Zahnweh machte "den Geist und die Dunkelheit" zu Menschenfressern

19. April 2017, 11:00
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Neue Studie zu den "Tsavo Man-Eaters": Nahrungsmittelknappheit war nicht der Grund für Löwenattacken auf Menschen

Nashville – Der Film "Der Geist und die Dunkelheit" machte sie 1996 weltberühmt, doch vielen ist nicht bewusst, dass der Hollywood-Reißer mit Val Kilmer und Michael Douglas auf einer wahren Begebenheit beruht: 1898 kamen am Fluss Tsavo bei Gleisverlegungen für die Uganda-Bahn im Südosten des heutigen Kenia Dutzende Menschen durch Löwenangriffe ums Leben. Je nach Quelle sollen 28 bis 135 Gleisarbeiter einem Löwenpaar zum Opfer gefallen sein – als realistischer gilt die niedrigere Zahl.

foto: the field museum
Ende der Angriffe: John Patterson posiert mit einem der erlegten Löwen.

Erst der britische Oberstleutnant John Patterson konnte die "Tsavo Man-Eaters" erlegen. Die beiden Löwenmännchen – anders als im Film handelt es sich um mähnenlose Exemplare – wurden ausgestopft und sind seit 1924 im Field Museum of Natural History von Chicago zu sehen. Zuvor hatten ihre Häute ein Zwischenspiel als Bettvorleger in Pattersons Eigenheim hingelegt.

Hypothesen

Die Frage, was die Tiere dazu trieb, sich auf die auch für Großkatzen ungewöhnliche Beute Mensch zu konzentrieren, blieb lange unbeantwortet, Hypothesen gab es mehrere. Laut einer aktuellen Studie in "Scientific Reports" sollen die Attacken nicht die Folge von Nahrungsmittelknappheit in der Region gewesen sein, wie zumeist angenommen wurde. Stattdessen sei es die einfachste Lösung für ein Problem gewesen, mit dem zumindest einer der Löwen zu kämpfen hatte: Zahnschmerzen.

foto: bruce patterson and jp brown, the field museum
Bei einem der Löwenschädel diagnostizierten Forscher ein schadhaftes Gebiss.

Analysen der Gebisse der beiden Tiere wiesen darauf hin, berichten Larisa DeSantis von der Vanderbilt University in Nashville und Bruce Patterson vom Field Museum. Zusätzlich wurde ein dritter Löwe, der 1991 mindestens sechs Menschen in Sambia gefressen haben soll, untersucht – auch bei ihm wurden Probleme im Gebiss festgestellt. Ähnliches hatte man zuvor schon bei einigen Fällen von menschenfressenden Tigern und Leoparden in Indien beobachtet.

Leichte Beute Mensch

Bei einem der Tsavo-Löwen, der deutlich mehr Angriffe auf Menschen als sein Jagdgefährte verübt haben soll, wurde eine Wurzelentzündung entdeckt, die die Jagd auf herkömmliche Beutetiere extrem erschwert oder sogar unmöglich gemacht habe, erklärten die Forscher. Attacken auf weitgehend wehrlose und – so makaber es auch klingt – weich zu beißende Menschen seien ihm deutlich leichter gefallen.

Bei ihrer Ananlyse fanden die Forscher zudem heraus, wovon sich die Tiere in den Tagen und Wochen vor ihrem Tod noch ernährten: Der zweite Tsavo-Löwe habe gesündere Zähne gehabt und auch Zebras und Büffel erlegt – dafür tötete er weniger Menschen. Dass es diese Beutetiere gab, spreche ebenfalls dagegen, dass Nahrungsknappheit die Attacken auf Menschen ausgelöst hat. (APA, red, 19. 4. 2017)

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"Löwen tun so etwas nicht." Der Hollywoodfilm setzte auf eine Öko-Botschaft mit einem kleinen Touch des Übernatürlichen. Die Wirklichkeit sah offenbar etwas prosaischer aus.
  • Seit fast 100 Jahren sind die beiden ausgestopften Löwen in Chicago zu sehen.
    foto: john weinstein, the field museum

    Seit fast 100 Jahren sind die beiden ausgestopften Löwen in Chicago zu sehen.

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