Der Vatikan will in Medjugorje für Ordnung sorgen

Reportage19. April 2017, 13:00
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Ein Gesandter soll bis Sommer die pastorale Betreuung der nicht anerkannten Pilgerstätte planen

Henryk wie? Ein Gesandter der Vatikans? Nein, noch nie gehört. – Die allermeisten Pilger wissen nichts von Henryk Hoser, dem Erzbischof von Warschau, der vom Papst kürzlich in das herzegowinische Dorf geschickt wurde, um zu erkunden, wie der Pilgerort künftig pastoral betreut werden soll. Den Wallfahrern ist es auch egal, dass die katholische Kirche die Erscheinungen der "Gospa" – wie Maria hier genannt wird und von der sechs Jugendliche erstmals vor 36 Jahren berichtet haben –, nie anerkannt hat. Viele kommen seit Jahren hierher. Medjugorje ist für sie ein zentraler Bestandteil ihres Glaubens geworden. Andere kommen, weil sie sich für Wundersames interessieren.

Constantina S. ist "nur aus Neugierde" gekommen. "Ich bin gerade auf einer Kreuzfahrt, und wir hatten die Möglichkeit, einen Abstecher hierher zu machen", erzählt die 63-jährige Rumänin. "Ich wollte wissen, ob ich hier etwas spüre", meint sie. "Aber bisher spüre ich leider nichts", fügt sie flüsternd hinzu. Constantina S. ist eine von etwa einer Million Pilgern, die jährlich in den Marienwallfahrtsort Medjugorje in die Herzegowina kommen. "Das ist ziemlich kommerzialisiert hier", findet die blonde Dame, die von der Sonne bereits gebräunt ist und fast sommerlich aussieht. "Aber für die lokalen Leute ist das sicher ein super Geschäft", meint sie.

foto: adelheid wölfl
Souvenirgeschäfte sind an jeder Ecke von Medjugorje zu finden.

Marienstatuen in allen Größen

Nebeneinander sitzen drei müde Gipsengelchen, ihr Kinn auf die Hände gestützt. Zehn Zentimeter große, 20 Zentimeter große, 40 Zentimeter große, ein Meter große und noch größere Marienstatuen stehen am Straßenrand: dunkle Haare, weißer Schleier, blaues Kleid, Blick nach unten. Im nächsten Laden gibt es neben den Statuen auch Spazierstöcke, Holzkreuze, Pölsterchen mit der St. Jakobskirche von Medjugorje drauf, Rosenkränze, Armbänder mit Kreuz-Silbermedaillen, Heiligengemälde, Fächer, T-Shirts, kroatische Flaggen. Ganze Straßenzüge in dem herzegowinischen Dorf bestehen aus immer denselben Souvenirläden. Die Saison hat gerade begonnen. Überall wird gebaut. Ein Bus aus Eisenstadt biegt gerade um die Ecke.

Angela und Otto Binder aus Wien können nachvollziehen, dass der Vatikan für neue Regeln sorgen will. Sie stehen im Schatten hinter der Kirche. "Der Spagat zwischen der Tatsache, dass ganze Pfarren hierher reisen, dies aber offiziell gar keine Wallfahrten sein dürfen, ist zu groß geworden", meint Herr Binder. Der Vatikan will nun die Seelsorge vor Ort in die Hand nehmen, die Pilgerstätte dürfte deshalb als "internationale Gebetsstätte" anerkannt werden. Die Franziskaner, die die Pfarre leiten, könnten damit unter Aufsicht gestellt werden, die Jurisdiktion von Mostar nach Rom verlagert werden.

foto: adelheid wölfl
Die Pilgerstätte in Herzegowina wird von der katholischen Kirche nicht anerkannt.

Rolle der Franziskaner

"Wir brauchen mehr internationale Priester hier, und die müssen eine Erlaubnis bekommen", erzählt die Nonne, die hier die deutschen Gäste betreut, von ihren Wünschen an Hoser. "Wir haben bisher zum Beispiel keinen deutschsprachigen Priester vor Ort und einen solchen kann der Bischof in Mostar ja gar nicht entsenden." Hoser ist laut dem Vatikan nicht dafür zuständig, die "Authentizität der marianischen Erscheinungen" zu erkunden. Er soll nur Ordnung in das herzegowinische Chaos bringen. Denn Franziskaner, ehemalige Franziskaner und charismatische Gruppen – sie alle wollen die Pilger betreuen. Die Amtskirche in Mostar stellt sich seit 36 Jahren gegen den Rummel um die Erscheinungen und die "Seher", die von den Franziskanern "betreut" werden.

Der Religionstourismus nach Medjugorje wuchs in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur unkontrolliert von der Amtskirche, sondern auch abseits der schwachen bosnischen staatlichen Strukturen. Dabei wissen die Bosnier natürlich, dass Medjugorje so etwas wie ein "Goldbergwerk" geworden ist. Vencel Čuljak, der im Jahr 2014 seine Dissertation über die Tourismusdestination geschrieben hat, geht lokalen Medien zufolge von einem geschätzten Umsatz von 2,85 Milliarden Euro zwischen 1981 und 2013 aus. Jährlich geht es um 90 Millionen Euro. Laut den Forschungen von Čuljak sollen allerdings nur 32 Prozent des Umsatzes legal sein – der Rest lief an der Steuer vorbei. Auch der Anteil der Schwarzarbeit soll in Medjugorje bei 58 Prozent liegen.

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Laut Schätzungen hat der Religionstourismus Milliarden an Euro abgeworfen.

Illegale Bauten

Allein mit der Tourismustaxe (ein Euro pro Nacht) könnte der Staat jährlich 600.000 Euro einnehmen, doch verbucht werden laut der Gemeinde Čitluk, zu der Medjugorje gehört, jährlich 117.000 Euro. Zudem ist anzunehmen, dass Millionen an nicht entrichteter Mehrwertsteuer dem Staat entgingen – der das Geld dringend nötig hätte. Laut Čuljak dürften auch mehr als die Hälfte der Wohn- und Geschäftsgebäude in Medjugorje illegal erbaut worden sein. Selbst in der Ortsmitte werden soeben neue Gebäude hochgezogen. Rund um Medjugorje entstehen ganze Siedlungen für Touristen.

Der Papst selbst äußerte sich 2013 kritisch. Bei einer Kurzpredigt kritisierte er Christen, die sich an Erscheinungen klammern würden. Der "Osservatore Romano" gab ihn mit den Worten wieder: "Es gibt eine andere Gruppe von Christen ohne Christus: jene, die etwas Besonderes suchen, Dinge, die selten sind, die auf Privatoffenbarungen zurückgehen", und dies, obwohl die Offenbarung mit dem Neuen Testament "abgeschlossen" sei. Die Leute würden zu einem "Offenbarungsspektakel gehen, um neue Dinge zu hören".

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Die Gottesmutter soll zum ersten Mal vor 36 Jahren in Medjugorje erschienen sein.

Streit mit der Amtskirche um Pfarren

Doch für die herzegowinischen Franziskanern, die seit langem mit der Amtskirche im Clinch liegen, war der Vatikan schon immer weit weg. Ihr Kampf gegen die Amtskirche ist schon 140 Jahre alt. Denn die Franziskaner waren jahrhundertelang die einzigen Vertreter der katholischen Kirche während der osmanischen Zeit in Bosnien-Herzegowina. Sie hatten alle Pfarreien inne. Als die Amtskirche dann im 19. Jahrhundert Fuß fasste, wollten die mächtigen Franziskaner ihre Pfarreien nicht aufgeben.

1975 entschied der Heilige Stuhl per Dekret, dass die Franziskaner in der Herzegowina die Hälfte behalten dürften, die andere Hälfte sollte an die Weltkirche gehen. Allerdings stellten sich die Männer in den braunen Kutten dagegen. Manche wurden wegen der ständigen Aufsässigkeit sogar aus der Kirche entlassen. Doch mithilfe von Medjugorje konnten sie in den vergangenen 36 Jahren ihre Macht vor Ort wieder ausbauen. "Der Bischof hat uns einige Pfarreien weggenommen, aber Gott hat uns eine Weltpfarre gegeben. Nach Medjugorje kommen jedes Jahr mehr als eine Million Leute von überall her", sagte etwa vor ein paar Jahren Ante Pranjić vom Franziskanerkloster in Tomislavgrad süffisant zum STANDARD.

Besonders ausgeprägter Nationalismus

Ob die Franziskaner oder die Weltkirche eine Pfarre innehaben oder nicht, ist relevant. Es geht nicht nur um Spendengeldern, sondern auch um die nicht unbeträchtlichen Einnahmequellen aus Hochzeiten, Taufen oder Begräbnissen. Doch im Hintergrund geht es auch um Politik. In Bosnien-Herzegowina werden Angehörige von Religionsgruppen mit sogenannten ethnischen Gruppen gleichgesetzt. Alle Katholiken bezeichnen sich automatisch als Kroaten.

Die Westherzegowina ist ein hartes Land, heiß im Sommer, steinig, kaum besiedelt. Viele Menschen verließen die Region, weil sie hier nicht überleben konnten. Während des Zweiten Weltkriegs kam es zu schweren Verbrechen. Die faschistischen Ustascha waren hier besonders brutal, der Nationalismus besonders stark. 1941 wurden hunderte serbische Zivilisten ermordet und in eine Grube geworfen. Auch in den Jugoslawienkriegen (1992–1995) beging die Armee der bosnisch-herzegowinischen Kroaten, der Kroatische Verteidigungsrat (HVO), Verbrechen an orthodoxen und katholischen Herzegowinern. Auf Häuserwänden kann man in der Gegend heute zuweilen eine geballte Faust mit dem Schriftzug "Sinn Féin" finden – in Referenz zu den militanten Katholiken in Irland.

Hercegovačka Banka

Im letzten Krieg schufen kroatische Nationalisten in der Herzegowina die Pseudorepublik Herceg-Bosna, die an Kroatien angeschlossen werden sollte. Viel Geld floss auch danach über die Hercegovačka Banka für das politische Ziel, einen eigenen Landesteil für die Kroaten in Bosnien-Herzegowina zu schaffen. Die Franziskanerprovinz Mostar hat die Bank 1997 mitbegründet – und die Spendengelder für Medjugorje landeten auf ihren Konten. 2001 wurden allerdings die Filialen der Bank auf Anweisung des damaligen Hohen Repräsentanten Wolfgang Petritsch unter Zwangsaufsicht gestellt. Es ging um Unterschlagung und Geldwäsche. Dabei wurden 50 Unterkonten der HVO entdeckt. Manche Ortsasässige gingen damals mit Steinen auf die internationalen Soldaten los, als die Filialen unter Kuratel gestellt wurden.

Von all dem wissen die Pilger, die nach Medjugorje kommen, natürlich nichts. Hinter der zweitürmigen Kirche, wie sie in der Gegend oft zu sehen ist, versucht ein deutscher Priester gerade ein paar Leuten die Alt- und die Bassstimme des Liedes "Wachet und betet" beizubringen. Es ist Gründonnerstag. Eine Spanierin ist stolz darauf, ein bisschen die lokale Sprache gelernt zu haben. "Dobro veče", grüßt sie freundlich die Gruppe, die unter den Bäumen sitzt. Die Südkoreanerinnen blicken ihr erstaunt nach. "Dobro veče" heißt "Guten Abend" – und es ist gerade elf Uhr vormittags. (Adelheid Wölfl aus Medjugorje, 19.4.2017)

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