Ungarn an Österreich: "Russischer Partner wird ein gutes AKW bauen"

18. April 2017, 07:00
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Österreich müsse die ungarische Entscheidung akzeptieren, sagt der Regierungsbeauftragte für das AKW-Projekt Paks 2, Attila Aszódi

Das ungarische Atomkraftwerk Paks ist 250 Kilometer von Wien entfernt. In den kommenden Jahren will die ungarische Regierung dort zwei neue Atommeiler errichten. Das Projekt ist umstritten: Paks 2 wird mithilfe eines russischen Milliardenkredits errichtet. Die EU-Kommission hat das Vorhaben zwar genehmigt, die Streitereien sind damit aber nicht zu Ende. Der Regierungsbeauftragte Attila Aszódi meint, dass die Errichtung eines AKW durch einen russischen Konzern die Abhängigkeit von Moskau weniger erhöhe als die Gasimporte anderer EU-Länder. Österreich müsse die Entscheidung über die Energiegewinnung Ungarns akzeptieren.

STANDARD: Warum braucht Ungarn zwei neue Atomkraftwerke?

Aszódi: Wir befinden uns nicht in so einer glücklichen Lage wie Österreich, wo es viele Gebirgsflüsse gibt, mit deren Hilfe sich Energie erzeugen lässt. Atomenergie ist für Ungarn die einzige CO2-freie Technologie zur Stromerzeugung, die wetterunabhängig ist und unseren Bedarf decken kann. Nun stehen in Paks bereits vier alte Kraftwerkblöcke, die alle zwischen 1982 und 1987 errichtet wurden und für 30 Jahre in Betrieb sein sollten. Diese Spanne wurde noch einmal um 20 Jahre verlängert. Ab Mitte der 2030er-Jahre sollen die vier alten Blöcke abgeschaltet sein und durch die neuen Blöcke ersetzt sein. Diese zwei neuen Meiler werden in den kommenden zehn Jahren errichtet.

STANDARD: Die österreichische Regierung droht eine Klage gegen den Bau von Paks 2 wegen illegaler staatlicher Beihilfen beim EuGH einzureichen. Der ungarische Staat finanziert das Kraftwerk und wird es betreiben.

foto: tass
Hofft, dass Österreich Ungarns Entscheidung akzeptiert: Regierungsbeauftragter Attila Aszódi.

Aszódi: Österreich hat die rechtliche Möglichkeit dazu. Aber unseres Erachtens wäre Wien mit der Klage nicht erfolgreich. Wir hoffen, dass Österreich im Rahmen der gutnachbarlichen Beziehungen akzeptiert, dass Ungarn so wie jedes andere Land der EU selbst entscheiden kann, welche Mittel zur Energiegewinnung es nutzen möchte. Die EU-Kommission hat in den vergangenen eineinhalb Jahren Paks 2 sehr gründlich geprüft und grünes Licht gegeben.

STANDARD: Paks 2 ist international umstritten, weil Russland mitmischt. Welche Rolle spielt Moskau bei der Errichtung des Kraftwerks?

Aszódi: Der Generalunternehmer, den wir mit der Errichtung des Kraftwerks betraut haben, ist eine Tochtergesellschaft der russischen Rosatom, die Atomstroyexport. Dieses Unternehmen wird Paks 2 bauen und zahlreiche internationale Unternehmen mit Ausführungsarbeiten beauftragen. Eigentümer und Betreiber von Paks 2 wird eine eigene Gesellschaft sein. Diese wird sich 100 Prozent in ungarischem Staatsbesitz befinden.

STANDARD: Ungarn hat einen Kredit im Volumen von zehn Milliarden Euro bei Russland aufgenommen. Warum hat die Regierung nicht ein Partnerland in der EU wegen einer Finanzierung gefragt?

Aszódi: Das Budget beläuft sich auf 12,5 Milliarden Euro. 80 Prozent der Finanzierung kommen aus Russland, den Rest wird Ungarn aufstellen. Wir haben diese Konstruktion gewählt, weil Russland neben dem Bau eines Atomkraftwerks mit modernster und sicherster Technologie auch eine günstige und einzigartige Finanzierung angeboten hat. Russlands Beitrag zu Paks 2 ist eine Art Exportfinanzierung.

STANDARD: Das beantwortet die Frage nicht: Russland steht unter EU-Sanktionen. Warum wurde keine Alternative gefunden?

Aszódi: Weil es nicht einfach ist, für so ein Projekt eine Finanzierung zu finden. Die Bauzeit beträgt zehn Jahre. Zurückgezahlt werden müssen die russischen Kredite erst binnen 21 Jahren. Das ist eine sehr spezielle Konstruktion. Russland hat Ungarn auch zugestanden, den Kredit jederzeit zu tilgen, was sehr vorteilhaft ist.

STANDARD: Kritiker sagen, Ungarn begibt sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Moskau. Ihr Land setzt sich auch für ein Ende der EU-Sanktionen ein.

Aszódi: Der Vertrag zwischen Russland und Ungarn ist öffentlich. Da kann man nachlesen, dass der Kredit an keine russischen Bedingungen geknüpft ist.

STANDARD: Russland würde ja nicht in den Vertrag hineinschreiben, dass sich Ungarn zum Beispiel verpflichtet, für die Aufhebung der EU-Sanktionen zu kämpfen.

Aszódi: In unserer Region ist jedes Land auf Energieimporte aus Russland angewiesen. Russisches Erdgas wird auch nach Österreich und in die Slowakei verkauft. Unlängst hat Deutschland das Nordstream gebaut und hat Pläne Nordstream 2.0 zu bauen. Diese Erdgas-Importe erzeugen aber unserer Meinung nach ein weit größeres Abhängigkeitsverhältnis als der Bau eines Atomkraftwerkes, dessen Brennstäbe wir uns für Jahre im Voraus beschaffen und sicher lagern können. Würden wir Paks 2 nicht bauen, müsste Ungarn erst recht mehr Erdgas importieren, um den Energiebedarf zu decken.

STANDARD: Warum greift man nicht auf westliches Know-how zurück?

Aszódi: Wir kennen die russische Atomtechnologie in Ungarn seit den 1980er-Jahren. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Unser russischer Partner wird ein gutes und sicheres Atomkraftwerk bauen. (András Szigetvari, 18.4.2017)

Attila Aszodi (47) ist Professor für Nukleartechnologie an der Technischen Universität Budapest. Die Regierung von Premier Viktor Orbán hat den Vater von drei Kindern 2014 zum Sonderbeauftragen für das AKW Paks 2 ernannt.

  • Das AKW Paks 2 soll zwei neue Meiler erhalten und sei sicher und gut, meint Regierungsbeauftragter Aszódi.
    foto: reuters/laszlo balogh

    Das AKW Paks 2 soll zwei neue Meiler erhalten und sei sicher und gut, meint Regierungsbeauftragter Aszódi.

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