Rundschau: Es war doch nicht das letzte Einhorn!

Ansichtssache13. Mai 2017, 10:00
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foto: thorndike press

Elan Mastai: "All Our Wrong Todays"

Gebundene Ausgabe, 577 Seiten, Thorndike Press 2017

Es ist so weit: Das "Dude, where's my flying car?"-Mem hat seinen Roman, war auch Zeit. Wer davon noch nie gehört hat: Es handelt sich dabei um die Verdichtung all der technologiebasierten Vorstellungen, die man Mitte des 20. Jahrhunderts von der Zukunft hatte und in denen die Grenzen des Machbaren an Größe und Geschwindigkeit festgemacht wurden anstatt an möglichst hoher Datendichte. Es ist die Zukunft, die uns einst versprochen, aber irgendwann zugunsten von Smartphones und Social Media unterschlagen wurde.

Tom Barren, der Protagonist von Elan Mastais großartigem Roman "All Our Wrong Todays", beschreibt es so: Flying cars, robot maids, food pills, teleportation, jet packs, moving sidewalks, ray guns, hover boards, space vacations, and moon bases. All that dazzling, transformative technology our grandparents were certain was right around the corner. The stuff of world's fairs und pulp science-fiction magazines with titles like "Fantastic Future Tales" and "The Amazing World of Tomorrow". Can you picture it? Well, it happened. Tom kennt diese gestohlene Zukunft sehr genau, denn er war selbst der Dieb.

Temporaler Super-GAU

Genau genommen stammt Tom aus dem fernen Jahr ... 2016. Aber dieses 2016 ist ein globales Utopia; friedlich, freizeitvergnügt und bis ins Mark durchtechnisiert. Möglich wurde es, weil in diesem Lauf der Geschichte der Wissenschafter Lionel Goettreider 1965 per Zufall eine unbegrenzte Energiequelle entwickelt hatte. Ab da war alles machbar. Was zu Toms Lebzeiten dann leider auch bedeutet: Zeitreisen. Sein Vater, ein überaus ehrgeiziger Forscher, baut eine Zeitmaschine und bringt Tom im Chrononautenteam unter. Ziel ist das entscheidende Jahr 1965. Wir ahnen schon: Das wird den Lauf der Geschichte ändern.

Genauer gesagt wissen wir das bereits, denn der Roman setzt mit einem typischen Tagesbeginn in Toms neuem Leben ein – es ist wieder 2016, nur eben ganz anders. Schon das Erwachen in dieser unserer Welt ist eine Mühsal: Anstatt von schlafunterstützenden Gehirnwellen massiert zu werden, musste Tom auf einem Lager aus Pflanzenfasern liegen. In die man Federn gestopft hat, die wirklich echten Vögeln ausgerupft wurden, man stelle sich vor! Über die Diskrepanzen zwischen dem komfortablen Damals und dem barbarischen Jetzt wird Tom zu unserem Vergnügen immer wieder klagen.

Und bereits jetzt drängen sich zwei Fragen für den weiteren Verlauf des Romans auf: Wie genau kam es zur Veränderung der Historie? Und wird es Tom gelingen, alles wieder gradezubiegen und unsere elende Welt auszulöschen? R. A. Laffertys "So frustrieren wir Karl den Großen" lässt grüßen. Doch dabei soll es nicht belassen bleiben, denn "All Our Wrong Todays" wird noch einige unerwartete Wendungen nehmen.

Herrliche Hauptfigur

Tom ist 32, wirkt aber jünger, weil er erstens kaum etwas vorzuweisen hat und sich selbst immer wieder als Versager runtermacht – und zweitens noch ziemlich hormongesteuert ist. Als seine Mutter bei einem Unfall stirbt, schläft er im Anschluss an das Begräbnis der Reihe nach mit drei Exen und einer neuen Flamme, was sich so liest: "I don't know if this is a good idea," they'd say. "It's the only idea I have," I'd say. Sympathischer Schelm, der er ist, verzeiht man ihm aber alles (selbst die Zerstörung der Zukunft).

Tom geht ein bisschen in Richtung unzuverlässiger Erzähler – bei weitem nicht so sehr wie die Figuren von K. J. Parker, aber man sollte auf seine Taten und Worte ein Auge haben. Er gibt zu, dass er nicht alles weiß (Andererseits: Wer von uns könnte aus dem Stand ein iPhone nachbauen?) und dass er geradezu narzisstisch selbstbezogen ist. Was für die Handlung durchaus Bedeutung hat: "All Our Wrong Todays" ist ganz wesentlich auch eine Familien- und Liebesgeschichte, und das Private wird für Toms Entscheidung, die Zeitlinie noch einmal zu ändern, eine wichtige Rolle spielen. Denn unsere Welt ist zwar scheiße, aber mit seinen Eltern läuft's für ihn hier viel besser. Und da ist auch noch Chrononautenkollegin Penelope Weschler: In seiner Welt war sie ein unnahbarer Star, auch wenn ihre beiden Karrieren jeweils in grausamer Ironie endeten (Mastai charakterisiert sie wunderbar: "Sie besteht nur aus Entschlossenheit und der Angst, dass Entschlossenheit nicht ausreichen könnte."). Doch nun ist Penny plötzlich verfügbar.

Auch formal ist Toms Selbstbezogenheit prägend. Anfangs versucht er's kurz mit einer Erzählung in dritter Person – stellt aber rasch fest, dass das distanziert und feige klingt. Das Ergebnis des Wechsels zur Ich-Form ist eine Erzählung mit natürlicher Stimme, inklusive Gedankensprüngen, Momenten des Kontrollverlusts und Abschweifungen vom großen Gesamtbild zu vermeintlich unwichtigen Details. Ein ganzes Kapitel besteht ausschließlich aus einer Aneinanderreihung der Wörter "Fuck" und "Shit": eine absolut angemessene Reaktion auf den wichtigsten Moment der Menschheitsgeschichte.

Frischer Wind

Elan Mastai, der wie seine Hauptfigur aus Kanada stammt, ist ein Quereinsteiger in der Science Fiction, hauptberuflich arbeitet er als Drehbuchautor ("The F Word"). Und er bringt mit seiner munteren Schreibe höchst willkommenen frischen Wind ins Genre. Nichtsdestotrotz nimmt er das gewählte Thema ernst. In Sachen Zeitreisetechnologie und -zubehör beispielsweise hat er sich mehr Gedanken gemacht als viele g'standene Genre-AutorInnen, die lästige Details lieber stillschweigend überspringen. Auch das Problem, dass man wegen der Eigenbewegung der Erde mit der Zeit zwangsläufig auch den Ort wechselt, bleibt nicht ausgespart.

Mitten im quirligen Geschehen fallen zudem immer wieder Sätze, die einen kurz innehalten lassen. Zum Beispiel der vom Philosophen Paul Virilio entliehene Gedankengang, dass man mit jeder Erfindung "deren" höchsteigenen Unfall gleich miterfindet: Der Vater des Flugzeugs ist also auch der Vater des Absturzes. Das verheißt für die quasi-allmächtige Goettreider engine nichts Gutes ...

Darum

Auch Toms heimatliches Utopia bleibt nicht unreflektiert. In einer Welt, in der alles von Maschinen erledigt wird, leisten hundert Prozent der Menschheit ihr bisschen Arbeit in Laboren, die ausschließlich neue Entertainment-Möglichkeiten kreieren. Gesellschaftliche Institutionen mit Verantwortung für die Allgemeinheit spielen keine Rolle mehr – alles liegt, wie es so schön heißt, in den Händen aufmerksamer Firmen mit exzellentem Kundenservice. Und niemand rebelliert oder stellt je die Frage "Warum?". Es ist nicht nötig, weil die Antwort in der allgegenwärtigen Perfektion ringsumher offensichtlich ist. Das Glück hat also durchaus totalitäre Züge.

Mastai nutzt seinen Roman, um das Wesen der Science Fiction, unsere Gesellschaft und deren Vorstellungen von einer wünschenswerten Zukunft zu hinterfragen. Und sich selbst als Erzählung gleich mit: Immerhin verschmelzen in Toms Geist die Erinnerungen an zwei Zeitläufe. Er beginnt sich im Kopf des Pendants, das in unserer Welt aufgewachsen ist, wie ein "Virus" zu fühlen und muss sich sogar mit der Frage auseinandersetzen, ob die ganze Zeitreisekiste nicht bloß eine Wahnvorstellung ist. Das alles gelingt der Erzählung aber, ohne auch nur im allermindesten kopfig zu wirken. Stattdessen ist "All Our Wrong Todays" extrem unterhaltsam und eine der Empfehlungen des Jahres.

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