Die Wiener Moderne als Computerspiel

24. April 2017, 11:32
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Computerspielentwickler versuchen oft Settings zu schaffen, die mit einer globalen Zielgruppe kompatibel sind. Das Spiele-Start-up Mi 'pu 'mi hat Wien zum Schauplatz gemacht

Wien – Wilma, eine junge, aufstrebende Komponistin im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts, hat ein Problem. Sie arbeitet an ihrer bisher wichtigsten Komposition. Ihr erstes großes Konzert steht vor der Tür. Doch die Musikstudentin leidet an einer Schreibblockade. Ihr Professor, der an sie glaubt, schickt sie auf eine einsame Berghütte. Dort soll sie wieder Inspiration finden. Und die Spieler vor dem Computer sollen ihr dabei helfen.

Denn Wilma ist die Hauptprotagonistin der ersten Episode von The Lion's Song, einem Computerspiel des Wiener Entwicklerstudios Mi'pu'mi Games. Dort hatte man die Idee, ein klassisches Point-&-Click-Adventure in einer Epoche anzusiedeln, für die die Hauptstadt der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie berühmt ist: die Wiener Moderne.

Das Spielprinzip beinhaltet, dass man nach Objekten sucht und mit ihnen interagiert, um die Handlung voranzutreiben. Die Auseinandersetzung mit Büchern, dem Regen, den Bergen kann Wilma helfen, ihre Inspiration zu finden, und die interaktive Geschichte, in der sich der Spieler einbindet, fortschreiben. Entscheidungen, die man trifft, wirken sich nicht nur auf Erfolg oder Niederlage von Wilma, sondern auch auf den Spielverlauf der folgenden Episoden aus.

Pixelästhetik

The Lion's Song mit insgesamt vier Episoden ist das erste eigene Projekt des Entwicklerstudios, das bisher unter anderem Entwicklungsbeiträge für große Spieletitel etwa der Anno- oder Hitman-Reihe leistete. "Viele Spiele haben die USA, Russland oder Brasilien als Schauplatz. Dabei könnte man viel stärker die Welt vor der eigenen Haustür zum Thema machen", sagt Gregor Eigner, einer der Gründer von Mi'pu'mi.

Die ursprüngliche Idee stammte von einem der Designer des Unternehmens, Stefan Srb, der damit eine gute Platzierung beim internationalen Spielentwicklerwettbewerb Ludum Dare einfuhr. Schnell war klar, dass man ein größeres Projekt daraus machen wollte. Point-&-Click-Abenteuer erlebten eine erste Blütezeit Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre. Viele der Spieler sind dementsprechend keine Jugendlichen mehr. Inspiriert von der Welt Sigmund Freuds, Hans Makarts, Erwin Schrödingers oder Ludwig Wittgensteins wurde gemeinsam mit einem externen Autor ein Abenteuer in der für die Frühzeit der Computerspiele typischen Pixelästhetik geschaffen.

Eigner, der Rechtswissenschaften und BWL studiert hat, bastelte schon früh an Sounds für Computerspiele. Nach einer Karriere als Projektmanager in verschiedenen Spieleschmieden startete er 2009 mit Partnern ein eigenes Unternehmensprojekt, das mittlerweile 30 Mitarbeiter hat.

Forschung und Entwicklung in der Spielebranche ist für ihn von der Konkurrenzsituation geprägt. "Hunderte Firmen arbeiten an denselben Technologien, weil es keinen Wissensaustausch gibt", so der Gründer. Für ihn bestehe ein Unterschied zwischen subjektiver Forschung, die Neues in ein Unternehmen bringt, und objektiver Forschung, die auf Branchenebene Neues einführt. Trotz Spezialisierungen sollte man flexibel bleiben: Das letzte Jahrzehnt brachte etwa zuerst einen Boom an Social-Media-Spielen, dann war plötzlich "Mobile" das bestimmende Schlagwort, jetzt ist mit neuer Hardware Virtual Reality und Augmented Reality en vogue.

Eigner, der auch an der FH Technikum Wien in einer industriespezifischen Ausbildung tätig ist, glaubt, dass die Anforderungen für den Nachwuchs in der Branche sehr hoch sind. "Man kann nicht sagen: Ich habe eine Ausbildung, und das reicht. Man muss über das Studium hinaus ständig selbst an eigenen Dingen arbeiten", betont der Gründer, in dessen Unternehmen schon mehrere FH-Absolventen arbeiten.

Brillante Mathematikerin

Vor kurzem ist die dritte Episode von Lion's Song auf der Spieleplattform Steam erschienen. Nach Wilmas Suche nach Inspiration war in Episode zwei Franz der Maler auf der Suche nach sich selbst. Die Dialogentscheidungen, die der Spieler für Franz in dessen Begegnungen trifft, haben Einfluss auf die Bilder, die er malt. In Episode drei muss die brillante Mathematikerin Emma nicht nur eine harte wissenschaftliche Nuss knacken, sondern sich vor allem auch in einem männerdominierten Metier durchsetzen. Eine finale Episode vier und Umsetzungen für mobile Apple- und Android-Geräte sollen noch heuer folgen. (Alois Pumhösel, 24.4.2017)

  • Die Ruhe einer Berghütte vor dem alles entscheidenden Konzert: Komponistin Wilma ist im Computerspiel "The Lion's Song" auf der dringenden Suche nach Inspiration.
    foto: mi'pu'mi

    Die Ruhe einer Berghütte vor dem alles entscheidenden Konzert: Komponistin Wilma ist im Computerspiel "The Lion's Song" auf der dringenden Suche nach Inspiration.

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