Möbel sind für mich wie Kleidung

    4. Mai 2017, 07:50
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    Die Künstlerin Elisabeth Tambwe wohnt und arbeitet in ihrer Wohnung im sechsten Bezirk

    Die Performance-Künstlerin Elisabeth Tambwe lebt mit ihrer Familie in einer Erdgeschoßwohnung im sechsten Bezirk. Die Durchgangszimmer gefallen ihr, weil sie durch sie körperlich und geistig immer in Bewegung bleiben kann.

    "Wir wohnen seit ungefähr zehn Jahren in dieser Erdgeschoßwohnung im sechsten Bezirk. Früher haben wir in einer Wohnung ganz in der Nähe gewohnt, in der aber gerade einmal ein Klavier, ein Bett und noch ein Möbelstück Platz hatten. Als ich schwanger wurde, haben wir beschlossen, eine neue, größere Wohnung zu suchen, um unseren Familienzuwachs willkommen zu heißen. Mittlerweile leben wir hier zu viert.

    foto: daniel gebhart de koekkoek
    Ihr Wohngefühl bezeichnet Elisabeth Tambwe als einen Mix aus ihrer Kindheit in Kinshasa und Frankreich sowie Einflüssen von ihren Reisen.

    In dieser Wohnung haben wir einiges verändern müssen und zum Beispiel ein neues Badezimmer eingebaut. Hier wohnen wir nun nicht nur, sondern hier arbeite ich auch viel: Untertags nutze ich den Esstisch als Arbeitsplatz oder für Meetings. Meine Töchter nehmen in ihrem Zimmer nebenan Klavierunterricht, ich nehme dort Gesangsunterricht. Mir sind Sound und Musik einfach wichtig. Im Haus gibt es auch eine Akkordeonlehrerin und ein Tonstudio, auf der anderen Straßenseite wohnt auch ein Akkordeonspieler. Für mich ist Ton das einzige Element, das sich ohne Grenzen bewegen kann.

    fotos: daniel gebhart de koekkoek

    Was mir an dieser Wohnung gefällt, ist, dass sie aus Durchgangszimmern besteht. Ich finde gut, dass man nicht immer an den Ursprungsort zurückkommen muss, sondern dass man sich von dort, wo man sich gerade befindet, immer weiterbewegen kann. So ist man gezwungen, seine Position immer wieder aufs Neue zu definieren. Das erzeugt, wie ich finde, eine spannende Dynamik.

    Möbel sind für mich wie Kleidung. Es ist wichtig, dass man sich mit schönen Dingen umgibt. Viele unserer Möbel sind vom Flohmarkt am Naschmarkt. Ich mag es, alten Objekten eine zweite Chance zu geben. In unserer Gesellschaft werden Dinge ja so schnell für tot erklärt. Ich möchte diese Gegenstände transformieren, bewegen und verändern. Aber ganz ehrlich: Ich bin in meinem Leben schon oft ohne meine Möbel umgezogen. Ich mag sie, aber ich lasse sie auch gerne zurück. Es ist ja auch wichtig, an neuen Orten neue Dinge zu finden. Ich bin frei.

    foto: daniel gebhart de koekkoek

    Ich arbeite derzeit viel mit Wahrnehmung und damit, dass es dabei um mehr als nur um das bloße Sehen geht. Wenn man sich ein Foto anschaut, dann ist das nur eine Realität von vielen. Ich versuche, mit meiner Arbeit unterschiedliche Realitäten zu zeigen, indem ich die Oberfläche entferne und in ein Bild hineinsteige. Daher ist ein alter Projektor, den ich aus einem Secondhand-Geschäft in der Nähe habe, derzeit so wichtig für mich. Er funktioniert noch immer, und ich finde ihn wunderschön.

    fotos: daniel gebhart de koekkoek
    Nicht wenige Objekte in der Wohnung stammen vom Flohmarkt am Wiener Naschmarkt.

    Die Vergangenheit ist mir wichtig, das sieht man an den alten Fotos in unserer Wohnung, die teilweise noch aus meiner Kindheit im Kongo stammen. Wer mit seiner Vergangenheit umgehen kann, der lebt besser in der Gegenwart. Mein Wunsch ist, dass ich dort, wo ich wohne, auch tatsächlich präsent bin. Viele Menschen träumen ihr Leben lang von einem Haus am Meer und bemerken gar nicht, dass sie eigentlich gar nicht wirklich da sind. Daher habe ich auch keinen Wohntraum – außer vielleicht, dass ein Putzmann hier einmal in der Woche vorbeikommt. Weil wir in einer Erdgeschoßwohnung wohnen, hat es hier bereits, als wir eingezogen sind, Spinnen gegeben. Mir ist wichtig, mit dem respektvoll umzugehen, was schon vor uns da war, und uns stören die Spinnen nicht. Aber manchmal, wenn ich hier Meetings habe, sehe ich plötzlich ein Spinnennetz mitten im Raum, was viele Leute zum Lachen bringt!

    foto: daniel gebhart de koekkoek

    Ich habe in meinem Leben in vielen unterschiedlichen Ländern gelebt und Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt. Unser Wohnen ist ein Mix aus meiner Kindheit in Kinshasa und Frankreich, meinen Reisen nach Afrika und Italien. Unsere Klavier- und Gesangslehrerinnen kommen aus Russland. All das beeinflusst, wie wir wohnen, wie wir Dinge organisieren und sehen.

    Meine Wohnung ist privat – aber ich empfange sehr gerne Gäste, für die ich auch gerne koche. Was unsere Wohnung von anderen unterscheidet, ist, dass man, sobald man hereinkommt, fast im Bad und in der Küche steht. Das sind eigentlich private Wohnbereiche, die man als Gast normalerweise nicht betritt. Wir heißen also von Anfang an Menschen im Herzen unserer Wohnung willkommen." (4.5.2017)

    Elisabeth Bakambamba Tambwe wurde in Kinshasa geboren und wuchs in Frankreich auf, wo sie bildende Kunst an der École des beaux-arts Tourcoing studierte. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie in Wien. In ihren Arbeiten verschränkt sie zeitgenössischen Tanz und Performance mit bildender Kunst und Klang. Ihre Tanzperformances finden oftmals in einem installativ gestalteten Raum statt, der mit Plastiken und Installationen ausgestattet durch die Tanzperformance vom Ausstellungsraum zum Bühnenraum mutiert. Tambwes neue Produktion "Congo Na Chanel" wird im Rahmen der heurigen Wiener Festwochen am 15. Juni uraufgeführt.

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