Anbraten: Ein Selbstversuch auf Tinder

    20. April 2017, 16:30
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    Was hat sich in den letzten 2.000 Jahren an den Finessen des männlichen Anbratens geändert? Wenig. Das haben wir bei einem Selbstversuch auf Tinder herausgefunden

    Denksportaufgabe für Aufreißertypen: In der ersten deutschen Version von "Casablanca" sagt Humphrey Bogart noch zu Ingrid Bergman: "Schau mir in die Augen, Kleines!" In der zweiten Übersetzung heißt es dann: "Ich schau dir in die Augen, Kleines." Aber welchen großen Unterschied macht das schon? Die Antwort für Cineasten lautet: keinen. Beides sind völlig falsche Übersetzungen des englischen Originalzitats: "Here's looking at you, Kid!"

    Fast 70 Jahre nach "Casablanca" sollte Männer die Nuance in den deutschen Zitaten interessieren. Vorausgesetzt, sie sind auf Dating-Apps und flirten auf Deutsch. Kein Mann darf es im Jahr 2017 wagen, eine Dame auf Tinder im Befehlston anzubraten. Für "Schau mir in die Augen!" bekäme er von jeder emanzipierten Frau die Antwort: "Ich lass mich doch nicht von dir herumkommandieren, Blödmann!" Die höfliche Ankündigung "Ich schau dir in die Augen" besitzt dagegen Klasse, wie aufgeklärten Anbratern sofort auffällt.

    Apps zum Anbandeln

    "Ich schau dir" ist eher ein Offert: Man könne sich das Leuchten in den Augen des Gegenübers ja einmal völlig unverbindlich anschauen. Die Dame des Herzens wird im schlimmsten Fall antworten: "Schau nicht so deppert." Schade nur, dass der Qualitätsunterschied von deutschen "Casablanca"-Zitaten auf Tinder nicht die geringste Rolle spielt. Beim digitalen Flirten schaut man einander nicht in die Augen.

    Warum den Autor solche Überlegungen quälen? Er hat sich wie so viele seiner Generation ein paar Apps zum Anbandeln in einem Langzeittest angeschaut. Erste überraschende Erkenntnis: Gut drei Viertel der Damen, die auf solchen Portalen vom keuschen Kumpel für Kampfsport bis zum einmaligen Erfüllungsgehilfen für Kinderwünsche wirklich alles suchen, behaupten: Sie brauchen dafür unbedingt einen Gentleman à la Humphrey Bogart. Erstaunlich, sollte man meinen. Erfordert doch weder das Brechen von Knochen besonderes Feingefühl noch eine Besamung auf Bestellung großen Esprit in der Konversation. Wie weit fromme Wünsche und Wirklichkeit ohnehin auseinanderklaffen, zeigten dann die realen Rendezvous.

    Sacherwürstel

    "Es hat alles so romantisch begonnen", erzählt eine Dame aus freien Stücken über ein vorangegangenes Treffen. "Wir trafen uns im Café Sacher. Doch bevor er auch nur zwei Sätze von sich erzählt hatte, packte er unter dem Caféhaustisch aus: sein Gemächt." Warum nur, fragt man sich? Ein schönes Foto davon hätte schon vorab und diskreter online gezeigt werden können. "Das machen auch ganz viele", sagt die Dame.

    Eine andere, die zum Glück von Sacherwürsteln unterm Tisch verschont blieb, präsentierte auf dem Smartphone eine allererste Kontaktaufnahme: "Wenn du an einer gefülvolen Pennetration interessiert bisst, bitte melde dich bei mir." Da fragt man sich nur: Kann es so schwer sein, ein Offert fehlerfrei und weniger penetrant zu gestalten? Für viele ist das schwer, glaubt die Dame. Erschreckend wenige wären an korrekter Orthografie interessiert, erschreckend viele am Koitus ohne Konversation.

    Männer, die angezogen und nicht anzüglich anbandeln, stoßen auf Widersprüche. Oft ist es dann doch nicht so entscheidend, ob sie den Macker markierenden Bogart 1 draufhaben oder sich für den sensibleren Bogart 2 entscheiden. Hauptsache, sie haben überhaupt etwas drauf und treffen Entscheidungen. Und so erstaunlich das im 21. Jahrhundert klingen mag: Von den Dutzenden begonnener Konversationen haben in diesem Flirt-Feldversuch gerade einmal vier Damen als Erste das Gespräch gesucht. Mit dem Ergreifen der Initiative beim Flirten verhält es sich also digital wie in der Disco und tippend wie lallend: Sag irgendwas was, Mann! Aber als Erster.

    Sollte sich daran seit Ovid tatsächlich nichts geändert haben? Er notierte in der "Kunst des Liebens" aufmunternd: "Von vielen wird kaum eine dir einen Korb geben. Und die sich dennoch verweigern, freuen sich immerhin, dass man sie umwarb." Eine emanzipierte Dame auf Tinder formuliert es 2.000 Jahre später fast wortgleich: "Viele kommen mir deppert. Und die meisten wollen gleich vorbeikommen. Schlimmer sind trotzdem die, die nicht wissen, was sie wollen." Erich Kästner hätte ihr bestimmt zurückgeschrieben: "Die Liebe ist ein Zeitvertreib, man nimmt dazu den Unterleib."

    Liebesschwüre

    Apropos Schreiben. Es gehört zu den großen Irrtümern der Gegenwart, das geschriebene Wort hätte als Aphrodisiakum ausgedient. Nie zuvor wurden längere Liebesschwüre formuliert, nie zuvor mehr Zeilen der Zuneigung getippt. Eine Konversation des Autors war so lang, dass sie die 15 Bücher von Ovids "Metamorphosen" übertrifft. Ovid nahm sich dafür aber zehn Jahre Zeit, er musste nicht in U-Bahnen mit stickiger Luft schreiben, und es hat ihn trotzdem gestresst: "Amor sprach's; und die Luft mit geschwungenen Fittichen schlagend, kam er in Eil'", heißt es darin.

    Eine andere Anbahnung war kürzer, dafür ging es gleich um wahre Liebe: "Welchen Pokémon magst du am liebsten?", fragte eine 46-Jährige. Und ohne die Antwort abzuwarten, jagte sie hinterher: "Oder nein, lass sie uns alle aufzählen, und Du schreibst mir, was Du an jedem einzelnen magst." Wem da nicht ein alter Liebesbrief als einzig mögliche Antwort einfällt, hat bald viel zu tun: "Angebetete! Erlaube Deiner Majestät untertänigster Kreatur, Dir seine ehrfurchtsvollsten Unterwürfigkeiten vor die zarten Füßchen zu legen. Er hat sonst wenig zu tun." Das schrieb der vielbeschäftigte Bertolt Brecht an seine Paula Banholzer.

    Die wichtigste Frage für Männer nach Bogart sollte aber sein: Kann ich ihr danach noch in die Augen schauen? Also nach dem Schreiben. Zu viele sagen unter dem Deckmantel der Anonymität Dinge, die ihnen bei echten Treffen im besten Fall peinlich wären. Das sind dann keine richtigen Männer, sondern Poster. Im Gegenzug sollte sich das Viertel aller Männer, die Frauen heute im Netz ansprechen, nicht das Echtheitszertifikat absprechen lassen. Echte Männer, heißt es, suchen das spontane Gespräch an der Schank. Oft finden sie dort aber echt keine passenden Worte. Und was ist mit der guten alten Liebe auf den ersten Blick?

    Zuerst schreiben – später sehen kann eine Preview zur Liebe auf den ersten Blick sein. Tinder ist im Idealfall etwas für Männer, die auch freudig warten können. Oder wie es 1964 Richard Burton in einem Brief an seine zweimalige Ehefrau Elizabeth Taylor formulierte: "Meine blinden Augen warten verzweifelt auf deinen Anblick." (Sascha Aumüller, RONDO, 20.4.2017)

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