Projekt "Neue Seidenstraße" ist für Österreich wichtig. Aber nicht primär aufgrund milliardenschwerer Infrastrukturbauprojekte, sondern dank der Handelsbeziehungen mit China. Insbesondere der Investitionsboom in den Seidenstraßen-Anrainerstaaten in Eurasien komme Österreich zugute. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) im Auftrag des Wirtschaftsministeriums.

Insbesondere die Westbalkanländer profitierten von den unter chinesischer Hoheit in Angriff genommenen Milliardenprojekten zur Ertüchtigung von Straßen, Schienen, Häfen und der damit einhergehenden IT-Infrastruktur – und mit ihnen Österreich, sagte eine der Studienautorinnen, die Ökonomin Julia Grübler, bei einer Veranstaltung am Donnerstag im Haus der Europäischen Union. Denn der Ausbau der Verkehrswege kurble insbesondere die Wirtschaft in den Westbalkanländern an, was Einkommen und Kaufkraft und somit die Nachfrage für Produkte aus Österreich erhöhe.

Einbahnstraße

Als wichtigsten Effekt des Projekts Seidenstraße für Österreich und seine Handelspartner in und außerhalb der EU identifizierten die WIIW-Ökonomen: Der Transport von China nach Europa (und umgekehrt) werde sich massiv verbilligen. "Waren und Güter aus Österreich werden rascher angefragt", sagt Grübler. Werde etwa der von der China Ocean Shipping Company (Cosco) kontrollierte griechische Hafen Piräus angesteuert statt Rotterdam, verkürze sich der Schiffstransport nach Europa um zehn Tage. In die Höhe getrieben wird der Transportpreis insbesondere auf der Bahn natürlich von den Leerfahrten. Denn die Container fahren voll von China nach Europa, aber oft leer zurück.

Noch ähneln die direkten Handelsbeziehungen zwischen dem Reich der Mitte und Österreich freilich einer Einbahnstraße: Österreich importierte im Jahr 2015 Waren und Güter im Wert von 7,9 Milliarden Euro, exportierte aber nur im Wert von 3,3 Milliarden.

Anders sieht es beim Handel mit den "16+1" aus, einer Initiative von 16 Anrainerstaaten, die sich die Attraktivierung der Überlandroute von Piräus über den Westbalkan bis Westeuropa zum Ziel gesetzt hat. Exporten heimischer Unternehmen im Wert von 24 Milliarden Euro standen 2015 Importe um 20 Milliarden gegenüber. Österreich ist also Nettoexporteur, sagt WIIW-Ökonomin Grübler, die österreichische Infrastrukturbauten wie die Verlängerung der (russischen) Breitspurbahn von Kosice nach Wien aktuell für nicht prioritär hält.

"Die Seidenstraße ist keine Einbahn", betonte auch Heinz Zourek, ehemals EU-Generaldirektor für Zölle und Steuern. "Beide Seiten haben Interessen", aber es sei nicht klar, ob sich China wie viele Schwellenländer voll in den Welthandel einklinke. "Derzeit saugt es sich wie ein Schwamm voll mit Technologie." Die Initiative Seidenstraße – ökonomisch zwölfmal so groß wie der US-Marshallplan – sei auch eingebettet ins außenpolitische Erwachen Chinas, "da muss man achtgeben", warnt Zourek. (ung, 22.4.2017)

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    grafik: apa
  • Die neue Seidenstraße bringt auch neuen Schwung. Österreich kann profitieren, auch ohne eigene Bauinvestitionen, sagt eine Studie.
    foto: apa/aamir qureshi

    Die neue Seidenstraße bringt auch neuen Schwung. Österreich kann profitieren, auch ohne eigene Bauinvestitionen, sagt eine Studie.

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