Cécile Alduy: "Le Pens Feminismus ist ein Vorwand"

Interview22. April 2017, 12:16
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Der Präsidentschaftskandidatin gehe es nie um die Gleichheit der Geschlechter, sondern ausschließlich um Kritik am Islam, sagt die Forscherin Cécile Alduy

STANDARD: Marine Le Pen ist die einzige Frau unter den aussichtsreicheren Kandidaten des französischen Präsidentschaftswahlkampfs. Ist das relevant?

Cécile Alduy: Es verleiht ihr formell eine gewisse Legitimität, über moderne Frauenthemen zu sprechen, zumal sie selbst eine geschiedene Mutter ist. Marine Le Pen zitiert auch gerne Feministinnen wie Élisabeth Badinter oder Simone de Beauvoir.

STANDARD: Macht das aus ihr eine Feministin?

Alduy: Sie sagt es zumindest. Aber es ist ein reiner Verbalfeminismus, der einem einzigen Zweck dient – der Islamkritik. Ein anderes Motiv nennt sie nicht und hat sie auch nicht, wenn man genau hinschaut. Ich habe ihre Reden analysiert und stelle fest, dass ihr "Feminismus" nur der Islamkritik dient. Nie geht es ihr um die Gleichheit der Geschlechter, die im Prekarität arbeitenden Mütter, Familienpolitik oder Abtreibung.

STANDARD: Auch nicht um die Wahlstimmen der Frauen?

Alduy: Doch, natürlich, und das umso mehr, als der Front National unter Jean-Marie Le Pen kaum Frauen anzuziehen vermochte. Indem sich Marine Le Pen als moderne Französin gibt, sucht sie auch deren Wählerstimmen. Ihre Haltung mündet aber immer in der Kritik am Islam und dem radikalen Islamismus.

STANDARD: Feminismus als Vorwand?

Alduy: Genau. Auf die gleiche Weise geht Marine Le Pen vor, wenn sie sich für den Laizismus einsetzt. Dagegen ist in Frankreich niemand. Auf den ersten Blick vertritt sie also konsensuelle Argumente – einmal für die Frauen, dann wieder für den Laizismus. Die Zielscheibe dahinter bleibt aber der Islam. Ansonsten bringt die Kandidatin keinerlei feministische Ideen oder Gedanken ein. Nichts zu den historischen oder sozialen Zusammenhängen, nichts zur Unterrepräsentanz der Frauen in den Unternehmen.

STANDARD: Vermag sie damit Wählerinnen zu überzeugen?

Alduy: Ich denke schon. Im Präsidentschaftswahlkampf 2012 war sie die Einzige, die von der Gleichheit von Mann und Frau sprach. In der laufenden Kampagne thematisieren auch Emmanuel Macron und Benoît Hamon, zum Teil auch François Fillon, Themen wie die Lohngleichheit. Bis 2016 findet sich davon aber nichts in den Reden der französischen Spitzenpolitiker, die ich über zwanzig Jahre analysiert habe.

STANDARD: Ist Le Pens Islamkritik unter feministischem Blickwinkel nicht gerechtfertigt?

Alduy: Niemand bestreitet, dass viele Frauen in Banlieue-Zonen auf Probleme stoßen, die damit zu tun haben, dass sie Frauen sind. Marine Le Pen hat dieses Tabu gebrochen, indem sie als erste davon zu sprechen begann. Der Front National stellt häufig richtige Fragen, aber er gibt die falschen Antworten. Wegen punktueller Probleme kann man nicht die ganze Gemeinschaft anprangern – schließlich leben viele Moslems in Frankreich auf die gleiche Weise wie die übrigen Franzosen. Machismus und Frauenfeindlichkeit gibt es unter Vertretern aller Gemeinschaften und Religionen, was Le Pen aber völlig übergeht.

STANDARD: Hat Le Pens Partei, der Front National, sein Frauenbild revidiert?

Alduy: Der Diskurs hat sich stark geändert: Zwischen Jean-Marie, der antisemitisch, homophob und frauenfeindlich ist, und Marine Le Pen besteht ein großer Unterschied. Bei einem so extremistischen Vater ist es einfach, ein klein wenig moderner zu erscheinen. Aber wenn man das Wahlprogramm 2017 von Marine Le Pen anschaut, fällt auf, dass sie die von der Linken eingeführte Homo-Ehe abschaffen will. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen will Abtreibungen nicht mehr von der Krankenkasse erstatten lassen. Alles in allem ist Marine Le Pen der moderne Baum, der den FN-Wald versteckt. (Stefan Brändle, 22.4.2017)

Zur Person:

Cécile Alduy ist Professorin für französische Kultur und Literatur an der Stanford-Universität in Kalifornien. Die 42-jährige Französin forscht zudem am Institut Cevipof der Pariser Polit-Universität Sciences Po. In ihren Publikationen hat sie die Reden französischer Politiker seit 1994 analysiert, so auch in "Marine Le Pen prise aux mots" (Verlag Seuil, Paris, 2015).

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    foto: apa / afp / guillaume souvant

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