Carl Manner ist tot

19. April 2017, 09:57
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Der Aufsichtsratschef und Enkel des Firmengründers starb im Alter von 87 Jahren. Über einen großen Unternehmer, der sich selbst nie so wichtig nahm

Wien – "Ich bin ein zufriedener Mensch. Und ich hoffe, ich habe das aus mir herausgeholt, was in mir drin war": Carl Manner sah in seiner gleichnamigen Schnittenproduktion in Wien-Hernals mehr als 60 Jahre lang nahezu täglich nach dem Rechten, prüfte die Zahlen, hielt die Leute zusammen. Als Integrationsfigur habe er wenigstens etwas zu tun, sagte er im Gespräch mit dem STANDARD im Sommer vor einem Jahr verschmitzt. Mittwochfrüh ist Manner im Alter von 87 Jahren in Wien verstorben.

Sich selbst nahm der Enkel des Firmengründers, ein umfassend gebildeter Gentleman der alten Schule, nie so wichtig, Äußerlichkeiten bedeuteten ihm wenig, erzählen Weggefährten. Sein Unternehmen selbst hielt er jedoch mit allen Kräften und Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen, zusammen.

Liebe zur Mathematik und Musik

Manner wurde 1929 in Wien geboren. Im Gymnasium maturierte er 1947 mit Auszeichnung. Auf der Uni Wien promovierte er in Mathematik und Physik. Die Mathematik blieb seine Leidenschaft, die Musik wurde seine große Liebe. Sein Vater bangte, ihn an die Kunst zu verlieren, weil es ihn als Jugendlicher täglich in die Oper zog. "Ich bin ein musischer Mensch, kein Kaufmann", sagt er von sich selbst. "Und ich bin nicht so unmusikalisch, dass ich glauben würde, meine Begabung reiche für die Musik aus."

1953 stieg Manner ins Familienunternehmen ein. 38 Jahre lang arbeitete er im Vorstand, 15 Jahre lang als Vorstandschef, ehe er 2008 in den Aufsichtsrat wechselte, dessen Vorsitz er bis zuletzt innehatte. Soziale Einstellung, psychologische Begabung und die Fähigkeit, rechnen zu können, waren aus seiner Sicht das wichtigste Handwerkszeug eines Unternehmers. Kurzfristiges Denken in Quartalsergebnissen war ihm fremd. Und eine Kultur, in der Planergebnisse wichtiger scheinen als Istergebnisse, hielt er für Unsinn.

Einer der letzten in Familienhand

Manner schaffte es, seine mundgerechten Schnitten in altrosa Verpackung international zu vermarkten und um Marken wie Ildefonso zu bereichern. In der Süßwarenbranche blieb sein Konzern trotz zahlreicher Avancen großer Rivalen einer der letzten in Familienhand. Zwar kooperierte man in Ungarn kurz mit Nestlé. "Aber das passte nicht zusammen", sagte Manner. "Das ist eine andere Denkweise." In einer Flut von Marken unterzugehen sei für ihn ein schrecklicher Gedanke, bekannte er im STANDARD ein andermal. "Das freiwillig zu tun, nur um auf einem Topf Geld zu sitzen und über dessen Anlage nachzudenken – das ist keine Beschäftigung."

Mit 750 Mitarbeitern setzt der seit mehr als 100 Jahren börsennotierte Konzern mehr als 190 Millionen Euro um und erzielt Gewinne. Bescheiden sein, aber still und leise doch ein bisserl was erreichen wollte Manner, dessen Aktien nun in seine Stiftung übergehen, die mit jener anderer Familienmitglieder wechselseitig verschränkt ist. Seine Familie sei stets das Unternehmen gewesen, eine eigene zu gründen habe er leider versäumt, erzählte er. Nachsatz mit Schmunzeln: Er sei halt eher schüchtern gewesen und habe sich lieber versteckt, als das öffentliche Licht zu suchen. Seine eigenen Schnitten gönnte sich Manner im Übrigen nur in Maßen. "Wenn ich Hunger habe, ess ich ein paar." Aber eigentlich liege ihm eher das Cremige als das Knusprige.

"Nichts ist von Dauer"

Einfacher wurde das Umfeld nicht. Der Markt- und Preisdruck stieg. Ein Neubau nach dem Teileinsturz eines alten Gebäudes am Stammsitz in Wien, der nach wie vor stets in eine süße Duftwolke gehüllt ist, führte zu hohen finanziellen Belastungen. Ein Zweigbetrieb wurde geschlossen. Und die Familien, in deren Hand Manner seit drei Generationen ist, versuchten immer wieder auseinanderzustreben. Aber das Flöhehüten sei er gewohnt, meinte Manner, der in den vergangenen Jahren auf Schritt und Tritt von seinem Airedale Terrier begleitet wurde, nüchtern. Irgendwann könne natürlich alles auseinanderfliegen, das könne er nicht verhindern. "Sterben müssen wir, sterben müssen Marken. Nichts ist von Dauer." (Verena Kainrath, 19.4.2017)

  • Carl Manner: "Ich hoffe, ich habe das aus mir herausgeholt, was in mir drin war."
    foto: manner/bernhard noll

    Carl Manner: "Ich hoffe, ich habe das aus mir herausgeholt, was in mir drin war."

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