Kolumbien: Wie Diana der Guerilla entkam

1. Mai 2017, 09:00
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Landbevölkerung leidet unter fallendem Kokainpreis und Machtvakuum nach Abzug der Farc-Guerilla

Bogotá – Drei Tage war Diana* 2015 im Camp der EPL, der neben Farc und ELN dritten kolumbianischen Guerillabewegung, die sich an der Ideologie des ehemaligen albanischen Diktators Enver Hoxha orientiert. "In meinem Dorf in der Provinz Norte de Santander gab es keinerlei Bildungsmöglichkeiten, und als meine ältere Schwester mit 16 Jahren heiratete, dachte ich mir, dass meine Zukunft nicht so aussehen soll", berichtet die heute 19-Jährige.

Die Anwerber der Guerilla versprachen Kämpferinnen, die sich für fünf Jahre verpflichteten, ein Monatsgehalt von 700.000 kolumbianischen Pesos (etwa 230 Euro, damals mehr als der staatliche Mindestlohn). Im Ausbildungscamp angekommen war davon keine Rede mehr: sie hätten sich schließlich freiwillig gemeldet. Zurück in ihr Dorf wollten sie die Guerillakämpfer allerdings auch nicht lassen: zu groß sei das Risiko, dass sie die Armee über die Lage des Stützpunkts informieren könnte, wurde ihr erklärt.

Erst als am zweiten Tag Angehörige in Begleitung des ganzen Dorfes um 6 Uhr morgens vor dem Camp auftauchten und erklärten, Dianas Mutter liege schwerkrank darnieder, erlaubte ihr der Kommandant einen dreitägigen Besuch bei ihrer Familie, berichtet Diana.

Zuflucht in der Hauptstadt

Diesen nutzte sie zur Flucht und fand in einem Heim der NGO "Benposta" Zuflucht. Insgesamt 120 Minderjährige betreut die Organisation in der Hauptstadt Bogotá.

Sie würde gern in ihr Dorf zurückkehren, erzählt Diana, obwohl es von Seiten der Guerilla Morddrohungen gegen sie gab. Ihr Traum sei, dort ein Jugendzentrum zu eröffnen. Die wirtschaftliche Lage auf dem Land hat sich allerdings seit ihrer Flucht weiter verschlechtert: Zahlten die Aufkäufer der drei Guerillabewegungen früher 2,5 bis 2,8 Millionen Pesos (zwischen 915 und 815 Euro) für ein Kilogramm Kokapaste, fällt der Preis mittlerweile wegen des Überangebots auf bis zu eine Million Pesos (326 Euro), wodurch es für die Betreiber der kleinen mobilen Drogenlabors nicht mehr rentabel ist, die benötigten Zutaten anzukaufen.

Rekord-Kokainproduktion

Die Kokainproduktion in Kolumbien erreichte 2016 einen neuen Höchstwert: Im Jahr 2015 lag diese laut Schätzungen des US-Außenministeriums bei 465 Tonnen, 2016 sollen es der gleichen Quelle zufolge 700 Tonnen gewesen sein.

Dafür gibt es mehrere Ursachen: Als Regierung und Farc-Guerilla in Havanna den Friedensvertrag unterzeichneten, hofften viele Coca-Bauern auf eine staatliche Entschädigung, falls sie auf den Anbau verzichten. Da diese im Regelfall anhand der Anbaufläche berechnet wird, vergrößerten sie diese noch schnell. Außerdem ist der Goldpreis eingebrochen, was den illegalen Bergbau, eine weitere wichtige Einnahmequelle in schlecht erschlossenen Regionen, unrentabel macht.

Hanf statt Coca

Dianas 17-jähriger Kamerad Jesús, der sich im Alter von 14 Jahren der Farc-Guerilla anschloss und drei Gefechte miterlebte, bis ihm die Flucht gelang, berichtet, dass viele ehemalige Coca-Bauern in seiner Heimatstadt Toribío im Bundesstaat Cauca mittlerweile auf Hanfanbau setzen. 300.000 Pesos (97 Euro) bringt ein Kilo getrocknete Blüten.

In der ehemaligen Hochburg der Farc, berichtet Jesús, hat die Guerilla bei ihrem Abzug ein Machtvakuum hinterlassen. Seit Monaten, erzählt er, zirkulieren Flugblätter der ELN-Guerilla, die die Waffen noch nicht abgelegt hat. Eine mit bemalten Stöcken bewaffnete indigene Bürgerwehr bemüht sich, Bewaffneten den Zugang zu verweigern, der kolumbianische Staat hat es bisher nicht geschafft, eine dauerhafte Präsenz außerhalb der Bevölkerungszentren aufzubauen.

Laut Angaben der Agentur "Pandi" wurden bisher 7,722 Kinder und Jugendliche erfasst, die Mitglieder der Guerilla oder paramilitärischer Gruppen waren. Die Rekrutierung von Unter-15-Jährigen stellt laut Internationalem Strafgerichtshof ein Kriegsverbrechen dar, die Uno legt die Altersgrenze mit 18 Jahren fest. (Bert Eder aus Bogotá, 01.05.2017)

* Namen auf Wunsch der Interviewpartner geändert

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Kolumbien wurde vom European Journalism Centre (EJC) finanziert.

  • Diana und Jesús im Büro der EU-Vertretung in Bogotá. Da das kolumbianische Gesetz einen besonderen Schutz für Minderjährige vorsieht, waren nur Gegenlichtaufnahmen erlaubt.
    foto: felipe abondano bernal

    Diana und Jesús im Büro der EU-Vertretung in Bogotá. Da das kolumbianische Gesetz einen besonderen Schutz für Minderjährige vorsieht, waren nur Gegenlichtaufnahmen erlaubt.

  • Gerichtsverfahren der Indigenen-Garde gegen Farc-Kämpfer, Toribío, November 2014
    foto: reuters

    Gerichtsverfahren der Indigenen-Garde gegen Farc-Kämpfer, Toribío, November 2014

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