Gletscher ließ kanadischen Fluss binnen vier Tagen verschwinden

23. April 2017, 19:04
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Das Schmelzwasser des Kaskawulsh-Gletschers hat sich einen neuen Weg gebahnt – schuld daran dürfte der Klimawandel sein

Urban – Der Kaskawulsh-Gletscher im kanadischen Kluane-Nationalpark zählt zu den größten Gletschern des Landes. Sein Schmelzwasser strömt seit Jahrhunderten vor allem über den Slims River nach Norden und mündet schließlich in der arktischen Beringsee. Bis jetzt, denn im Frühjahr 2016 kam es zu einem dramatischen Routenwechsel: Die Wassermassen bahnten sich in kürzester Zeit einen anderen Weg und fließen seither über den Alsek River Tausende Kilometer weiter südlich in den Pazifik.

Forscher der University of Washington Tacoma legen nun im Fachblatt "Nature Geoscience" eine Rekonstruktion des Ereignisses vor, das sie als ersten dokumentierten Fall aktiver "Flusspiraterie" bezeichnen – weil ein Fluss dem anderen sozusagen das Wasser abgräbt. Auf Deutsch spricht man von Flussanzapfung. "Man kennt geologische Spuren solcher Ereignisse, aber unseres Wissens nach hat niemand einen solchen Prozess zu Lebzeiten dokumentieren können – und jetzt passiert es vor unserer Nase", sagte Daniel Shugar, Erstautor der Studie.

foto: dan shugar/university of washington tacoma
Luftaufnahme des Canyons, der das Schmelzwasser des Kaskawulsh-Gletschers umleitet.

Vom Strom zum Rinnsal

Shugar und Kollegen stellten die Veränderung des Flusslaufs fest, als sie vergangenen Sommer eine Feldstudie am Slims River vornehmen wollten: Der Fluss, der normalerweise an seiner breitesten Stelle 150 Meter misst, führte kaum noch Wasser. Mithilfe von Hubschrauber- und Drohnenflügen sowie mit Satellitendaten evaluierten die Forscher die Situation. "Wir stellten fest, dass das ganze Schmelzwasser, das von der Vorderseite des Gletschers abfloss, anstatt in den Slims River nun in den Alsek River gelangte", sagte Koautor Jim Best (University of Illinois, Chicago).

foto: jim best/university of illinois
Nahaufnahme der Schmelzwasserumleitung.

Doch wie kam es dazu? Wie sich herausstellte, war eine massive Gletscherschmelze schuld: Eine ungewöhnliche Wärmeperiode Anfang 2016 hatte einen so starken Schmelzwasserstrom verursacht, dass dieser einen 30 Meter tiefen Canyon in die Gletscherzunge riss. Die Schlucht lenkt das Wasser seither um. Während der Slims River zu einem Rinnsal verkam, schwoll der südwärts fließende Alsek River üppig an. Durchflussmessungen ergaben, dass er 60 bis 70 Mal mehr Wasser führt als zuvor.

Die Daten zeigten auch, dass sich der dramatische Kurswechsel des Schmelzwassers innerhalb von nur vier Tagen vollzog: Zwischen 26. und 29. Mai 2016 schwand der Slims River am dramatischsten. Dass sich ein derart gewaltiger Prozess so schnell vollzieht und ausgerechnet jetzt erstmals "live" beobachtet werden kann, ist nach Ansicht der Forscher auf den Klimawandel zurückzuführen. Solche Prozesse habe es zwar auch am Ende der letzten Eiszeit gegeben – doch sie hätten sich damals über lange Zeiträume abgespielt. (dare, 23.4.2017)

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