Wohlhabende City, verarmte Peripherie

Reportage21. April 2017, 17:45
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Eine Zugfahrt durch den Großraum Paris zeigt, wo die Kandidaten für die Präsidentschaftswahl ihre Anhänger finden

Im 14. Stadtbezirk der französischen Hauptstadt Paris ist die Welt noch in Ordnung: In der Fußgängerpassage der Rue Daguerre grüßen sich die Nachbarn – alteingesessene Handwerker, Gewerbetreibende und zugezogene Bobos (Bourgeois-Bohème). Rama Rigolot, die einen Laden für Innendekoration führt und Branchenmessen organisiert, klebt abends Plakate für Emmanuel Macron. "Es wäre gut, wenn wir einmal einen Präsidenten kriegen würden, der nicht in den Hinterzimmern schummelt, sondern das Land nach außen öffnet", meint die 47-jährige Pariserin senegalesischer Herkunft.

Die grazile Frau macht in einem der lokalen Macron-Komitees mit, von denen es in Paris wimmelt. Sie hat eine Kurzausbildung als Wahlbüroaufseherin erhalten, und wenn Macron gewählt wird, will sie im Juni bei den Parlamentswahlen auch selbst als Kandidatin antreten. Dass sie über keine politische Erfahrung verfügt, sieht sie eher als Vorteil: "Ohne neue Köpfe kein politischer Wandel!"

"Wir wollen alle dasselbe ..."

Ins gleiche Horn stößt Rémi Bouton, Leiter des benachbarten Macron-Komitees. "Bei uns machen Studenten und Pensionisten, Erwerbstätige und Arbeitslose mit. Und die meisten hatten sich zuvor nie in der Politik betätigt", freut sich der 55-jährige Journalist und Alleinunternehmer. "So unterschiedlich wir sind – wir wollen alle dasselbe: dass wir von den Partikularinteressen zum Allgemeinwohl zurückfinden. Und der einzige Kandidat, der dafür bürgt, ist Macron."

Gleich neben der Rue Daguerre fährt die Vorstadtbahn RER Richtung Süden ab. Bei der Cité Universitaire steigen die letzten Studenten aus. Wenige Minuten später hält der Zug in Bagneux, einem Bahnhof der "petite couronne", des inneren Vorortrings der Hauptstadt.

In den schmucken ehemaligen Arbeiterhäuschen lebt heute die Pariser Mittelklasse, die sich die horrenden Wohnpreise der Innenstadt nicht mehr leisten kann. Zum Szenenwechsel kommt hier ein Wechsel der politischen Kultur hinzu: Der junge Republikaner Sébastien Trouillas, der berufspolitische Ambitionen hegt, hat im Viertel soeben sein Bereitschaftsbüro eröffnet.

Er ärgert sich, dass ein Unbekannter über das Plakat des konservativen Kandidaten François Fillon "voleur" (Dieb) gepinselt hat – eine Anspielung auf die Finanzaffäre des Kandidaten, die unter dem Namen "Penelope-Gate" bekannt wurde.

Darüber spricht Trouillas ungern. Der joviale Ex-Mediziner erzählt lieber, dass seine Mitarbeiterin am Vorabend beim Plakatkleben von einem Linkskandidaten tätlich angegriffen worden sei. "Hier ist die Lage angespannt. Das ist symptomatisch für die Unsicherheit. Sind Ihnen die Burschen bei der RER-Station Bagneux nicht aufgefallen? Alles Dealer. Wenn Fillon gewählt wird, wäre meine erste Forderung, die Bewaffnung der hiesigen Gemeindepolizei zu verbessern."

Auf der Weiterfahrt in der RER ändert sich schön langsam die Hautfarbe der Fahrgäste im Zug und vor den Fenstern die Höhe der umliegenden Gebäude. In Massy erreichen die schachbrettartig angelegten Einwanderer-Wohnsiedlungen bereits zehn Stockwerke. Willkommen in der Banlieue. Hier stimmt niemand mehr für Fillon. Hier ist, politisch gesprochen, die rote Zone – früher von den Kommunisten gehalten, heute vom Linkskandidaten Jean-Luc Mélenchon.

Forderungen nach mehr

An diesem Mittwoch ist Mélenchons Wirtschaftsberater Liêm Hoang-Ngoc nach Massy gekommen. Der Sohn vietnamesischer Eltern bringt dem Immigrationsort, in dem Mélenchon vor vier Jahrzehnten politisch groß geworden war, ein paar Wahlversprechen mit: "Wir wollen 15 Prozent mehr Mindestlohn, wir wollen wie früher ein Pensionsalter von 60 Jahren, und wir wollen ein Existenzminimum von 1.000 Euro im Monat."

Ibrahim, einer der gut hundert Zuhörer, will eher wissen, ob Mélenchon als Staatspräsident wirklich aus dem Euro-Währungsverbund aussteigen würde. An der Wand des Versammlungssaals hängt schließlich ein Plakat mit der Inschrift: "Merkels Europa – wir ändern es oder verlassen es!" Hoang-Ngoc druckst herum: "Zuerst wollen wir die EU-Verträge neu aushandeln. Das wäre einfacher und ginge schneller. Aber notfalls ziehen wir uns auch zurück. Technisch böte der Euro-Austritt für Frankreich keine Probleme."

foto: reuters/gonzalo fuentes
Die Bahnlinie RER (Réseau Express Régional) verbindet die Pariser Innenstadt mit den Rändern des Großraums der französischen Hauptstadt – nicht zuletzt eine Reise durch die sozialen Schichten.

Es ist auffällig: Je weiter man sich von der französischen Hauptstadt entfernt, desto unpopulärer ist die Europäische Union. Nach einer einstündigen Fahrt in einem zunehmend leeren Wagon erreicht die RER den Bahnhof Etréchy in der äußersten Zwiebelschale des Pariser Großraums. Die Seine-Metropole scheint hier Lichtjahre entfernt zu sein. In dem verschlafenen Ort würde man vergeblich ein Macron-Komitee suchen. Er ergibt sich lieber dem Front National (FN).

"50 Prozent für Marine"

Hier im Süden von Paris – nicht mehr in der Stadt, aber noch nicht ganz auf dem Land, wo die Arbeit so rar ist wie das Geld – lebt laut dem Soziologen Christophe Guilluy "Frankreichs aussterbende Mittelschicht". Das gesichts- und kernlose Straßendorf macht einen tristen Eindruck.

Eine ausgesprochene Frohnatur ist jedoch François Hélie, der lokale FN-Vertreter. "Als Marine Le Pen 2012 erstmals kandidierte, erhielt sie in Etréchy 16 Prozent", erzählt er voller Begeisterung im Café de la Paix, wo er alle duzt. "Bei den Departementswahlen 2015 kamen wir auf 35 Prozent. Am Sonntag kann Marine in Etréchy mit 50 Prozent rechnen."

Und warum das? Der 42-jährige Polizist, der selber im fernen Paris arbeitet, mag Zahlen: "15 Hauseinbrüche und neun Autodiebstähle pro Monat. Die Kriminellen wissen, dass es hier eine Stunde dauert, bis die Polizei anrückt." Hélie fügt übergangslos an, dass in einem Hotel von Etréchy Flüchtlinge angesiedelt worden seien. "Wir haben hier Roma, Kosovaren, Afghanen."

"Ich bin kein Rassist, aber ..."

Nicht dass er damit etwas sagen wolle – "ich bin kein Rassist, aber die Leute wählen uns, weil sie nicht wollen, dass die Banlieue-Probleme hierherkommen." Um anzufügen, die Einwohner von Etréchy hätten genug andere Probleme und leider keine Arbeit, jedenfalls nicht in der näheren Umgebung. "Aber Marine wird das ändern, wenn sie erst einmal im Élysée-Palast ist. Wir verlassen die EU und werden wieder die Herren im eigenen Haus", freut sich der großgewachsene FN-Mann. Er sei zuversichtlicher denn je. (Stefan Brändle aus Paris, 21.4.2017)

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