Mark Lanegan: Der Blues der fitten Jahre

    20. April 2017, 07:00
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    Die letzten Alben haben seine Reputation eher beschädigt als befördert. Für das nun erscheinende "Gargoyle" hat der US-Sänger ein paar befreundete Kapazunder um Mithilfe gebeten. Gute Entscheidung

    Wien – Es zählt zu den Grausamkeiten der schönen Künste, dass ihre zwingendsten Arbeiten oft dann entstehen, wenn es ihren Schöpfern schlecht geht. Das Klischee der geschundenen Kreatur, die im Zustand existenzieller Widrigkeiten die wahrhaftigste Kunst erschafft. Als Antithese sei der Tragöde Roy Orbison angeführt. Der Mann hat ein paar der traurigsten Lieder aller Zeiten geschrieben. Er soll gesagt haben, er könne nur Songs schreiben, wenn es ihm richtig gut gehe. Wenn es ihm schlecht ginge, könnte er bloß leiden.

    foto: heavenly records / pias
    Mark Lanegan im Sonnenschein. Sein Spitzname Dark Mark macht klar: Es handelt sich um eine gestellte Aufnahme. Was man für ein neues Album nicht alles tut.

    Von den dunklen Brillen Orbisons zu den Shades des Mark Lanegan ist es nicht weit. Lanegan veröffentlicht mit der Mark Lanegan Band nächste Woche das Album Gargoyle. Das Werk des US-Sängers stützt eher die erste These. Als Urgestein des US-amerikanischen Undergroundrock der 1980er hat er sich einen Namen als schwieriger Charakter gemacht. Seit er mit der Band Screaming Trees bei dem damals als heilige Adresse geltenden Label SST Alben veröffentlicht hat, ließ sich ein selbstzerstörerischer Zug an ihm festmachen.

    Anders als sein Freund Kurt Cobain hat er den Kommerz der frühen 1990er aber überlebt. Später war er assoziiertes Mitglied der Queens of the Stone Age und als Gastsänger auf ihren wichtigsten Alben zu hören. An die 25 Jahre lang legte er sich mit den dunkelsten Seiten des Rock-'n'-Roll-Lifestyle an und überlebte. Knapp.

    Seine losen Verbindungen zu Musikern und Bands schlugen in den letzten 15 Jahren mit vielen Kollaborationen zu Buche. Von den Duetten mit Isobel Campbell über die sinisteren Elektroniker Soulsavers bis zu Auftritten auf Alben des in Vorarlberg lebenden Musikers Matt Boroff – Lanegan war umtriebig. Fit, mit doppeltem Espresso als letzter verbliebener Droge. Spuren der verschwendeten Jahre finden sich auf seinen tätowierten Handrücken und in seiner Stimme.

    Lanegans Stimme ist sein Kapital. Wenn jemand einen verrauchten Bariton braucht, läutet bei dem 52-Jährigen das Telefon. Seine Solokarriere litt mitunter an seiner Bereitschaft, auf solche Anfragen meist mit "Ja" zu antworten. Es schien, als würde er für eine Handvoll Dollar alles machen. Darunter litt die Qualität seines Outputs.

    Alte Freunde und Schlaftabletten

    Lanegans erste Soloarbeit datiert mit 1990. Bevor sein Debüt The Winding Sheets erschien, kam die Single Down In The Dark auf den Markt, bei der ein gewisser "Kurdt Kobain" Background sang. Aus dieser Zeit resultiert Lanegans Spitzname Dark Mark.

    Das Schattseitige prägt seine Kunst wie sein Interesse am Blues. Zuletzt erschienen seine Alben jedoch schrecklich halbherzig. Werke wie Imitations oder Phantom Radio waren halbgare Fingerübungen, nicht viel mehr als ein Vorwand, wieder auf Tour zu gehen. Dabei spielten seine Livebands mitunter so schlecht, dass Lanegan während eines Konzerts im Wiener Theater Akzent die Bühne verließ und die Band aufforderte, sich "tha fuck" doch ein wenig am Riemen zu reißen.

    marina c

    Das nun erscheinende Gargoyle ist frei vom Geruch billiger Leiharbeiter. Josh Homme von Queens of the Stone Age spielt Gitarre, ebenso Greg Dulli von den Afghan Whigs, alte Haberer und Qualitätsgaranten. Mit dabei ist Duke Garwood, der in der Vergangenheit jedoch eher als Schlaftablette auf Lanegans Musik wirkte. Neu ist die Zusammenarbeit mit Rob Marshall, einem britischen Musiker.

    Gargoyle setzt dort an, wo Lanegan nach Blues Funeral 2012 der Faden riss. Bluestriefende Rockmusik, unterfüttert von elektronischen Rhythmen, wabernden Orgeln, die nichts Gutes verheißen. Das geht sich bis auf eine Nummer aus. In Drunk On Destruction tauchen Drum and Bass aus der Klasse von 1997 auf, leider peinlich.

    Dafür ist ihm mit Emperor ein kleiner Hit gelungen. Ein fast schon unbotmäßig fröhlich klingender Dreiminüter, in dem es dennoch um gebrochene Herzen und Dämonen geht, muss ja. Ein Titel wie Nocturne steht wieder in der Nähe der Arbeiten, die er mit den Soulsavers veröffentlichte, das mäandernde Sister besitzt mit dem Saxofon gegen Ende fast schon Roxy-Music-Qualitäten.

    Gute Neuigkeiten also im Hause Lanegan. Wenn er nun noch eine Liveband zusammenstellt, die ihn nicht selbst von der Bühne treibt, ist alles gut. (Karl Fluch, 20.4.2017)

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