Februar und Oktober 1917: Die Jahrhundertrevolution

22. April 2017, 14:00
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100 Jahre russische Doppelrevolution: Mehrere Neuerscheinungen nehmen dieses weltumstürzende und das 20. Jahrhundert auf das Nachhaltigste prägende Ereignis unter die Lupe

Als Kopf einer winzigen isolierten Widerstandsgruppe brach er auf aus einem Land, das er mochte, wenn es auch alles verkörperte, wogegen er vehement anschrieb. Acht Monate später war er der Anführer eines Riesenreichs, das er nach mehr als zehn Jahren Absenz nur wenig verstand und in dem er seine Theorien nun Wirklichkeit werden ließ. Auch wenn Karl Marx, auf den er sich inbrünstig berief, nicht im Geringsten an Russland, rückständig, feudalistisch, agrarisch, tiefreligiös, gedacht hatte, als er Visionen einer besseren Welt in Bibliotheken ersonnen hatte.

Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich Lenin nannte und Sohn eines wohlhabenden Schulinspektors war, bestieg am 9. April 1917, es war Ostermontag, am Zürcher Hauptbahnhof einen Zug, in dem drei Kompartimente für ihn und seine Entourage reserviert waren.

Am 3. April kam er in Petrograd, vormals St. Petersburg, an. Es war noch immer Ostermontag. Diesmal derjenige der orthodoxen Kirche. Diese Zeitverschiebung ergab sich durch die Verwendung zweier Kalender, des gregorianischen, gebräuchlich in Westeuropa und den USA, und des julianischen im Zarenreich, der dreizehn Tage hinterherhinkte.

Anfang der roten Ära

Die Historikerin Catherine Merridale, Professorin an der Queen Mary University in London und 2014 Autorin einer bemerkenswerten Geschichte des Kremls, erzählt die Geschichte der legendären Fahrt Lenins durch Deutschland, Schweden und das Großherzogtum Finnland, damals ein Teil des Zarenreichs, nach Russland.

Diese vom Deutschen Kaiserreich im Wortsinn auf die Schiene gesetzte Aktion, projektiert als subversive Neutralisierung des Kriegsgegners Russland, ist schon mehrfach beschrieben worden – jedoch, worauf Merridale hinweist, größtenteils falsch. Sie hat die historisch korrekte Route recherchiert und ist diese nachgefahren.

Nicht wenige Vorgänger ließen den Zug, angeblich plombiert, was er nicht war – lediglich zwei von drei Türen waren verschlossen -, auf Strecken fahren, die erst Jahre später angelegt wurden. Andere ließen Lenin sogar auf ein Schiff umsteigen. Merridale schildert die Fahrt, die Ideen hinter der deutschen Intrige wie auch die Protagonisten in St. Petersburg seit der ersten, der Februarrevolution 1917, als der in allem so unzulängliche Zar Nikolaus II. abgedankt hatte, lebhaft und plastisch, zudem mit einem Deka Ironie.

Zahlreiche pittoreske Figuren, Diplomaten, Agenten und Berufsrevolutionäre, werden von ihr mit festem, sicherem Strich gezeichnet. Erstaunlicherweise drängt sich jedoch mehr als punktuell der Eindruck auf, dass Merridale noch nach einhundert Jahren sich von Lenins Charisma hat einnehmen lassen. Das Komplexe, Widerstreitende, das skrupellos Machiavellistische, Menschenverachtende und Brutale seines Charakters muten sanft unterbelichtet an.

Schrankenlose Energie

Lenins Aggressivität brach sich schon beim Empfang im Finnischen Bahnhof lautstark Bahn – gegenüber seinen Anhängern! Es waren seine schrankenlose Energie, sein rigoroses Polemisieren und die stete agitatorische Wiederholung simpler Botschaften, die Widerhall fanden. Seine Gegner, Sozialisten wie Liberale, hatten dem nichts entgegenzusetzen.

Deutlich wird bei Merridale, wie zerstritten sie waren, wie heillos überfordert damit, die kapitale Unordnung der zaristischen Administration auch nur im Ansatz zu korrigieren. Ihr Setzen auf eine nationalistische Grundurströmung brachte sie dazu, im Sommer den Krieg fortzuführen.

Das war ihr Ende. Und der Anfang der roten Ära. Denn es waren in erster Linie die Soldaten, die die Bolschewiki für sich gewannen. Weil sie Frieden forderten, sofort. Dazu eine gerechte Landverteilung. Und ein Ende der haarsträubend aus dem Ruder laufenden Versorgungskrisen. Frieden, Land, Brot: Das kam an. Auch bei den Bauern. Umgekehrt stammten sehr viele Soldaten vom Land.

Die Bolschewiki besaßen zwei Dinge nicht – Geduld und Mäßigung. Und noch weniger waren sie um Vergebung und Ausgleich bemüht. Ihr Radikalismus schwamm von Anfang in Blut. Ihr Konzept einer glücklicheren, gerechteren, sozialistischen Gesellschaft setzte auf den Atem nehmende Unterdrückung und auf Machtsicherung um jeden Preis. Und auf Aufgabe theoretisch scheinbar eherner Prinzipien.

Ausschaltung der Opposition

Sobald sie im Oktober 1917 an die Macht gekommen waren, war ihnen eines angelegen: die Ausschaltung jeder Opposition. Der "neue Mensch" entstand durch Terror. Zentral, so der Historiker Steve Smith, war den Bolschewiki eine mörderische Angstpsychose – die sich über Jahre auslebte. Denn bis 1922/23 war Russland ein Land im Bürgerkrieg.

Aufstände sonder Zahl, Widerspruch allerorten, lokale Warlords an der Südgrenze und im Osten – die Herrschaft Lenins und seiner Kombattanten war über Jahre hinweg alles andere als gesichert. Widerstände zerschlugen die neuen Machthaber mit eiserner Hand und talentierten Generälen.

Zupass kam den Bolschewiki, dass die zarentreuen "weißen" Russen, die sie bekämpften, nicht monarchistisch gesinnt, sondern Reaktionäre und Sozialchauvinisten waren und so bei Millionen armer Bauern keinerlei Rückhalt besaßen. Dazu unterminierte Hunger den Widerstand.

Die dreibändige Revolutionsgeschichte des konservativen Amerikaners Richard Pipes ist ja schon seit längerem nicht mehr lieferbar. Der liberale Londoner Geschichtsprofessor Orlando Figes neigte 1996 in Die Tragödie eines Volkes dazu, erzählerischem Flair hie und da etwas Zucker zu geben. Stephen A. Smith, Professor an der University of Essex, dann in Florenz und seit mehreren Jahren Senior Research Fellow am All Souls College in Oxford – ein von der Lehre befreiter Wissenschafter also -, betont hingegen gleich zu Beginn seiner großen Darstellung, sich der Ausgewogenheit verpflichtet zu haben.

Dichtes Panorama

Dieses Prinzip durchzieht sein gelehrtes Buch, das 1928 endet und nicht wie Figes' Revolutionsdarstellung mit dem Tod Lenins Anfang 1924. 1928 leuchtet ein. Denn dieses Jahr markierte Fixpunkte: die Verabschiedung des ersten Fünfjahresplans, die Zementierung der Macht Stalins und seiner Clique in den höchsten Parteizirkeln, auch das Ende der traditionellen Bauernschaft mit altem Dorfleben. Sehr bald wurden die Bauern, über Jahre hinweg resolute Gegner der Bolschewiki, in Kolchosen gedrängt, harsch drangsaliert und wenig später zu Hunderttausenden durch Hunger getötet.

Dicht ist Smiths Panorama, fast zu dicht, sodass manche Figur, ob Sinowjew, Kamenew oder auch Trotzki, kaum richtig Kontur gewinnt. Fahrt nimmt seine Geschichte im Herbst 1917 auf mit der Endphase der Administration des flamboyanten Alexander Kerenskij, dann mit den Abschnitten über den grausamen Bürgerkrieg. Übersichtlich, klar aufgebaut und panoramatisch – von Ökonomie bis zum Bildungs- und Gesundheitswesen reichend – ist dieses Buch und sehr erhellend. Erhellend in Bezug auf die Abschaffung letzter pseudodemokratischer Fermente, ersetzt durch eine Nomenklatura und den Aufstieg Stalins zu einer Ein-Mann-Herrschaft. Für die nächsten Jahre dürfte Revolution in Russland maßgebliche Lektüre sein.

Triumph und Scheitern

Wie fieberhaft schnell und elektrisiert im Ausland auf den Sturz des Zaren 1917 reagiert wurde, zeigte in Wien damals die Volksbühne. Nur ein paar Wochen nach der Februarrevolution wurde eine Inszenierung von Lew Tolstojs Die Macht der Finsternis auf die Bühne gestemmt, ein Drama über die bedrückende Welt der Bauern im Reich der Romanows.

Und vier Tage nachdem Lenin und seine Mitstreiter am 17. Oktober 1917 die Macht in Petrograd mit Vorankündigung an sich gerissen hatten – die Leitlinien der proletarischen Diktatur hatte er am 17. April in Thesenform aufs Papier gehämmert -, hieß es in der Arbeiterzeitung: "Heil unseren russischen Brüdern! Ihre kühne Tat gibt der Welt eine große, gewaltige Hoffnung. Sie gibt uns die Aussicht, endlich befreit zu werden von allen Schrecken und Nöten dieses grauenvollen Krieges! Und wenn dies gelingt, dann beginnt ein neues Zeitalter in der Geschichte der Menschheit. Vermag es der Sozialismus, der gequälten Welt den Frieden zu bringen, dann fliegen ihm Millionen befreiter Seelen zu; der Triumph des Friedens wird dann der Triumph des Sozialismus sein!"

Triumph und klägliches Scheitern, das zeigen die Aufsätze im klugen Band 100 Jahre Roter Oktober über die welthistorischen Folgen der Russischen Revolution auf. Jedes Jahrzehnt, von 1927 bis 2017, wird ausgeleuchtet, Leuchtkraft und Verführungsmacht des Kommunismus bis zu seinem Ausglühen aufgezeigt. Die Historikerin Verena Moritz legt dagegen etwas anderes vor, im Unterschied zu den anderen Bänden: eine Quellenedition. Das hört sich eher abschreckend an. Moritz aber gibt den bisher ungedruckten Dokumenten aus dem Österreichischen Staatsarchiv, von Telegrammen bis zu diplomatischen Depeschen, Erläuterungen bei. Damit bietet sich ein reichhaltiges Netz zeitgenössischer Stellungnahmen und Wahrnehmungen.

Man ist bei der Lektüre mitten im Fluss des Geschehens. Zwischen Blindheit und Abscheu, vorbehaltloser Begeisterung und ideologischer Ratlosigkeit changieren die Reaktionen auf die Vorgänge – die natürlich auch Folgen für Österreich zeitigten.

"Die Russische Revolution", so Moritz, "hatte den Untergang der Habsburgermonarchie nicht verschuldet, aber sie hatte Mechanismen in Gang gesetzt und Prozesse beschleunigt, die auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Ausmaß mitverantwortlich waren für das Ende der 'alten' und den Beginn einer 'neuen' Welt". Und dies bis heute. (Alexander Kluy, 22.4.2017)


  • Jan Claas Behrends u. a. (Hrsg.), "100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution." 352 Seiten / 25,70 Euro. C. Links, Berlin 2017
  • Catherine Merridale, "Lenins Zug. Die Reise in die Revolution. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter." 384 Seiten/25,70 Euro. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017
  • Verena Moritz, "1917. Österreichische Stimmen zur Russischen Revolution." 288 S. / 24,70 Euro. Residenz, Salzburg 2017
  • Stephen A. Smith, "Russia in Revolution. An Empire in Crisis, 1890-1928." 460 Seiten / 22 Euro. Oxford 2017. Die deutsche Ausgabe "Revolution in Russland. Das Zarenreich in der Krise 1890-1928" (Philipp-von-Zabern-Verlag, 496 Seiten, 41,10 Euro) erscheint am 15. 5.
  • Lenin (Mitte) und eine Gruppe von Kommandeuren bei der Truppenparade junger Rotarmisten auf dem Roten Platz am 25. Mai 1919 in Moskau. Die allgemeine militärische Ausbildung der Bürger wurde am 22. April 1918 während des Bürgerkriegs eingeführt und 1923 abgeschafft.
    foto: chronika tass. nr. 404537

    Lenin (Mitte) und eine Gruppe von Kommandeuren bei der Truppenparade junger Rotarmisten auf dem Roten Platz am 25. Mai 1919 in Moskau. Die allgemeine militärische Ausbildung der Bürger wurde am 22. April 1918 während des Bürgerkriegs eingeführt und 1923 abgeschafft.

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