Goldkettchen-Buben: Der exzentrische Streetstyle von Bilderbuch

24. April 2017, 11:06
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Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst ist das Sexsymbol der Generation Böhmermann. Er und seine Band pflegen nicht nur auf der Bühne einen exzentrischen Streetstyle

Manchmal kann ein nackter Männeroberkörper mehr als viele Worte. Und eine Poledance-Stange mehr als ein verschnarchter Herrenwitz. Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst nimmt im Video zum Hit "Bungalow" einen Staubsauger zur Hand und wickelt die eingeölte Hühnerbrust lasziv um eine Stange. Freeletics-Jüngern müsste es wie Schuppen von den Augen fallen: Kalter Männerschweiß ist so von gestern, untrainierte Männerbrüste werden im Nullkommanichts mit Babyöl zum Glänzen gebracht. Mit den muskulösen, oberkörperfreien Auftritten von Kalibern wie Caught in the Act oder Iggy Pop haben die halbnackten Räkeleien des Bilderbuch-Sängers (sowie der gesamten Vierschaft für Bandporträts im Hotelbett) nur am Rande zu tun.

foto: apa/dpa/pedersen
Bilderbuch im Februar bei den Filmfestspielen in Berlin.

"Du rufst mich an und du fragst mich, wie's mir geht, ich ruf dich an und ich frag dich, wie's dir geht", näselt Ernst, 28, ins Staubsaugerrohr und zwinkert in die Kamera. Bauch, Brustbehaarung, Wasserstoffperoxid, Goldkettchen haben lange nicht mehr so smart ausgesehen.

Die Insignien des Machotums stellt das Sexsymbol der Generation Böhmermann mit einem süffisant hochgezogenen Mundwinkel und einem Augenbrauenzucken infrage: Wir wollen doch nur spielen. Mit Verweisen, Zitaten, Klischees, Sexismen. "Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz so lang wie ein Aal", wenn das Wanda in der Lederjacke singen würden!

foto: mahir jahmal
Die Lümmel vom Sofa: Maurice Ernst und Band sehen angezogen wie halbnackt gut aus.

2013 erfand sich die vierköpfige Band Bilderbuch mit dem Album "Feinste Seide" neu. 2015 startete sie als Gegenentwurf zum speckigen Lederjackenrock von Wanda im zitronengelben Lamborghini durch. Die rasante Show kam an. Und der Applaus kam plötzlich aus der Mode-Ecke. Der wasserstoffblondierte Sänger Maurice Ernst wurde vom Männermagazin "GQ" zum "bestangezogenen Österreicher" gewählt. "Vor David Alaba, Schlusslicht Sebastian Kurz" – die Band vergaß damals nicht, die Nominierung auf Facebook überschwänglich zu kommentieren.

Man könnte meinen: Als Fans von Prince, David Bowie, Kanye West gehört es zum guten Ton, dass Bilderbuch Lust auf Mode und Glamour haben. Diese Attitüde ist im deutschsprachigen Raum keine Selbstverständlichkeit. So wirklich reden mag niemand über den Stil von Bilderbuch. Die Band nicht, der Manager mauert, die befreundete Stylistin soll auch nicht. Dabei gibt es gute Gründe, über die eklektische Ästhetik der Band ein paar Worte zu verlieren. Denn sie kommt mit einer ungeheuren Leichtigkeit daher.

Stil mit Schulterpolster

Wer sich noch einmal den Auftritt der Band während des Amadeus-Awards 2014 ansieht, dem entgeht nicht: Sogar die Branchenbeamten in der ersten Reihe des Volkstheaters applaudieren an diesem Abend Maurice Ernsts Auftritt im schultergepolsterten Sakko überm Goldkettchen, sie erheben sich sogar unter Standing Ovations aus den bequemen Samtsesseln.

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Drei Jahre später ist Bilderbuch längst keine Insidersache mehr, auf die Band können sich viele einigen. Und das, obwohl sie zwei Jahre nach dem rasanten Neustart im Lamborghini ihren Stil zugespitzt hat. Um artifiziell abgedrehte Bühnenkostüme handelt es sich bei ihren Outfits dabei nicht, Maurice Ernst pflegt einen exzentrischen Streetstyle, wie er heute in internationalen Magazinen wie "Dazed and Confused" stattfindet.

Dabei mag der Sänger zwar modisch die Richtung vorgeben, doch auch den restlichen Bandmitgliedern ist ihr Auftritt alles andere als wurscht. Man könnte sagen: Bilderbuch funktioniert auf ästhetischer Ebene deshalb so gut, weil die Outfits der vier Bandmitglieder auf derselben Wellenlänge liegen. Und die Band das Modische in ihren Musikvideos wie auf der Bühne zu einem Gesamtkunstwerk zusammenstellt.

So kommt der Tanz mit dem Staubsauger im "Bungalow"-Video einer schrägen Männer-Modestrecke aus der "i-D" der 1990er-Jahre gleich: Schlagzeuger Philipp Scheibl trägt über einem Rollkragenpullover eine weiße Latzhose (vom Streetwearlabel Carhartt), Gitarrist Mike Krammer eine Bomberjacke mit Team-Marlboro-Logo. Sie wurde von Nachwuchsdesigner Hvala Ilija, der noch in der Modeklasse der Universität für angewandte Kunst studiert, entworfen.

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Die vier Musiker mixen Vintage-Stücke, Streetstyle-Marken und (österreichische) Kleinstlabels wie Neubau Eyewear oder Julian Zigerli miteinander. Hilfestellung leistet ihnen dabei die befreundete Stylistin Angie Pohl. Im aktuellen Video "Baba" vom Album "Magic Life" hat Sänger Maurice Ernst zusammen mit Elizaveta Porodina Regie geführt. Dass das Ergebnis wie ein cooles Strandshooting aussieht, verwundert nicht: Porodina ist Modefotografin.

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Dass es bei Bilderbuch keine strenge Trennung zwischen Kunst und Alltag, zwischen Bühne und Talksendung gibt, bewies Ernst zuletzt in der Sendung "Willkommen Österreich". Der Sänger trug ein T-Shirt aus der hippen Kooperation von Fila mit Gosha Rubchinskiy, dazu eine weite Karohose, graue Asics-Sneaker. Letzteres ist kein Zufall. Mit der Marke pflegt die Band Bilderbuch eine enge Verbindung. Im Indie-Kosmos der 1990er-Jahre wäre das ein No-Go gewesen.

Nicht nur das. Mit dem Song "Sneakers4free" besingen Bilderbuch nicht wie einst Run-D.M.C. mit "MyAdidas" eine Marke. Das läuft heute anders. Während der Tour tut sich auf der Bühne wie nebenbei eine Sneaker-Wand auf. Sie ist mit unzähligen weißen Asics bestückt. (Anne Feldkamp, RONDO, 24.4.2017)

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  • Peace-Zeichen auf der Levi's und Problem-Shirt: Maurice Ernst hat keine Angst vor Mode.
    foto: elizaveta porodina

    Peace-Zeichen auf der Levi's und Problem-Shirt: Maurice Ernst hat keine Angst vor Mode.

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