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Reportage7. Mai 2017, 12:00

In Regau hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Und je seltener man nach Hause fährt, desto deutlicher wird es einem. Die Autobahnabfahrt gibt es, seit ich denken kann. Aber selbst die hat sich verändert. Ein Kreisverkehr statt der Abbiegespuren. Und ein großer Baumarkt steht neuerdings gegenüber der Abfahrt.

Links geht’s nach Gmunden am Traunsee, rechts nach Vöcklabruck, Einkaufsstadt und selbsternanntes Tor zum Salzkammergut. Wer also in Regau von der Westautobahn abfährt, fährt häufig nicht nach Regau. Aber wer in die Bezirkshauptstadt Vöcklabruck will, muss zwangsläufig durch Regau fahren.

foto: riezinger
Die Pfarrkirche markiert das Zentrum von Regau.

Regau zieht sich. Mit knapp 34 Quadratkilometern ist die Gemeinde ungefähr so groß wie der 14. Wiener Gemeindebezirk. Links und rechts der Salzkammergutstraße (B 145) reiht sich ein Ortsteil an den anderen. Hinterbuch, Neudorf, Stölln, Oberkriech, Unterkriech, Dorf, Rutzenmoos, Alm, Himmelreich, Dietlsiedlung, Buchbergsiedlung.

Ein Zentrum, das nicht viel bietet

Nach mehr als fünf Kilometern erreicht man das Zentrum von Regau. Wie viele andere Ortszentren erkennt man es unschwer am Kirchturm und an der Raiffeisenbank. Ansonsten bietet es nicht viel. Eine Trafik, zwei Wirte, einen Friseur, ein Cafe. Das Cafe gab es früher nicht, dafür ein Postamt. Das hat vergangenes Jahr zugesperrt. Und der Billa, der vor kurzem noch im Zentrum war, ist um ein paar Hundert Meter, an die Ortseinfahrt im Westen übersiedelt. Jetzt ist er von der Bundesstraße aus sichtbar.

Wer auf der verkehrsstarken B 145 weiter Richtung Vöcklabruck fährt, kommt am Gesundsheitszentrum und am Kinocenter vorbei. Ende 2004 wurde das "Star Movie" samt Bars und Diskotheken eröffnet. Damit hat Regau Vöcklabruck etwas voraus. Seit das Austria Kino im Jahr 2000 geschlossen hat, hat die Bezirkshauptstadt kein fixes Kino mehr. Und da Regau viel Fläche hat, wurde auch sonst viel grüne Wiese verbaut. Kurz bevor man den Fluss Ager, der die Grenze zu Vöcklabruck markiert, überquert, findet sich links und rechts der Bundesstraße ein Gewerbezentrum. Angesiedelt hat sich etwa ein Fachmarkt für den landwirtschaftlichen Bedarf, ein Blumenmarkt und ein großes Autohaus.

derstandard.at

Man habe die Firmen nicht abgeworben, heißt es von Seiten der Gemeinde auf Anfrage. Der Trend des Bauens auf der grünen Wiese sei ein allgemeiner. Und außerdem besteche Regau durch seine gute Lage. Regau liegt verkehrsgünstig, grenzt direkt an die Einkaufs- und Schulstadt Vöcklabruck und das Salzkammergut liegt vor der Tür. Deshalb durfte sich die Gemeinde auch über regen Zuzug freuen. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Einwohnerzahl um 14 Prozent auf knapp 6600.

Die Tierkörperverwertung steht nicht in der Auslage, dafür schon seit 1945. Eine Tierkörperverwertung dient nicht unbedingt als Imagepolitur für einen Ort. Aber die TKV macht Regau in Oberösterreich, nun ja, einzigartig. Wenn man Regau außerhalb eines Umkreises von 50 Kilometern für etwas kennt, dann für die Autobahnabfahrt und/oder für die TKV.

Regau steht zuweilen als Synonym für die TKV. Wer ein totes Tier hat, sagt: "Bring ma’s nach Regau!" Da kommt etwas zusammen. 400 bis 500 Tonnen tote Tiere und Schlachtabfälle landen täglich in dem Betrieb.

Er ist eine von nur vier Tierkörperverwertungen in Österreich. Sämtliche gefallene Tiere aus Oberösterreich landen in Regau und werden hier umgeladen. Die Sammlung ist per Landesgesetz geregelt. Bei Schlachtabfällen herrscht freier Markt. Auch Abfälle aus dem Ausland können in Regau landen. "Wenn der Transport nicht zu weit ist", sagt Johann Auer, Geschäftsführer der TKV, "weil die Ware durch stundenlangen Transport nicht besser wird".

foto: riezinger
Die Tierkörperverwertung steht in Regau nicht in der Auslage. Wahrgenommen wird sie über den Geruch – vor allem in den Sommermonaten.

Noch fahren die Lkw durch den Ortskern zu der Betriebsstätte, die recht unscheinbar, fast versteckt, zentrumsnah, am Rande der Bauernfeindsiedlung, liegt. Aber noch heuer bekommt die TKV eine Zufahrtsstraße außerhalb des Ortskerns. Die Bewohner atmen auf. Das können sie nicht immer. "Natürlich nimmt man uns über den Geruch wahr", sagt Auer, "vor allem in den Sommermonaten". Aber die Geruchsbelästigung sei nicht mehr so schlimm wie früher. "Wir investieren laufend und viel in die Abluft sowie in die Abwasserreinigung."

Im Betrieb selbst ist die unangenehme Geruchsnote ständiger Begleiter. Nicht jedermanns und jederfraus Sache. "Manche gehen sofort wieder raus und sagen: ‚das ist nichts für mich‘", erzählt Betriebsleiter Gerhard Klein. Der Regauer hat sich an den Geruch gewöhnt. "Natürlich riecht die Kleidung am Abend etwas – aber nicht anders als bei einem Metzger."

Geringe Fluktuation

Mit knapp 100 Mitarbeitern gehört die TKV zu den fünf stärksten Arbeitgebern Regaus. Die Fluktuation ist laut Geschäftsführer Auer gering. "Neue Leute zu finden ist für uns schon eine Spur aufwändiger, als für ein anderes Unternehmen."

Im Dreischichtbetrieb wird die Produktion überwacht. Aus den Schlachtabfällen wird Tiermehl, Tierfett und Blutmehl. Außer den Häuten wird in Regau praktisch alles, von den Innereien bis zu den Federn, vom Blut bis zu den Knochen, verarbeitet. Seit 2013 ist Regau ein Kategorie-3-Betrieb, das heißt es werden hauptsächlich Schlachtnebenprodukte und Blut verarbeitet. Die gefallenen Tiere werden seit damals ins Burgenland (Kategorie-1-Betrieb) gebracht, wo sie in erster Linie zu Ersatzbrennstoff verarbeitet werden.

foto: tkv
Was aus den Schlachtabfällen wird: Tiermehl, Tierfett und Blutmehl.

Früher wurde Tiermehl an Nutztiere verfüttert. Dies wurde 2001 infolge des BSE-Skandals verboten. Die Tierkörperverwertungen mussten sich neue Verwertungsmöglichkeiten für ihre Produkte einfallen lassen. Das in Regau produzierte Tiermehl wird nun als organischer Dünger eingesetzt, das Blutmehl wird teilweise dazugemischt oder für die Produktion von Haustierfutter verwendet. Tierfett dient als Ersatzbrennstoff.

Aber was, außer dem Geruch, hat Regau von der TKV? "100 sichere Arbeitsplätze", sagt Auer. So mancher Betrieb in Regau konnte in der Vergangenheit expandieren, so mancher geriet aber auch ins Trudeln oder musste zusperren. Die TKV ist zwar nicht der angesehenste, aber wohl der konstanteste Arbeitgeber des Ortes.

Außerdem, sagt Auer, könnte schon bald die Abwärme des Betriebs als Fernwärme genutzt werden. Und das Image des Unternehmens sei viel besser als noch vor Jahrzehnten. "Regau", sagt Auer, "leidet sicher nicht unter der TKV."

Geschäfte finden sich in Regau eher nach Ortsende.

Interview

In vier Stunden wird die Katze zu Mehl

Johann Auer, Geschäftsführer der TKV OÖ, über die Verwertung von toten Tieren und Schlachtabfällen

Standard: Wie lange dauert es, bis eine Katze zu Mehl wird?

Auer: Die toten Tiere werden in der burgenländischen TKV verarbeitet. Ich würde sagen, ab der Abladung dauert es vier Stunden. Sie läuft durch mehrere Maschinen durch, wird zerkleinert, getrocknet. Bei einem toten Tier hat man ungefähr 25 Prozent Mehl. Das heißt, wenn ein Tier 100 Kilo hat, bleiben 25 Kilo Mehl übrig, ungefähr zwölf Kilo Fett, der Rest ist Wasser.

foto: tkv oö
Johann Auer ist seit 2005 Geschäftsführer der TKV Regau.

Standard: Aus den toten Tieren bzw. den Schlachtabfällen entstehen Tiermehl und Tierfett. Wo werden diese Produkte eingesetzt?

Auer: Tiermehl der Kategorie 1 (Anm. von gefallenen Tieren) wird als Ersatzbrennstoff verwendet und verbrannt. Tiermehl der Kategorie 3 (Anm. von Schlachtabfällen) wird zu Düngemittel verarbeitet.

Auer öffnet eine Dose mit Tiermehl.

Standard: Das riecht aber schon ein bisschen streng…

Auer: Ja natürlich.

Standard: Wofür wird das Tierfett verwendet?

Auer: Als Ersatzbrennstoff, für Biodieselanlagen.

Standard: Kann ich das auch privat verwenden?

Auer: Nein. Der Abnehmer muss zertifiziert sein, da kann nicht irgendjemand kommen, und sich ein Fett oder ein Mehl abholen. Wir wollen wissen, wo das hingeht.

Standard: Und was passiert mit dem Blutmehl?

Auer: Das wird zum Teil dem Tiermehl der Kategorie 3 beigemengt, damit der Proteingehalt höher wird. Oder es wird für die Produktion von Haustierfutter verwendet.

Standard: Wie geht es dem Unternehmen grundsätzlich?

Auer: Uns geht’s gut. Der Betrieb funktioniert – durch das Personal, die maschinellen Erneuerungen. Es passt. (Birgit Riezinger, 6.5.2017)

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Über die Serie "Heimfahrt"

Themen wie sterbende Ortskerne, Zersiedelung, Speckgürtel, Stadt- oder Landflucht stoßen auf großes Interesse bei unserer Leserschaft und sorgen für rege Debatten in den Foren. Der STANDARD versucht mit der Serie "Heimfahrt" nun noch stärker hinauszugehen. Wir verlassen die Wiener Blase und zoomen auf Steyr, Hannersdorf oder Lustenau. Redakteurinnen und Redakteure, die wie auch die Leserinnen und Leser vielfach entweder vom Land kommen oder zumindest eine enge Beziehung zur Provinz haben, werden mit Reportagen, Interviews, Porträts oder Features Aspekte aus ihren Heimatgemeinden – Dörfern wie Kleinstädten – beschreiben, die online mit Video- und Datenjournalismus aufbereitet werden. Ziel: noch mehr qualitätsjournalistische Mosaiksteine zur Vermessung Österreichs. (ras)

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