Die Wohnung wird von Jahr zu Jahr kleiner

    22. Mai 2017, 06:00
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    Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß lebt in einer Wohnung in Salzburg

    Karl-Markus Gauß lebt mit seiner Ehefrau und 12.000 Büchern in einer Wohnung in Salzburg. Schon bald, sagt der Schriftsteller, werden ihn die vielen Möbel und Kunstwerke auf eine imaginäre Reise um die Welt entführen. Geschrieben wird an einem kleinen Schreibtisch im Dachgeschoß.

    "Meine Frau Maresi und ich sind hier 1994 eingezogen, zwar mit zwei Kindern und jeder Menge Bücher, aber angesichts der großen Wohnfläche auch mit dem festen Zutrauen, dass wir nie wieder im Leben über zu wenig Raum klagen werden. Falsch gedacht. Damals hatte die Wohnung knapp weniger als 140 Quadratmeter, doch nun, scheint es, wird sie von Jahr zu Jahr kleiner, und das, obwohl unsere Kinder längst ausgezogen sind. Heute ist die Wohnung so eng wie noch nie.

    foto: daniel gebhart de koekkoek

    Die Zimmer sind voll mit Büchern, außer der Küche und dem Bad. Eingezogen sind wir mit etwa 4000 bis 5000 Büchern. In der Zwischenzeit dürfte der Bestand auf etwa 12.000 angewachsen sein. Überall dort, wo es eine noch freie Wandfläche gibt, hängen Zeichnungen, Grafiken, Drucke, Stiche und Radierungen. Viele von ihnen habe ich als Honorar für meine Vor- und Geleitworte erhalten, die ich für Fotografen und bildende Künstler verfasst habe, nachdem ich in dieser Berufsgruppe ein ziemlich beliebter Autor bin. Es ist daher nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich zu fast allen Kunstwerken in unserer Wohnung eine sehr persönliche Beziehung habe.

    Das Problem ist: Früher hatten wir nur Bücher, die wir uns auch in finanziell engen Zeiten gerne selbst gekauft haben. Heute jedoch kommen alle Tage welche dazu, die mir Verlage zuschicken, einfach weil ich in den letzten 30 Jahren eben auch ein fleißiger Rezensent war und sie darauf hoffen, dass ich dieses Buch bespreche. Wir versuchen, uns mit immer neuen Ablageflächen zu behelfen und die Regel aufzustellen: Sobald ein neues Buch dazukommt, muss ein altes weg. Leider geht das Konzept nicht wirklich auf. Wir bringen es nicht über uns, Bücher wegzuwerfen. Das ist in unserer historischen Genstruktur nicht vorgesehen.

    fotos: daniel gebhart de koekkoek

    Ich mag die Wohnung, weil ich sie als Ausdruck unserer Persönlichkeit empfinde. Besucher spüren das auch so, und manchen von ihnen ist das sympathisch, anderen unangenehm. Unsere Wohnung ist so ziemlich das Gegenteil von kühl gestylt. Wir haben den Dingen gegenüber einen großen Respekt. Die Wohnung ist introvertiert und extrovertiert zugleich, weil mit all den Büchern, Bildern, Dingen ja viel Welthaltiges in diese kleine Welt Einzug gehalten hat.

    Überschaubar O Sogar das Haus hat etwas Internationales. Wir wohnen in Riedenburg, altstadtnah, nicht weit vom Sigmundstor. Errichtet wurde es vom Triestiner Baumeister Jakob Ceconi, der 1885 mit einer 50-köpfigen Truppe an Maurern, Tischlern, Spenglern und Zimmermännern nach Salzburg kam und innerhalb von 20, 30 Jahren an die hundert Häuser gebaut hat. Sein Werk wird heute zwiespältig beurteilt. Manche sagen, das sei eine Allerweltsarchitektur, andere sehen darin etwas sehr Wertvolles. Ich denke, unser Haus war nicht gerade sein Meisterwerk, aber es hat Charme und ist solide – und es liegt großartig mit Blick auf den Mönchsberg und einem großen Garten an der Rückseite.

    fotos: daniel gebhart de koekkoek

    Die gute Lage kommt mir sehr entgegen, bin ich doch ein leidenschaftlicher Zu-Fuß-Geher, kein ländlicher Wandersmann, aber immerhin ein Stadtgänger. Ich habe eine vegetative Freude an der Bewegung und besitze nicht einmal einen Führerschein. Überhaupt muss ich sagen, dass ich Salzburg trotz aller Schelte, die der Stadt regelmäßig widerfährt, für einen Ort halte, an dem man gut leben kann. Oft wurde ich in Interviews gefragt: "Warum wohnen Sie eigentlich immer noch in Salzburg?" Mich ärgert diese Frage. Es ist so, als müsste ich mich dafür entschuldigen, nicht in eine Metropole übersiedelt zu sein. Tatsache ist: Salzburg ist eine angenehme Mittelstadt mit einer relativ guten Überschaubarkeit, ohne dabei an Enge zu ersticken. Und mit so vielen Kulturangeboten, dass es für mich ausreicht.

    Was das Schreiben betrifft: Ein Drittel des Jahres bin ich unterwegs. Und wohl die Hälfte meines literarischen Werks – um ein pathetisches Wort zu gebrauchen – hat mit anderen Ländern und Orten zu tun. Ich bin wirklich gerne unterwegs, aber ich würde mich niemals als Nomaden bezeichnen. Am ehesten bin ich ein sesshafter Reisender. Ich bereite mich auf meine Reisen gut vor, ich nehme sogar gewisse Strapazen in Kauf und genieße das alltägliche Leben an einem anderen Ort. Aber dann bin ich wieder glücklich, zu Hause zu sein, und Schreiben kann und will ich sowieso nur hier, und zwar oben im Dachgeschoß an einem kleinen Schreibtisch im Schlafzimmer.

    foto: daniel gebhart de koekkoek

    Es ist so: Ich arbeite immer am Buch A, recherchiere währenddessen bereits für das nächste Buch B und sinniere nebenbei schon ziellos über das übernächste Buch C. Und dieses übernächste Buch wird den Titel tragen: 'Abenteuerliche Reise durch meine Wohnung'. In der Zeit der Aufklärung gab es das Genre der sogenannten Zimmerreisen. Meist handelte es sich dabei um Texte von Schriftstellern und Philosophen, die aus diversen Gründen gerade unter Hausarrest standen. Und so möchte auch ich mir Hausarrest verordnen und anhand unserer Bücher, Möbelstücke sowie der auf uns von Eltern und Großeltern überkommenen Gerätschaften zugleich meine eigene kleine Welt vermessen und überprüfen, wie viel von der Großen sich darin wiederfindet.

    Ich frage mich, wer aller in den letzten 130 Jahren hier gelebt hat, und bin neugierig, hinter welche Geschichten mich all die Möbel und Gegenstände in dieser Wohnung bringen werden. Mein wirklich ultimativer Wunsch wäre es, im Moment des Sterbens in der Lage zu sein, alles Erlebte, alles Erlernte, alles Erfahrene, alle Menschen, die ich getroffen habe, alle Wohnungen, in denen ich gelebt, und alle Orte, die ich aufgesucht habe, zu einem riesengroßen Bild zusammenzufügen. Am Ende die Fülle!

    Vor mehr als 20 Jahren zog Karl-Markus Gauß mit 4000 bis 5000 Büchern ein. Mittlerweile schätzt er den Bestand auf 12.000 Exemplare.

    Karl-Markus Gauß sagt, dass er und seine Frau Maresi gegenüber den Dingen in ihrer Wohnung großen Respekt hegen. Sein Zuhause bezeichnet der Schriftsteller als introvertiert und extrovertiert zugleich." (22.5.2017)

    Karl-Markus Gauß wurde 1954 in Salzburg geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte und begann schon früh, literarische Essays und Kritiken zu veröffentlichen. Seit 1991 ist er Herausgeber und Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Literatur und Kritik". Er schreibt für die "NZZ" und die "Süddeutsche Zeitung", in der er eine eigene Kolumne hat. In den letzten Jahren hat er v. a. Reisereportagen veröffentlicht. Hinzu kommen politische Notate, Kurzgeschichten sowie kulturgeschichtliche und philosophische Betrachtungen des modernen Lebens. Soeben erschien sein Buch "Zwanzig Lewa oder tot. Vier Reisen" (Paul-Zsolnay-Verlag).

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