Lew Jaschin: Der gute Mensch aus Moskau

Rezension mit Video19. April 2017, 08:44
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Eigentlich wollte Lew Iwanowitsch Jaschin Schachweltmeister werden, seine Bestimmung fand er dann jedoch im Fußballtor – eine neue Biografie befasst sich mit dem Revolutionär zwischen den Pfosten

"Der russische Torhüter Jaschin trug schwarze Hosen, schwarzes Leibchen und schwarze Handschuhe. Das gab ihm das Aussehen eines Magiers. Keiner hätte sich gewundert, hätte er den Ball vor der staunenden Menge in ein Kaninchen verwandelt." ("AZ", 19. Juni 1958)

Auch der Berichterstatter der "Arbeiterzeitung" ("AZ") bei der Fußball-Weltmeisterschaft des Jahres 1958 in Schweden konnte sich der Aura des Lew Iwanowitsch Jaschin nicht entziehen. Wie so viele Zeitgenossen scheint er von jenem Mann fasziniert gewesen zu sein, der die Rolle des letzten Mannes so ganz anders interpretierte als damals üblich. Für Dietrich Schulze-Marmeling, den Autor der eben im Verlag Die Werkstatt erschienenen Biografie Jaschins, gilt Nämliches. Im Gespräch mit dem STANDARD erinnert sich der Münsteraner Fußballhistoriker an jugendliche Straßenkickertage in den 1960er-Jahren: "Für mich war immer klar: Torhüter müssen in Schwarz spielen. Als ich einmal ein schwarzes Torwarttrikot mit weißem Kragen hatte, habe ich den abgeschnitten. Er gehörte nicht dazu." Jaschin sei zwar kein zweiter Beckham gewesen, aber doch stilbildend.

Der Moskauer, 1990 im Alter von nur 60 Jahren einem Krebsleiden erlegen, gilt als herausragender Vertreter seines Fachs. 1965 wurde er als erster und bisher einziger Goalie zu Europas Fußballer des Jahres gewählt, 1999 zum Fifa-Torhüter des Jahrhunderts erkoren. Jaschin war auch der einzige Fußballer, dem die Sowjetunion den Leninorden verlieh, die höchste Auszeichnung des Landes.

Der Drang, mitzumischen

Dabei träumte Jaschin, 1929 in Moskau geboren und gelernter Schlosser, in seiner Jugend eigentlich davon, Schachweltmeister werden. Zum Mannschaftssport bei Dynamo Moskau kam er als Feldspieler – beim Fußball, wie beim Eishockey. Denn auch auf Kufen hatte Jaschin Klasse, 1953 gewann er, da bereits im Goal, mit den Dynamo-Cracks den sowjetischen Pokal. Diese Sozialisation, so Schulze-Marmeling, spiegelte sich in seiner Spielweise. Jaschin drängte es zu aktiver Teilnahme. Er wollte nah ans Geschehen heranrücken, anstatt nur auf der Torlinie zu warten. So kam es, dass man bereits in der "AZ" vom 13. Juni 1958 eine recht akkurate Beschreibung des modernen Goalies finden konnte:

"Ihr bester Mann ist der Torhüter Jaschin, ein Riesenkerl, der sich erstaunlich schnell auf den Boden wirft und die tiefen Schüsse hält. Er steht weit vor dem Tor, ein elfter Feldspieler, er dirigiert seine Verteidigung mit lauten Zurufen, und sonderbarerweise sind es keine Schreie, eher klingt es wie der Sang des Muselmannes, der zum Gebet ruft."

Österreichs Nationalmannschaft war den Sowjets in der WM-Vorrunde mit 0:2 unterlegen, beim Stand von 0:1 hatte Jaschin einen Elfmeter pariert. Hans Buzek, damals der Jüngste in der ÖFB-Elf, hatte antreten müssen und scheiterte. Jaschin war eben auch ein veritabler Elfer-Killer, insgesamt soll er während seiner Karriere 151 Penaltys entschärft haben, bei Dynamo in einer Saison einmal gar acht von elf.

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Jaschin in Aktion.

Es gab, sagt Schulze-Marmeling, Momente im Spiel, die Jaschin von anderen Torhütern unterschieden. Da war etwa seine gewaltig Faustabwehr oder eine typische Manier, mit dem Ball abzurollen, die Sepp Maier später für sich adaptieren sollte. Eleganz, Souveränität, Strafraumbeherrschung und Stellungsspiel sind Schlagwörter, die Zeitgenossen bezüglich Jaschin in den Sinn kamen. Dabei versagte er sich offenbar jede überflüssige Geste oder Bewegung. Jaschin praktizierte so etwas wie stilistisch bestechenden Minimalismus.

Und da waren seine außergewöhnlich weiten Abschläge. Auch davon bekamen die Österreicher in der schwedischen Kleinstadt Boras vor dem zweiten sowjetischen Tor eine (nicht sonderlich wohlschmeckende) Kostprobe:

"Jaschin schießt aus, der Rechtsverbinder Alexander Iwanow übernimmt den Ball und schießt ein. Kein anderer Spieler, außer Jaschin und Iwanow, hatte den Ball berührt, das war Fußball, reduziert auf: Schieß aus, Towarisch, schieß ein, Towarisch!" ("AZ", 13.6. 1958)

Der Mann in Schwarz wurde vom Publikum als Individuum wahrgenommen. Er stach heraus, durch seine Spielweise wie auch durch seine physische Erscheinung. Beides komplementierte die die ohnehin gegebene herausgehobene Stellung des Tormanns noch. Jaschins Körpergröße von 1,89 Meter, und der Urgrund dafür, weshalb er überhaupt zwischen die Pfosten abkommandiert worden war, galt zu seiner Zeit als außergewöhnlich.

Der nette Sowjetrusse

In einem Atemzug mit Jaschins sportlicher Exzellenz lobten seine Kollegen aber immer auch dessen menschlichen Qualitäten. In seiner unbedingten Fairness und der Menschlichkeit, die er ausstrahlte, galt Jaschin als vorbildlicher Sportsmann. Er war, sagt Schulze-Marmeling, der mit seinem Buch nebenbei auch eine kleine Geschichte des sowjetischen Fußballs liefert, eine durch und durch humane Erscheinung und konterkarierte so das im Westen vorherrschende Klischee des kalten, maschinenhaften Sowjetmenschen.

Lassen wir hierzu noch ein letztes Mal die "AZ" zu Wort kommen:

Das Abschlußtraining der Russen war hart. Sie haben, wie stets, ohne Fröhlichkeit trainiert. (…) Dazu der Ernst und die Stille, als dürfe keiner reden – die Häftlinge haben Zehnuhrpause und traben im Hof des Zuchthauses ihre Runden. Die Brasilianer haben den Gegner leben lassen, sie haben ihm Raum im Mittelfeld geschenkt, sie haben ihn nicht mit Knüppeln verfolgt. Die Russen jedoch werden mit Knüppeln zuschlagen. Sie werden kämpfen, um ihr Leben rennen, sie werden ihre Gegner bewachen, sie werden ihr grausames System der Unterjochung auf dem Spielfeld ausbreiten, denn Rußland ist überall, auch in Boras. (11.6. 1958)

In der paranoiden Epoche des Kalten Krieges scheint Jaschin, der gute Mensch von Moskau, auch eine Art Entspannungspolitiker gewesen sein. Besonders die Deutschen schwärmten von ihm. "Mittlerweile", sagt Schulze-Marmeling, "gilt es als selbstverständlich, dass es eine deutsche Kriegsschuld gab. Aber meiner Generation wurde das nicht so vermittelt, wir mussten da erst selbst darauf kommen." Die russische Bedrohung galt als real, jeden Tag konnte die Rote Armee vor der Türe stehen. "Und dann ist da einer, der ist freundlich und gibt uns die Hand." Auch die deutschen Nationalspieler dürften das so empfunden haben. Uwe Seeler etwa schwärmte geradezu von Jaschin: "Sein ganzes Verhalten war vorbildlich. Große Ausstrahlung. Er hatte immer ein großes Verständnis vom Sport, vom Fußball, von Fairness. Aber er war nicht nur ein guter Torwart, sondern auch ein toller Mensch."

In Teufels Küche

Jaschin war bereits 24 Jahre alt, als er 1953 bei Dynamo endlich zur Nummer eins wurde. Der Karrierestart war alles andere als glänzend verlaufen, sein Hang zur Aktivität hatte den jungen Keeper erst einmal in Teufels Küche gebracht. Bei seinem ersten Meisterschaftsspiel unterlief Jaschin, eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselt, gleich ein schlimmer Patzer. Schulze-Marmeling: "Jaschin hätte stehenbleiben können, aber er rennt heraus, will klären, und das geht furchtbar in die Hose." Es folgen drei Jahre Verbannung auf die Ersatzbank.

Jaschin blieb sein ganzes Fußballerleben lang bei Dynamo. Als es 1970 zu Ende ging, hatte er 813 Matches absolviert und fünf Meisterschaften gewonnen. Dass sein mit den staatlichen Sicherheitsorganen verbandelter Verein bei weitem nicht so wohlgelitten war wie der Stadtrivale Spartak, konnte der Popularität Jaschins nichts anhaben. Bei seinem Abschiedsspiel gegen eine internationale Auswahl füllten 103.000 Zuschauer das damalige Moskauer Lenin-Stadion. Mit der Nationalmannschaft nahm er an vier WM-Endrunden teil, 1960 siegten Jaschin und die Sowjets bei der ersten Europameisterschaft, die eigentlich Europapokal der Nationen hieß. Es ist bis heute der einzige Titel der Sbornaja geblieben.

Das Leben nach der Karriere verlief unauffällig. Jaschin betrieb in den Gremien von Dynamo und als Vizepräsident des russischen Fußballverbands unauffällig Sportpolitik. Die Angaben, welche Funktionen er tatsächlich ausübte, sind widersprüchlich, sagt Schulze-Marmeling. Bald zeigten sich beim starken Raucher Jaschin die Folgen seiner Sucht: 1982 erlitt er zwei Schlaganfälle, 1984 folgte eine Beinamputation, 1989 eine weitere.

Schulze-Marmeling geht davon aus, dass die Veranstalter der Weltmeisterschaft 2018 Jaschin prominent in die Auslage stellen werden: "Er ist nach wie vor der berühmteste russische Fußballer, und so viele andere Größen gibt es nicht. Außerdem wissen sie natürlich, dass Jaschin überall auf der Welt sehr populär war." Er wartet schon beim Luschniki-Stadion, wo in einem Jahr das Endspiel ausgetragen werden wird. In Bronze gegossen hält Jaschin einen Ball in den Händen. Er ist die Ruhe selbst. (Michael Robausch, 19.4.2017)

Dietrich Schulze-Marmeling
Lew Jaschin
Der Löwe von Moskau
Verlag Die Werkstatt

272 Seiten
ISBN: 978-3-7307-0331-1
1. Auflage 2017


  • Lew Jaschin mit einer Parade im WM-Halbfinale 1966 gegen Deutschland. Die Sowjetunion unterliegt mit 1:2, belegt am Ende Platz vier.
    foto: ap

    Lew Jaschin mit einer Parade im WM-Halbfinale 1966 gegen Deutschland. Die Sowjetunion unterliegt mit 1:2, belegt am Ende Platz vier.

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