Weinkritik: Pervertierung des Verkostens

Kolumne27. April 2017, 07:00
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Geschmack lässt sich nicht in Punkten ausdrücken. Das müssen auch Weinkritiker einsehen

Weingeschmack ist subjektiv. Nun wurde es auch wissenschaftlich belegt. Der Neurowissenschafter Gordon M. Sheperd von der Universität Yale behauptet in seinem jüngsten Buch "Neuroenology – How the Brain Creates the Taste of Wine", Geschmack sei nicht im Wein, sondern werde vom Gehirn erzeugt. "Geschmack hat die Qualität einer Illusion", ist er überzeugt. Weinverkosten sei zwar ein hochkomplexer Vorgang, der mehr Gehirnfunktionen beanspruche als jede andere Tätigkeit – die wesentlichen Vorgänge würden sich aber in Hirnarealen abspielen, die für Emotionen zuständig sind. Und die sind eben ziemlich individuell.

Warum gerade professionelle Weinverkoster für sich beanspruchen, objektiv zu urteilen, ist seltsam. Laut Sheperd hat ihre Beurteilung lediglich den Wert einer Täuschung. Diesen Eindruck hat man tatsächlich oft. Abgesehen davon, dass solche Bewertungen zustande kommen, indem hunderte Weine in einem Affentempo gegurgelt und ausgespuckt werden, als handle es sich um ein Rachenantiseptikum.

Die absolute Pervertierung des Verkostens ist aber die Punktebeurteilung: Der subjektive Geschmackseindruck wird dabei auf ein Notensystem heruntergebrochen. Ein unwürdiges Unterfangen und schnödes Marketinginstrument. Der Konsument glaubt es und entmündigt sich selbst. Der Handel reibt sich die Hände. (Christina Fieber, RONDO, 27.4.2017)

  • Punktebewertungen: Ein "unwürdiges Unterfangen".
    foto: dpa/ karl-josef hildenbrand

    Punktebewertungen: Ein "unwürdiges Unterfangen".

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